Paul Carell als Quellengeber der Bundeswehr

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Ein aufschlussreicher Beitrag zur Geschichte der bundesrepublikanischen Erinnerungskultur.“
So die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zu dem Buch:
Wigbert Benz: Paul Carell. Wissenschaftlicher Verlag Berlin
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„Einsatznah ausbilden“ mit Paul Karl Schmidt alias Paul Carell, Pressechef im Nazi-Außenministerium.
Führender NS-Propagandist als Ghostwriter oder Quellengeber offizieller Ausbildungsmaterialien der Bundeswehr. Aus: Forum Pazifismus Nr. 26 (2010), S. 13-15
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Paul Karl Schmidt alias Paul Carell (1911-1997) hat mit seinen Bestsellern zum Zweiten Weltkrieg das Bild vom Krieg der Wehrmacht als sauberen, kameradschaftlichen und heldenhaften Kampf geprägt. Als politischer Journalist schrieb er u.a. in der „Zeit“ zu den Ursachen beider Weltkriege, im „Spiegel“ zur Reichstagsbrandkontroverse, er behauptete, Hitler sei mit dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 einem Angriff der Roten Armee nur zuvorgekommen, und forderte in den Springer-Medien die Bereitschaft der Bundeswehr zum Präventivkrieg, so dezidiert in der „Welt am Sonntag“ vom 21. Oktober 1979. Zuletzt schrieb er in seinem „Bild“-Artikel vom 5. Februar 1991 zum „Golfkrieg/Lehren aus dem 2. Weltkrieg“ und propagierte in seinem viel verkauften Stalingrad-Band 1992 die These vom Präventivkrieg im Osten 1941. Bis zum Tod des Verlegers Axel Springer 1985 fungierte er als dessen enger Berater, Redenschreiber und Sicherheitschef. Vor 1945 avancierte der schon als Oberprimaner 1931 in die NSDAP eingetretene überzeugte Nazi bereits mit 28 Jahren zum jüngsten Gesandten I. Klasse bzw. Ministerialdirigenten im NS-Regime und fungierte als SS-Obersturmbannführer. Schmidt leitete die Presseabteilung des NS-Außenministeriums und hatte wesentlichen Anteil an der Auslandspropaganda des Regimes. In diesem Zusammenhang machte er propagandistische Vorschläge zur Rechtfertigung der Deportation von Juden aus Budapest 1944. Konkret regte er am 27. Mai 1944 an, jüdischen Synagogen Sprengstoffe und Waffen unterzuschieben und dann umgehend eine Razzia durchzuführen, um die Opfer als kriminelle Täter präsentieren zu können.(1)

Das Internetportal „german-foreign-policy“ berichtet nun am 28. April 2010 (2), gestützt auf Analysen des renommierten Militärhistorikers und früheren Wissenschaftlichen Direktors für „Militär und Gesellschaft“ am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr, Detlef Bald (3), dass Auszüge aus Paul Carells Texten in den aktuellen Ausbildungsmaterialien „Einsatznah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst“(4) für die Schulung von Bundeswehrsoldaten genutzt werden. Nach diesen „Hilfen“ dient Paul Carell als Quelle für die Zielsetzung „einsatznah ausbilden“ an drei Beispielen von Operationen der Wehrmacht: zwei in der Normandie 1944 zu den Ausbildungsthemen „Tarnen“(5) und „24-Stunden-Kampftag“(6); eine beim Krieg gegen die Rote Armee Anfang März 1943 zum Thema „Kampf bei ungünstigem Wetter“.(7)

Die „Hilfen“(8) enthalten insgesamt 135 Quellen, aus denen zitiert wird. Sie sind folgenden Kategorien zugeteilt. Erstens: 44 Heeresdruckvorschriften, Merkblätter und Verfügungen – allesamt aus der Zeit vor 1945. Zweitens: 20 kriegsgeschichtliche Einzeldarstellungen – von Clausewitz bis zu Büchern von Historikern des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Drittens: 47 „Erlebnisberichte, Erfahrungsberichte, Einzelbeiträge“ – darunter als Quelle Nr. 68 Paul Carells „Sie kommen“ (1960) über die Invasion der Alliierten in der Normandie und als Quelle Nr. 69 „Verbrannte Erde“ (1966), die Fortsetzung seines Bestsellers „Unternehmen Barbarossa“ (1963). Viertens: 24 Quellen zur „Truppengeschichte“, worunter auch als letztgenannte Quelle Nr. 135 Franz-Josef Strauß’ „Friedens- und Kriegserlebnisse einer Generation“ (1960) verstanden wird.

Einleitend wird in den „Hilfen“ erklärt, dass „Auszüge aus Erlebnis- und Erfahrungsberichten des deutschen Heeres im 2. Weltkrieg (als) Bilder, die den Kriegsalltag begreifbar machen oder deutsche Ausbildungsmängel und Schwachstellen aufdecken“, der „Vorstellung von Kriegswirklichkeit“ und damit „eine(r) letztlich auch an den Erfordernissen des Krieges ausgerichtete(n) Ausbildung“ dienen.(9) Paul Carells Texte werden als solche „Erlebnis- und Erfahrungsberichte“ für die Ausbildung genutzt. Methodisch gesehen steht dem jeweiligen Quellenauszug auf der linken geraden Seite die entsprechende Bewertung und Lehre der Ausbilder auf der rechten ungeraden Seite gegenüber. So wird Paul Carells Text zum Ausbildungsthema „Tarnen“, in dem er unter der Überschrift „Panzer auf Sicherung, Normandie 1944“ beschreibt, wie Panzer für den Feind getarnt werden, von den Autoren der „Hilfen“ wie folgt bewertet: „Diese Schilderung zeigt, was Tarnen heißt: Jeder Soldat muss seine Stellung mit den Augen des Feindes gesehen haben. Dann wird er auch an richtige Tarnung denken und seine Bewegungen in und hinter der Tarnung entsprechend einrichten. Lehre: Zügiges und sorgfältiges Tarnen fordern, bei der Ausbildung im Tarnen jedoch Zeit nehmen.“(10) Carells Quellenauszug zum Ausbildungsthema „24-Stunden-Kampftag“, der ebenfalls die Panzersicherung in der Normandie beschreibt und ausführt, was es bedeutet, „13 Tage ohne einen Tropfen Waschwasser zusammengepfercht in einem stählernen Sarg“ zu überleben, wird als Fallbeispiel für eine Lage gewertet, die „es verbietet, einen bisher vom Feind nicht erkannten Panzer zu bewegen“. Als Lehre wird angegeben: „Alle Führungs- und Fürsorgemaßnahmen darauf abstellen, dass es nach 3 Tagen kein [fettgedruckt]) ‚Übungsende’ gibt.“(11) Und Carells Quelle zum Ausbildungsthema „Kampf bei ungünstigem Wetter“, in der er wegen abwechselnd verschneiter und aufgetauter Straßen die gleichermaßen auf Schlitten und Räderfahrzeuge orientierte Rückzugsbewegung der Wehrmacht aus ihren Wolga-Stellungen vor Rschew betont, wird so bewertet: „Einsatznah ausbilden heißt hier, die Truppe dem maßgebenden, oft unberechenbaren und zufallsgesteuerten Einfluss des Wetters auszusetzen, damit sie Grunderfahrungen für ihren Einsatz, das Leben und Überleben gewinnen. Lehre: Im Laufe des Ausbildungsjahres stetig im 24-Stunden-Kampfftag-Rahmen üben.“(12)

Die Begeisterung der Autoren des Heeresamtes in ihrer Ausbildungsschrift für den aktuellen Gebrauchswert von Paul Carells Texten für die Schulung heutiger Bundeswehrsoldaten ist nicht zu überlesen. Ihre Lehre, die sie daraus ziehen: „stetig im 24-Stunden-Kampftag-Rahmen üben“.
Auf meinen Vorschlag an die Redaktion der ARD-Sendung „Kontraste“, diesen Sachverhalt zu thematisieren, erklärte die zuständige Redakteurin, die Wehrmachtstraditionen der Bundeswehr seien bereits in dem Beitrag „Unselige Traditionen“ der „Kontraste“-Sendung vom 9. April 2009 thematisiert worden (13), auch die Nennung von Paul Carell als Quelle der Bundeswehrausbildung sei ursprünglich in dem Sendebeitrag vorgesehen gewesen, doch ausgerechnet „diese Passage“, so die Redakteurin, „mussten wir kürzen, weil der Beitrag schon Überlänge hatte“. Aber auch ohne den Hinweis auf Schmidt-Carell könne sie die erfreuliche Mitteilung machen: „Aufgrund unserer Berichterstattung wurden diese Ausbildungsbücher von der Bundeswehr im letzten Jahr aus dem Verkehr gezogen und werden nicht mehr benutzt.“(14) In der Antwort der Bundesregierung auf eine der „Kontraste“-Sendung folgenden Kleinen Anfrage der Bundestags-Fraktion Die Linke mit dem Betreff „Wehrmachtsverherrlichung durch offizielle Ausbildungshandbücher“ wird zwar eingeräumt: „Seit 1985 wurden 67000 Exemplare der Ausbildungshilfe ‘Einsatznah ausbilden’ und 56500 Exemplare ‘Üben und Schießen’ gedruckt.“(15) Doch dann führt die Bundesregierung in ihrer Antwort weiter aus: „Eine Überarbeitung der Ausbildungshilfen wurde bereits im Januar 2009 angewiesen. Zwischenzeitlich werden diese beiden Schriften in der vorliegenden Form nicht mehr für die praktische Ausbildung genutzt.“(16) Wie weit die Überarbeitung der „Ausbildungshilfen“ mittlerweile gediehen ist, bleibt ebenso unklar wie die Einlassung, sie würden in der „vorliegenden Form“ nicht mehr genutzt, was nicht heißen muss, dass sie aus dem Verkehr gezogen wurden, sondern zum Beispiel in Auszügen, etwa als Kopien vermeintlich unbedenklich erscheinender Quellen Verwendung finden können. Weder in der „Kontraste“-Sendung vom 9. April 2009 noch in der darauf folgenden erwähnten Bundestags-Anfrage wurde ja explizit darauf Bezug genommen, dass es sich bei in den „Hilfen“ verwendeten Quellen des Bestsellerautors Paul Carell um den Pressechef im Auswärtigen Amt 1940-1945, Paul Karl Schmidt, handelte.

Militärhistoriker Detlef Bald bleibt skeptisch. Nach seiner Auskunft hat sein bis März 2010 andauernder Briefwechsel mit dem Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages lediglich ergeben, dass seine – Balds – Kritik im Zuge der Neuordnung der Ausbildung bei der beabsichtigten Verkürzung des Wehrdienstes berücksichtigt werde. Dies würde bedeuten, dass die Ausbildungsrichtlinien von 2006, welche die „Hilfen für den Gefechtsdienst“ mit Paul Carell als Quellengeber empfehlen, bis dato gelten. (17)

Mit Schreiben vom 17. Mai 2010 bat der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Rainer Arnold die Minister des Auswärtigen und der Verteidigung um „Klärung“ des von mir beschriebenen „Vorwurfs, die Bundeswehr würde nach wie vor Texte des SS-Obersturmbannführers und ehemaligen Pressechefs im NS-Außenministerium Paul Carell bei der Ausbildung verwenden.“(18) Die Antwort des Bundesministeriums der Verteidigung vom 25. Mai 2010 an MdB Arnold lautet: „Texte des SS-Obersturmbannführers Paul Carell“ in den „angesprochenen ‚Hilfen für den Gefechtsdienst’ werden in der Bundeswehr nicht mehr genutzt. Die Inspekteure des Heeres und der Streitkräftebasis haben bereits im Mai und Juni 2009 ihre weitere Nutzung durch Ausbildungseinrichtungen und Truppenteile untersagt. Die Ausbildungshilfe ‚Einsatznah ausbilden’ wird derzeit vom Heeresamt im Zusammenwirken mit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt und dem Streitkräfteamt für eine Neuausgabe überarbeitet.“(19)

Bis 2009 dienten die Texte des NS-Pressechefs also auf jeden Fall der „einsatznahen Ausbildung“. Nach der Überarbeitung wird sich zeigen, wes Geistes Kind die künftigen „Hilfen für den Gefechtsdienst“ sind.

Fußnoten

(1) Wigbert Benz: Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2005
(2) http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/57797
(3) Detlef Bald: Bedingt einsatzbereit. „Realistische Ausbildung“ der Bundeswehr oder mit der Wehrmacht in den Hindukusch. In: Detlef Bald/Hans-Günter Fröhling/Jürgen Groß (Hg.): Bundeswehr im Krieg – wie kann die Innere Führung überleben? Hamburger Beiträge zur Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Nr. 153, Dezember 2009, S. 7-16, insbesondere S. 13
(4) Einsatznah ausbilden. Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen. Hrsg. v. Heeresamt – Abteilung II 3 -. Köln (Nachdruck) 2001
(5) Einsatznah ausbilden, S. 88
(6) Ebenda, S. 136
(7) Ebenda, S. 190
(8) Ebenda, Quellenverzeichnis, S. 208-217
(9) Ebenda, S. 2 f.
(10) Ebenda, S. 88 (Carell), S. 89 (Kommentar)
(11) Ebenda, S. 136 (Carell), S. 137 (Kommentar)
(12) Ebenda, S. 190 (Carell), S. 191 (Kommentar); die angegebene Seitenzahl der Quelle aus Paul Carells Bestseller “Verbrannte Erde”, S. 259, ist falsch, richtig ist S. 241.
(13) Unselige Traditionen. Wie viel Wehrmacht steckt in der Bundeswehr. KONTRASTE-Sendung vom 9. April 2009. Wortlaut: http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_9_4/unselige_traditionen.html
(14) Nachricht der KONTRASTE-Redakteurin Caroline Walter an den Verfasser vom 3. Mai 2010
(15) Deutscher Bundestag 16. Wahlperiode. Drucksache 16/13164 vom 27.5.2009. Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Ulla Jelpke, Sevin Dagdelen, Dr. Hakki Keskin, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 16/12953 – Wehrmachtsverherrlichung durch offizielle Ausbildungshandbücher und Liedgut der Bundeswehr. Online unter: http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/16/131/1613164.pdf
(16) Ebenda
(17) Nachricht Detlef Balds an den Verfasser vom 5. Mai 2010
(18) Rainer Arnold, MdB und Sprecher der Arbeitsgruppe Sicherheits- und Verteidigungspolitik der SPD-Bundestagsfraktion am 17.5.2010 in einem Schreiben mit dem Betreff „NS-Vergangenheit“ an die Bundesminister des Auswärtigen und der Verteidigung
(19) Antwortschreiben des Bundesministeriums der Verteidigung vom 25.5.2010 an MdB Rainer Arnold

Quelle: Forum Pazifismus. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Gewaltfreiheit. 7. Jahrgang | 2. Quartal 2010 | Nr. 26, S. 13-15 . –
Weitere Beiträge von Wigbert Benz zu diesem Thema in den Zeitschriften Ossietzky 10/2010 und ZivilCourage 3/2010 sowie dem Rundbrief der AG Rechtsextremismus/Antifaschismus 3-4/2010.


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