Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941

Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. wvb. Berlin 2011. ISBN 978-3-86573-613-0

Buchinformation mit Inhaltsverzeichnis und Rezension der Süddeutschen Zeitung beim wvb

Presse/Rezensionen:

1. Süddeutsche Zeitung, 11. Juli 2011 (Dr. Alex J. Kay)
2. Badische Neueste Nachrichten, 22. Juni 2011 (Dr. Klaus Gaßner)
3. bildung und wissenschaft 11/2011, 18. November 2011 (Siegfried Frech)
4. TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, 50. Jg. 2011, Heft 200 (Anja Schader)
5. DISSKursiv.de 19.6./Vorwaerts.de 9.6.2011 (Anton Maegerle)
6. aventinus recensio Nr. 28, 30.9. 2011 (Matthias Krämer, M.A.)
7. Bayerischer Geschichtslehrerverband, 5.11.2011 (OStD Willi Eisele)
8. Archiv für Sozialgeschichte online, 15.3.2012 (Michael Schröders).
9. Das Historisch-Politische Buch, 60. Jg. 2012, Heft 2 (Prof. Dr. Rainer F. Schmidt)

Süddeutsche Zeitung, 11. Juli 2011:

Der Hungerplan

„[…] Mit diesem Buch wird für ein breites Leserpublikum das Wesentliche des Themas in einer auf dem aktuellen Forschungsstand beruhenden Basislektüre überzeugend dargestellt.“

Alex J. Kay (siehe auch oben Link zum wvb)

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 157 vom 11. Juli 2011, Das politische Buch, S. 16 und bei sueddeutsche.de:
http://newsticker.sueddeutsche.de/list/id/1178436

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Badische Neueste Nachrichten, 22.6.2011

„Unnütze Esser“

„Der Karlsruher Historiker Wigbert Benz hat in einer Studie den ‚Hungerplan‘ als treibendes Element der Nationalsozialisten für den Russlandfeldzug herausgearbeitet. Danach fußte das militärische ‚Unternehmen Barbarossa‘ zum Gewinn von ‚Lebensraum im Osten‘ auch auf der dezidierten Überlegung, Millionen Menschen aus Hunger sterben zu lassen, um dafür die Versorgung des Reichs mit Lebensmitteln sicherzustellen. Benz schätzt, dass rund vier bis sieben Millionen der insgesamt 27 Millionen im ‚Unternehmen Barbarossa‘ getöteten Sowjetbürger an geplanter Unterernährung gestorben sind. […] Die Idee ist im Rassenwahn der Nationalsozialisten angelegt: ‚Minderwertige Völker‘ wurden so als ‚unnütze Esser‘ angesehen. Dem sowjetischen Territorium war nach dem militärischen Sieg zugedacht, bei niedrigstem Lebensstandard billige Nahrungssmittel und Rohstoffe zu produzieren […]“.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten, 22.6.2011, S. 4. Rezensent: Dr. Klaus Gaßner, Redaktionsleiter

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bildung und wissenschaft 11/2011:

Der Hungerkrieg 1941
Wigbert Benz:
Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941
. wvb-Verlag, Berlin 2011, 84 Seiten, 16,00 Euro.

„Armut, Hunger und Genügsamkeit erträgt der russische Mensch schon seit Jahrhunderten. Sein Magen ist dehnbar, daher kein falsches Mitleid.“
Dieser an Menschenverachtung nicht zu überbietende Satz von Herbert Backe, Leiter der Geschäftsgruppe Ernährung in Görings Vierjahresplan, enthüllt das rassenideologischc Leitbild der nationalsozialistischen Kriegführung, das in Verbindung mit kriegswirtschaftlichem Kalkül die treibende Kraft des Vernichtungskrieges gegen
Russland war. Die Idee des Hungerplans ist im Rassenwahn der Nazis angelegt: „Minderwertige Völker“ wurden mit „unnützen Essern“ gleichgesetzt, deren Hungertod billigend in Kauf genommen und akribisch geplant wurde. Der deutsche Überfall auf die UdSSR, das „Unternehmen Barbarossa“, wurde im Kern als Vernichtungs- und Ernährungskrieg geplant. Millionen Menschen sollten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion verhungern, um Nahrungsmittel für die Wehrmacht und die deutsche Bevölkerung zu gewinnen. Rund vier bis sieben Millionen der insgesamt 27 Millionen im „Unternehmen Barbarossa“ getöteten Sowjetbürger sind an geplanter Unterernährung gestorben.
Der Karlsruher Historiker und Lehrer Wigbert Benz hat – zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 – das oben genannte Buch vorgelegt. Benz
analysiert die dem verbrecherischen Plan zugrundeliegenden Dokumente, benennt die verantwortlichen Akteure, beleuchtet die Zustimmung Hitlers, Görings, Rosenberg und Himmlers und stellt abschließend die Auswirkungen des „Hungerplans“ dar. Im Anschluss an die Vorbemerkungen werden im zweiten Kapitel (S. 11-28) der Forschungsstand, Kriegführung und Besatzungspraxis sowie die historische Verortung prägnant erörtert.
Das dritte Kapitel (S. 29-48) zitiert grundlegende Dokumente (Aktennotizen, Protokolle, Richtlinien), in denen das Zusammenwirken der ideologischen Vorgaben mit den kriegswirtschaftlichen Nützlichkeitserwägungen anhand konkreter Texte aus dem Jahr
1941 aufgezeigt wird. Die Lektüre der amtlichen Papiere offenbart die planvolle Vernichtungspolitik und hebt das perfide Kalkül des „Hungerplans“ hervor. Im vierten Kapitel (S. 49-62) beschreibt Benz die entscheidenden Akteure. So billigte Göring den „Hungerplan“ persönlich und wurde dafür im Nürnberger Prozess verurteilt. Im abschließenden Kapitel (S. 63-76) gibt Wigbert Benz eine Übersicht über die Auswirkungen des Hungerplans: Geschildert werden die Hungersnöte in russischen Großstädten – so in
Leningrad, das 900 Tage (Herbst 1941 bis Anfang 1944) belagert wurde – sowie das massenhafte Verhungern von sowjetischen Kriegsgefangenen.
Das Buch bietet einen fundierten Überblick und eignet sich für ein breites, historisch interessiertes Lesepublikum.
Da im Geschichtsunterricht und in Schulbüchern das Thema „Hungerplan“ weitgehend ausgeblendet wird, sei abschließend auf den online verfügbaren Unterrichtsentwurf von Wigbert Benz für die Sekundarstufe I hingewiesen, der die Vernichtungs- und
Hungerpolitik im „Unternehmen Barbarossa“ thematisiert.
URL: http://87.106.4.207/service/unter/benz_2.htm

Quelle: bildung und wissenschaft. Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg. Heft 11/2011 vom 18. November 2011. Beilage Die Unterrichtspraxis 8/2011, S. 64. Rezensent: Dipl.-Päd. Siegfried Frech, Referent der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

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TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, 50. Jg. 2011, Heft 200

Quellen und Forschung kompakt

Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. wvb, Berlin 2011, 84 S., 16 Euro

Das „Unternehmen Barbarossa“, der Überfall Nazi-Deutschlands auf die UdSSR, war weit mehr als „nur“ eine militärische Operation: Beim Kampf gegen den „jüdischen Bolschewismus“ verschmolzen NS-Rassenideologie, wirtschaftliche und militärische Überlegungen. Resultat war ein Vernichtungskrieg im Osten, dem nach aktuellem Kenntnisstand insgesamt rund 27 Millionen Russen zum Opfer fielen. Wie perfide die Planer kalkulierten, macht eine Aktennotiz vom 2. Mai 1941 deutlich: „l.) Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Rußland ernährt wird. 2.) Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“

Zu diesen Planungen, die russische Bevölkerung zugunsten der deutschen verhungern zu lassen, ist nun ein schmaler Band von Wigbert Benz erschienen, der historische Quellen und wissenschaftliche Forschung gleichermaßen zugänglich macht. Nach einer knappen Orientierung über den Stand der Forschung zum „Unternehmen Barbarossa“ allgemein wendet sich Benz den Dokumenten der Hungerplanung zu. In ausführlichen Zitaten präsentiert und analysiert er die Texte und scheut sich dabei nicht, Historikerkollegen zu widersprechen, die die tragende Funktion der Hungerplanung in der deutschen Strategie nicht oder nur ungenügend berücksichtigen. Es folgt die Frage, inwieweit die NS-Führungsspitze (Hitler, Göring, Rosenberg, Himmler) über die Pläne informiert oder daran beteiligt war. Wie beim Holocaust gibt es auch hier keine dezidierten Befehle Hitlers, so dass Benz unter anderem Äußerungen heranzieht, aus denen die Untergebenen des „Führers“ dessen „Erwartungshaltung“ ableiten und darauf zuarbeiten konnten. Welche Auswirkungen die Ausbeutung der Nahrungsmittelressourcen der UdSSR für russische Kriegsgefangene und die russische Zivilbevölkerung hatte, ist der letzte Punkt in Benz’ Betrachtung. „Eine genaue numerische Bilanzierung der unter deutscher Besatzung verhungerten Menschen ist nicht möglich, konstatiert der Autor und verweist auf Schätzungen, die von vier bis sieben Millionen Hungertoten ausgehen. Kaum vorstellbar, wie viele noch hätten sterben müssen, wenn die deutschen Truppen den erwarteten „Blitzkrieg“ gewonnen und die Hungerpläne vollständig umgesetzt hätten.
ANJA SCHADER

Quelle: TRIBÜNE. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. 50. Jg. Heft 200. 4.Quartal 2011, S. 213; Rezensentin: Anja Schrader, Redakteurin

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Das Historisch-Politische Buch , 60. Jg. 2012, Heft 2

Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. 84 S., Wissenschaftlicher Verlag Berlin, Berlin 2011, 16,- €.

„Und dann wollen wir uns ja im Osten gesundstoßen“, so brachte Goebbels Anfang Mai 1941 die ökonomische Motivlage des „Unternehmens Barbarossa“ auf eine bündige Formel. Der so unscheinbar klingende Satz hat eine bis heute dauernde Kontroverse unter den Historikern ausgelöst. Sie dreht sich um die Frage, ob man den drei unstrittigen Zielsetzungen, die sich mit dem Rußlandfeldzug verbanden, – der Erwartung eines Blitzfeldzuges durch grenznahe Entscheidungsschlachten, der ,,Endlösung“ der Judenfrage durch rassenideologische Auskämmung des eroberten Raumes sowie dessen ansch1ießende Kolonisierung durch den sogenannten ,,Generalplan Ost“ – einen vierten Planungsstrang zur Seite stellen muß. Die Rede ist von einem sogenannten ,,Hungerplan“, der darauf abzielte, bis zu dreißig Millionen dort lebender Menschen willentlich dem Hungertod auszuliefern, indem man ihnen durch massenhafte Ausfuhren ins Reich und durch die Versorgung der deutschen Besatzungstruppen mittels der Ressourcen vor Ort jegliche Nahrungsgrundlage entzog. Die Beweisführung ist schwierig, weil die Gemengelage zwischen der intentional geleiteten Vernichtungspraxis im Osten und den unvorhergesehenen, situativen Sachzwängen der dortigen militärischen und kriegswirtschaftlichen Lage, ausgelöst durch das baldige Scheitern des Blitzkriegskonzepts, die 39monatige Blockade Leningrads und die Millionen an russischen Kriegsgefangenen, schier unentwirrbar erscheint. Es ist deshalb ein diffiziles Unterfangen, wenn der Karlsruher Historiker Wigbert Benz anhand der vorliegenden Quellen sowie der einschlägigen Forschungen den Nachweis zu erbringen versucht, daß tatsächlich ein Konzept des intentional herbeigeführten Massenmordes durch Hunger die deutsche Besatzungspraxis im Osten bestimmte. Ausgehend von einem gerafften, aber gehaltvollen Überblick über den Forschungstand, richtet er den Fokus seiner bilanzierenden Untersuchung auf drei Bereiche: auf die kommentierte Wiedergabe jener drei zentralen Dokumente vom Frühjahr 1941, die sich zu einem ,,Hungerplan“ verdichten lassen (die Staatssekretärbesprechung vom 2.Mai, die wirtschaftspolitischen Richtlinien vom 23. Mai, die sogenannte ,,Grüne Mappe“ vom 1. Juni); auf die Frage, inwieweit dieses Vorhaben von Hitler, Rosenberg, Göring und Himmler angestoßen, autorisiert und befolgt wurde; sowie auf den entscheidenden, mit der realen Lage vor Ort verknüpften Komplex, wie sich die Auswirkungen eines ,,Hungerplanes“ in der Besatzungspraxis im Osten tatsachlich gestalteten? Benz kann zeigen, daß die Planungen darauf hinausliefen, die europäische Sowjetunion in zwei Großräume aufzuteilen: in die ,,Schwarzerdegebiete“ im Süden, die als Überschußregionen ausgebeutet und von den nördlichen Zuschußräumen abgeriegelt werden sollten, wobei deren Bewohner dem Verhungern ausgeliefert werden sollten. Zudem gelingt ihm, vor allem unter Rekurs auf einschlägige, inhaltlich kongruente und zeitnahe Dokumente, der Nachweis, daß Himmler, Rosenberg und Göring sich die Planungsvorgaben des Frühjahrs 1941 zu eigen machten und ihr Handeln danach ausrichteten. Mit Blick auf Hitler versagt diese Methode allerdings weitgehend. Benz greift hier auf die Sachlage wenig erhellende Passagen aus ,,Mein Kampf“ zurück und begnügt sich im übrigen mit der Erklärung, daß die Exekutoren im Osten dem ,,Führer […] entgegenzuarbeiten“ versuchten (S. 50). Auch die den Band abschließende Analyse der ,,Hungerpraxis“ in den eroberten Gebieten kann nur partiell überzeugen. Zwar folgt Benz den Schätzungen der Forschung, daß dort zwischen 4 und 7 Millionen Zivilisten durch bewußtes Verhungern lassen zu Tode gebracht wurden. Aber er stellt sich nicht der Aufgabe, mit der die Existenz und Exekution eines ,,Hungerplanes“ zu belegen wäre: mit dem quellengestützten Nachweis, inwiefern das Handeln der dort tätigen Heerführer und Schergen des NS-Systems konsequent und intentional von den Vorgaben des Frühjahrs 1941 geleitet und konditioniert wurde. An der grausamen Realität der deutschen Kriegführung und Besatzungspolitik im Osten, die in dem Buch nachhaltig ins Bewußtsein gerückt wird, ändert es freilich nichts, ob man von einem ,,Hungerplan“, also einem gezielten Massenmordprojekt, oder einem ,,Hungerkalkül“, mithin einem billigend in Kauf genommenen Genozid durch systematischen Nahrungsmittelentzug spricht. Die eingangs skizzierte Kontroverse muß also weiterhin als unentschieden angesehen werden.
Rainer F Schmidt

Quelle: Das Historisch-Politische Buch. 60. Jg. 2012, Heft 2, S. 163 ff.; Rezensent: Prof. Dr. Rainer F. Schmidt, Universität Würzburg


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