Zum Hungerplan beim Russlandfeldzug 1941

Bei dem im Folgenden publizierten Beitrag handelt es sich um den in Auszügen zitierten Aufsatz von Wigbert Benz: Kalkül und Ideologie – Das Hungervorhaben im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. In: Weltordnungskonzepte. Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Klaus Kremb. Wochenschau Verlag. Schwalbach/Ts 2010, S. 19-37.

1. Zum extremen Charakter des Russlandfeldzugs
2. Das Kalkül des Hungervorhabens
3. Die Konzeption des Hungervorhabens
4. Fußnoten
5. Hinweis
6. Rezension Badische Neueste Nachrichten v. 3.4.2010
7. Rezension Erziehung und Wissenschaft/Beilage Die Unterrichtspraxis v. 18.6.2010
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1. Zum extremen Charakter des Russlandfeldzugs

„27 Millionen. So viele Sowjetbürger starben als Opfer des deutschen Krieges zwischen 1941 und 1945“, schreibt der Historiker und langjährige Leiter des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, Peter Jahn, und stellt mit Bezug auf die Realitäten der Erinnerungskultur im vereinten Deutschland fest: „Es ist eine Zahl, die viele hierzulande nicht kennen. Oder nicht kennen wollen.“(1)

Diese ungeheure Dimension des Leidens hängt mit dem besonderen Charakter des Russlandfeldzuges als Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg zusammen, der Kriegsmittel und Kriegsziel zugleich war.(2) In seiner bahnbrechenden Habilitationsschrift über Hitlers Strategie hatte Andreas Hillgruber schon 1965 vier politisch-wirtschaftliche Zielkomplexe auf rassenideologischer Grundlage als Motive des NS-Regimes für den Krieg gegen die UdSSR herausgearbeitet, die von der heutigen Forschung als konstitutiv für die Kriegsführung angesehen werden.
· die Vernichtung der „jüdisch-bolschewistischen“ Führungsschicht sowie der Juden selbst, da sie die „biologische Wurzel“ des Bolschewismus seien;
· die Gewinnung von Kolonial- und Lebensraum für das Dritte Reich;
· die Dezimierung und Unterwerfung der slawischen Bevölkerung;
· die Errichtung eines autarken, blockadefesten Kontinentaleuropa unter der Vorherrschaft Deutschlands als Plattform zur Erringung einer Weltmachtstellung.(3)

Hitlers „Ostprogramm“ stellte ein Amalgam von strategischen, ökonomischen und rassenideologischen Elementen dar. Dessen rassenideologische Basis hatte auch eine praktische, sozusagen für den intendierten Eroberungskrieg funktional günstige Seite. Der Kampf um „Lebensraum im Osten“ rechtfertigte den Krieg als Recht des Stärkeren zur Durchsetzung machtpolitischer und wirtschaftlicher Interessen in einer nach der vermeintlichen rassischen Wertigkeit ihrer Völker eingeteilten Welt. Für die geplante Unterwerfung der Sowjetunion war es von Vorteil, die slawischen Völker als „Untermenschen“ anzusehen. Deren entmenschlichter Status ermöglichte den Abbau moralischer Barrieren für die notwendige Entgrenzung von Gewalt im „totalen Krieg“, der zwecks Optimierung seiner Erfolgsaussichten auch mit inhumansten Mitteln geführt werden sollte. Zumindest die strategischen und ökonomischen Zielsetzungen wurden von relevanten Teilen der deutschen Eliten mitgetragen. Der Militärhistoriker Jürgen Förster konstatierte schon vor zwei Jahrzehnten eine weitgehende „Übereinstimmung von Militärs, Wirtschaftlern und Diplomaten mit Hitler in bezug auf die Gewinnung des ‚russischen Raumes‘, auf seine Nutzung sowie die Behandlung der slawischen Bevölkerung.“(4) Diese Lebensraumprogrammatik war „kompatibel“ mit der veränderten militärstrategischen Situation im Sommer 1940, nachdem England und Frankreich schon im September 1939 aufgrund des deutschen Überfalls auf Polen entgegen Hitlers Erwartungen Deutschland den Krieg erklärt hatten und auch jetzt – nach der militärischen Niederwerfung Frankreichs – England nicht zum „Einlenken“ genötigt werden konnte. Mit der Wendung des Krieges gegen die Sowjetunion schien ein Konglomerat von Problemen und Zielsetzungen einer Lösung bzw. Realisierung greifbar nahe: Hier konnten Ernährungsbasis und Rohstoffe für einen langen Krieg gewonnen, Deutschland unangreifbar gemacht, der „jüdische Bolschewismus“ vernichtet, „Lebensraum“ erobert und Großbritannien auf indirektem Wege in die Knie gezwungen werden.

2. Das Kalkül des Hungervorhabens

Zum Wohlergehen des Reiches war dem zu erobernden sowjetischen Territorium die Rolle zugedacht, bei niedrigstem Lebensstandard der einheimischen Bevölkerung billig Nahrungsmittel und Rohstoffe zu produzieren, die das Reich dann teuer in die westeuropäischen Länder verkaufen wollte, um die Kriegsschulden „unter möglichster Schonung des deutschen Steuerzahlers in wenigen Jahren abzudecken.“(5) Kurzfristig ging es der NS-Führung in erster Linie um die Abschöpfung von Nahrungsmitteln, um überhaupt eine Weiterführung des Krieges realisieren zu können. Eine Wiederholung des Hungers in Deutschland wie im Ersten Weltkrieg sollte unter allen Umständen vermieden werden, und zwar auf Kosten der Menschen in der Ukraine und Russland, deren millionenfacher Hungertod einkalkuliert war. So steht in der Aktennotiz einer Besprechung der Staatssekretäre schon sechs Wochen vor Beginn des Überfalls:

„1. Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird.
2. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“(6)

Dieses Ergebnis einer Sitzung der Staatssekretäre aller wirtschafts- und sozialpolitisch wichtigen Ressorts mit dem Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes im Oberkommando der Wehrmacht (OKW), General Georg Thomas, in dessen Unterlagen die Aktennotiz gefunden wurde, wird von dem britischen Wirtschaftshistoriker Adam Tooze in seinem jüngstem Werk zur Wirtschaftspolitik im Nationalsozialismus als „eines der außergewöhnlichsten Verwaltungsdokumente in der Geschichte des ‚Dritten Reiches’“ bezeichnet, verfasst „in einer Sprache die um ein Vielfaches unverblümter war als alle Begriffe, die je bei der Behandlung der ‚Judenfrage’ benutzt wurden“.(7) Es zeigt das extreme Hungerkalkül der deutschen Kriegsplaner für die Besatzungspolitik in der Sowjetunion.(8) Am gründlichsten wurde der Hintergrund der Besprechung von dem ebenfalls britischen Historiker Alex J. Kay 2006 untersucht und in den Kontext der wirtschaftlichen Planung für die deutsche Besatzungspolitik eingeordnet.(9) Initiiert wurde das Vorhaben, „zig Millionen Menschen verhungern“ zu lassen, von Göring und Führungsstellen der Wehrmacht. So hatte General Thomas schon am 20. Februar 1941 Hitler eine Denkschrift übersandt, in der er als realistische Zielsetzung erklärte, beim geplanten Russlandfeldzug soviel an landwirtschaftlichen Überschüssen herauszuholen, dass der deutsche Zuschussbedarf für 1941 und 1942 gedeckt sei sowie die Ernährungssituation in Deutschland auf hohem Niveau gehalten werden könne. Er schlug vor, den einheimischen Verbrauch in den zu erobernden Gebieten der UdSSR derart zu verringern, dass durch eine Getreideausbeute von vier Millionen Tonnen der Zuschussbedarf des gesamten deutschen Machtbereichs gedeckt werden sollte. Eine weitere Kernaussage seiner Denkschrift bestand darin, die Frage der Lösung des Ernährungsproblems durch die Ausbeutung der ukrainischen Getreidevorkommen mit der Lösung des Energieproblems durch die Eroberung der kaukasischen Erdölfelder zu verbinden. (10)

3. Die Konzeption des Hungervorhabens

Konzeptionell ausgearbeitet wurde das Hungervorhaben in erster Linie von Experten des Ministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, unter dessen Staatssekretär Herbert Backe. Zum einen sollte die negative Ernährungsbilanz im Reich ausgeglichen werden, dessen Getreidevorräte eineinhalb Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges entscheidend zusammengeschmolzen waren. Zum anderen strebte man an, die Nachschubwege der Wehrmacht bei ihren geplanten gigantischen Vorstößen von allem zu entlasten, was nicht absolut notwendig erschien; d.h. die drei Millionen Soldaten sollten „aus dem Lande“ ernährt werden. Eine wesentliche Einschränkung des Nahrungsmittelverbrauchs in Deutschland galt als Tabu. Die konzeptionellen Überlegungen zu diesem Hungervorhaben mündeten in die am 23. Mai 1941 folgenden „Wirtschaftspolitischen Richtlinien“ des von General Thomas aufgebauten Wirtschaftsstabes Ost, zu der auch Backes Landwirtschaftsapparat gehörte.(11) Danach wurde die Sowjetunion in zwei landwirtschaftliche Großräume aufgeteilt, einmal die Überschussgebiete, die „Schwarzerdegebiete“ im Süden (Ukraine), Südosten und im Kaukasus, dann die Zuschussgebiete, die „Waldzone“ von Weißrussland bis zum Ural, einschließlich der Zentren Leningrad und Moskau, aber mit Ausnahme des Baltikums. Die Überschussgebiete sollten zugunsten der Wehrmacht, Deutschlands und des von ihm beherrschten Europas von den Zuschussgebieten abgeriegelt werden, die Menschen in den „Zuschussgebieten“ dem Hungertod ausgeliefert werden: „Viele 10 Millionen von Menschen werden in diesem Gebiet überflüssig und werden sterben oder nach Sibirien auswandern müssen.“(12)

Auf Seiten der deutschen politischen und militärischen Führung rechnete man mit etwa 30 Millionen Hungertoten. Diese Zahl ergibt sich aus Angaben Görings im November 1941 gegenüber dem italienischen Außenminister Graf Ciano und Aussagen des Höheren SS- und Polizeiführers von dem Bach-Zelewski in Nürnberg 1946.(13) Sie wurde durch den konkreten Kriegsverlauf, der ja bekanntlich u.a. die geplante Eroberung von Moskau nie möglich machte, nicht erreicht. Aber indirekt trug die Wehrmacht doch zur partiellen Realisierung des Hungerkalküls bei, da der Frontverlauf ja Millionen von Sowjetbürgern von ihren wichtigsten Nahrungsquellen abschnitt und die ukrainische Ernte zum Nutzen der Deutschen freisetzte, während die Sowjets gezwungen waren, ihre Truppen mit dem Wenigen zu versorgen, was von der sowjetischen Landwirtschaft noch übrig war. Die Lage hinter den sowjetischen Linien war von ständigem Hunger und vielen Hungertoten geprägt. Wie Peter Jahn in seinem ZEIT-Artikel, schätzt Hans-Heinrich Nolte unter Einbeziehung russischer Forschungen die Zahl der sowjetischen Menschenopfer auf 26 bis 27 Millionen, darunter ca. sieben Millionen Hungertote hinter der Front.(14)

In der Anerkennung dieser Fakten besteht in der Forschung weitgehender Konsens. Strittig sind das Ausmaß der Involvierung der Wehrmacht in diese Hungerstrategie sowie die begriffliche Fassung des Hungervorhabens.(15) Zur Klärung der ersten Frage gilt es zu erörtern, inwieweit die Truppe von dem Vorhaben erfuhr, dass in diesem Feldzug von vornherein der Hungertod von Millionen sowjetischen Zivilisten einkalkuliert war, denn die wirtschaftspolitischen Richtlinien vom 23. Mai 1941 waren ein internes Papier und kursierten nur in den Führungsstellen des Wirtschaftsstabes Ost. Immerhin wurde ein Teil der Richtlinien in die Kreislandwirtschaftsführer-Mappe, die so genannte „Gelbe Mappe“ vom 1. Juni 1941 übernommen, doch auch deren Verbreitung blieb auf die Wirtschaftsdienststellen, hier die Landwirtschaftsführer, beschränkt.(16) Dagegen war der in hoher Auflage gedruckte erste Teil der „Richtlinien für die Führung der Wirtschaft in den neubesetzten Ostgebieten“ des Wirtschaftsführungsstabs Ost vom Juni 1941, die sogenannte „Grüne Mappe“, für den Dienstgebrauch nicht nur der Wirtschaftsdienststellen, sondern auch der Truppenführung bestimmt. Dieses „grundlegende Wirtschafts-Handbuch im Osten“ diente auch den Quartiermeisterabteilungen der Kommandobehörden vor Ort zur Orientierung.(17) In der „Grünen Mappe“ wurde das Hungerkalkül weniger unverblümt und eher zwischen den Zeilen formuliert, doch auch sie ließ keinen Zweifel an dem unbedingten Ziel, der vollständigen Verpflegung der Truppe aus dem Lande sowie der maximalen Ausnutzung der besetzten Gebiete für Deutschland und nannte die schrecklichen Folgen: „Nur diejenigen Gebiete werden wirtschaftlich gefördert und vordringlich in Ordnung gehalten werden müssen, in denen bedeutende Ernährungs- und Mineralölreserven für uns erschlossen werden können. In anderen Landesteilen, die sich nicht selbst ernähren können – also in großen Teilen Nord- und Mittelrusslands –, muss sich die Wirtschaftsführung auf die Ausnutzung der vorgefundenen Vorräte beschränken.“(18) Jeder konnte also erkennen, dass die Devise lautete: Ausnutzung statt Ernährung.

Auf der Basis dieser Fakten scheint es von zweitrangiger Bedeutung, wie das Hungervorhaben begrifflich gefasst wird: als Hungerplan, Hungerkalkül oder fahrlässige Inkaufnahme von vielen Millionen Hungertoten, um die Nahrungsmittel des zu erobernden sowjetischen Gebietes für die Bedürfnisse des Reiches auszubeuten. Während Rolf-Dieter Müller zur Bezeichnung des Tatbestandes die Begriffe „Hungerpolitik“ und „Hungerplan“ geprägt hat und Christian Gerlach von einem „Völkermordplan“, ja sogar vom „größten Massenmordplan der Geschichte“ spricht, plädiert Johannes Hürter dafür, dass „besser von einem ‚Hungerkalkül’ gesprochen werden (sollte), denn der Hunger wurde – mit Ausnahme der Belagerung Leningrads – nicht als Waffe oder als Mittel zum Ziel der Ausnutzung des besetzten Landes eingesetzt, sondern als ‚zwangsläufige’ Folge einer Besserstellung der eigenen Truppe und Heimat angesehen […] Die verbrecherischen Konsequenzen dieser Politik, in der sich militärstrategisches und wirtschaftliches Kalkül mit der nationalsozialistischen Rassen- und Lebensraumideologie verband, werden dadurch freilich nicht relativiert.“(19)

4. Fußnoten

(1) Peter Jahn: 27 Millionen, in: DIE ZEIT v. 14.6.2007, S. 90.
(2) Vgl. Rolf-Dieter Müller u. Gerd R. Ueberschär: Hitlers Krieg im Osten 1941-1945. Ein Forschungsbericht, Darmstadt 2000.
(3) Andreas Hillgruber: Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940-1941. Frankfurt a.M. 2. Aufl. 1982, S. 519f.; vgl. dazu den Forschungsbericht von Müller und Ueberschär (wie Anm. 2).
(4) Jürgen Förster: Das Unternehmen „Barbarossa“ – eine historische Ortsbestimmung, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983 , S. 1079-1088, hier S. 1080.
(5) Hans-Heinrich Nolte: Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941. Text und Dokumentation, Hannover 1991, S. 70. Der Band enthält eine Reihe von Dokumenten zur wirtschaftlichen Ausbeutungs- und Hungerpraxis im „Unternehmen Barbarossa“, vor allem die Dok. Nr. 25-28, 33-35, 57-60 und 76.
(6) Aktennotiz über Ergebnis der heutigen Besprechung mit den Staatssekretären über Barbarossa, 2.5.1941, in: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof. Nürnberg 14. Oktober 1945 – 1. Oktober 1946. 42 Bde., Nürnberg 1947ff., hier Bd. 31, S. 84 (Dokument 2718-PS); siehe auch Nolte (wie Anm. 5), Dok. 25, S. 121.
(7) Adam Tooze: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, Berlin 2007, S. 552. Die englische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel „The Wages of Destruction. The making and Breaking of the Nazi Economy” by Allen Lane, London.
(8) Grundlegend zur Hungerpolitik: Rolf-Dieter Müller: Von der Wirtschaftsallianz zum kolonialen Ausbeutungskrieg, in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 4. Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983, S. 98-189, hier S. 146ff.; Götz Aly und Susanne Heim: Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung. Frankfurt a.M. 1993, S. 365-393; Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944, Hamburg 1999, insbesondere S. 46-76.
(9) Alex J. Kay: Germany’s Staatssekretäre, Mass Starvation and the Meeting of 2 May 1941, in: Journal of Contemporary History, Vol 41/4 (Oktober 2006), S. 685-700; siehe auch die Dissertation Kays an der Humboldt Universität Berlin: Exploitation, Resettlement, Mass Murder. Political and Economic Planning for German Occupation Policy in the Soviet Union 1940-1941, New York – Oxford 2006.
(10) So Rolf-Dieter Müller (wie Anm. 8), S. 126f.
(11) Ebenda, S. 129ff. und S. 143-157. Vgl, auch derselbe: Das „Unternehmen Barbarossa“ als wirtschaftlicher Raubkrieg, in: Gerd R. Ueberschär u. Wolfram Wette (Hg.): „Unternehmen Barbarossa“. Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion 1941. Berichte, Analysen, Dokumente. Paderborn 1984, S. 173-196. Der Band von Ueberschär und Wette erschien 1991 unter dem Titel „Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. Das ‚Unternehmen Barbarossa’ 1941“ auch als Fischer-Taschenbuch und enthält einen ausführlichen Dokumententeil zum Vernichtungscharakter des Russlandfeldzugs.
(12) Wirtschaftspolitische Richtlinien für die Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft, 23.5.1941, in: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher (wie Anm. 6) Bd. 36, S. 135-157 (Dokument 126-EC); siehe auch Nolte (wie Anm. 5), S. 122f. (Dok. 26) und Ueberschär/Wette (wie Anm. 11), S. 387ff.
(13) Christian Gerlach (wie Anm. 8), S. 52-55.
(14) Hans-Heinrich Nolte: Kleine Geschichte Russlands, Stuttgart 1998, S. 253-263.
(15) So reduziert Klaus Jochen Arnold die Verantwortung für das Hungerkalkül auf Hitler, Göring und Backe. Das Handeln der übrigen Wehrmachtsoffiziere sei durch Sachzwänge determiniert gewesen. Vgl. ders.: Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Kriegführung und Radikalisierung im „Unternehmen Barbarossa“, Berlin 2005, insbesondere S. 85-100 u. S. 242-325.
(16) Christian Gerlach (wie Anm. 8), S. 48, dort Anm. 69.
(17) Rolf-Dieter Müller (wie Anm. 8), S. 147f.; Die Wirtschaftspolitik in den besetzten sowjetischen Gebieten 1941 bis 1943. Der Abschlussbericht des Wirtschaftsstabes Ost und Aufzeichnungen eines Angehörigen des Wirtschaftskommandos Kiew. Hrsg. u. eingeleitet v. Rolf-Dieter Müller, Boppard a. Rh. 1991, S. 35 (Abschlussbericht Nagels 1944).
(18) Dokumentiert in: Fall Barbarossa. Dokumente zur Vorbereitung der faschistischen Wehrmacht auf die Aggression gegen die Sowjetunion (1940/41). Ausgewählt u. eingeleitet v. Erhard Moritz, Berlin (Ost) 1970), S. 363-399, hier S. 366.
(19) Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 2006, S. 491; vgl. Rolf-Dieter Müller (wie Anm. 8), passim, und Christian Gerlach (wie Anm. 8), S. 48 u. S. 1128. – Nicht überzeugen können die Einlassungen Stefan Scheils in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung v. 13.12.2006 u. 16.5.2007 zu dem in Anm. 9 genanten Aufsatz von Alex J. Kay. Scheil negiert den Begriff „Hungerplan“, in dem Sinne, dass er die Mitverantwortung der Wehrmacht an dem Hungervorhaben bestreitet. In seinen Antworten an Scheil in der gleichen Zeitung v. 14.2. u. 13.6.2007 stellt Kay klar, dass der Streit um den plakativen Begriff „Hungerplan“ bzw. das Ausmaß dessen konkreter Ausarbeitung weder das Vorhandensein mindestens eines Grobplanes oder Konzeptes noch die Verantwortlichkeiten auch von Wehrmachtsvertretern für die Hungerpraxis ungeschehen machen kann.

(….)

5. Hinweis: Es handelt sich um ein auszugsweises Zitieren des 18seitigen Originalbeitrages in dem oben genannten Taschenbuch, der noch drei weitere Gliederungspunkte und einen Quellenanhang enthält. Einschließlich Inhaltsverzeichnis und Gliederung zu eruieren auf der Homepage des Wochenschau-Verlages

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6. Rezension Badische Neueste Nachrichten 3.4.2010

Das politische Buch

Weltordnungskonzepte

„Miserable Stimmung. Ich weiß nicht, ob Fröhlichkeit zu mir noch mal zurückkommt“ Diesen Satz schreibt der russische Junge Jurja Rjabinkin zwischen dem 1. September 1941 und dem 6. Januar 1942 in sein Tagebuch. Der Schüler lebt zu dieser Zeit im besetzten Leningrad – und bekommt dort die Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus in ihrer ganzen Härte zu spüren.

In seinem Aufsatz „Kalkül und Ideologie – Das Hungervorhaben im ‚Unternehmen Barbarossa’ 1941“ beschreibt der Karlsruher Autor Wigbert Benz die Ausbeutung der Nahrungsmittel in Russland für die Zwecke der Besatzer. Ziel sei es gewesen, die negative Ernährungsbilanz im Deutschen Reich auszugleichen, schreibt Benz. Der Hungertod von Millionen Menschen sei von vornherein einkalkuliert gewesen, so der Autor. Sein Text ist Teil des Sammelbands „Weltordnungskonzepte. Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts“, das einen anschaulichen Überblick über dieses „Jahrhundert der Extreme“ liefert. Dabei geht es um Demokratie und Antidemokratie, um Menschenrechte und Genozide, um Selbst- und Fremdbestimmung.

Klaus Kremb (Hrsg.): Weltordnungskonzepte. Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts, Schwalbach 2010. ISBN-Nr.: 978-3-89974543-6. tima

Quelle: Badische Neueste Nachrichten v. 3.4.2010, S. 4; Rezensentin: Tina Mayer (=tima), Politikredakteurin der BNN
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7. Rezension Erziehung und Wissenschaft/Beilage Die Unterrichtspraxis v. 18.6.2010

Das „Jahrhundert der Extreme“

Klaus Kremb (Hrsg.):
Weltordnungskonzepte. Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts.
Schwalbach/Ts. 2010, Wochenschau Verlag, 128 Seiten, 9,80 Euro

Wie lässt sich das 20. Jahrhundert auf den Begriff bringen? Wie sehen die Entwicklungslinien in einer von Zäsuren und Widersprüchen geprägten Welt aus? Wohl keine andere weltgeschichtliche Darstellung des 20. Jahrhunderts wurde seit ihrem Erscheinen so oft zitiert wie die des britischen Sozialhistorikers Eric Hobsbawm. Mit seinem Buch „Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts“ (München/Wien 1995) hat Hobsbawm dem „kurzen 20. Jahrhundert“ – so der Untertitel im englischen Original – eine analytische Struktur gegeben und zugleich einen Orientierungspunkt für den historisch-politischen Diskurs gesetzt. Das „Zeitalter der Extrerne“ setzt mit dem Ersten Weltkrieg ein und endet mit dem Zerfall der Sowjetunion. Das Buch gliedert sich in drei Epochen. Die Untergliederung umfasst das „Katastrophenzeitalter“ (1914-1945), dann das „Goldene Zeitalter“ der Wiederaufbauperiode, die Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum und Wohlstand für viele brachte (1945-1975). Die dritte Epoche nennt Hobsbawm schlicht den“ Erdrutsch“. In dem vorliegenden Sammelband werden diese grundsätzlichen Entwicklungslinien konzise herausgearbeitet und mit Schlüsselquellen belegt. Der einleitende Beitrag von Klaus Kremb gibt einen Überblick über das „Jahrhundert der Extreme“, indem er die wesentlichen „Hoffnungen und Enttäuschungen“ als Prägekräfte des Jahrhunderts aufgreift. Er skizziert fünf Begriffspaare (Dernokratie – Antidemokratie; Menschenrechte – Genozide; Selbstbestimmung – Fremdbestimmung; Integration – Konfrontation; Positiver Friede – Alte Kriege) und erörtert in einem weiteren Schritt vier wesentliche Weltordnungsdynamiken, die das 20. Jahrhundert prägten.

In vier nachfolgenden Beiträgen werden zentrale Aspekte der einzelnen Weltordnungskonzepte erörtert und das liberale, kommunistische und nationalsozialistische Modell sowie die Dekolonisation als historisch und politisch wirkmächtige Konzepte des 20. Jahrhunderts analysiert.

Wigbert Benz (Karlsruhe) zeigt, wie am Beispiel des Hungervorhabens im „Unternehmen Barbarossa“ (1941) Kalkül und Ideologie in der Konfrontation des nationalsozialistischen und kommunistischen Weltordnungskonzeptes zusammenfließen und in menschenverachtender Barbarei münden (S. 19-38). Der extreme Charakter des Russlandfeldzugs, der ein Eroberungs, Versklavungs- und Vernichtungskrieg war, erklärt sich durch die politisch-wirtschaftlichen Zielsetzungen des NS-Regimes: (1) die Vernichtung der „jüdisch-bolschewistischen“ Führungsschicht sowie der Juden selbst; (2) die Eroberung von „Lebensraum“; (3) die Dezimierung und Unterwerfung der slawischen Bevölkerung; (4) die Errichtung eines autarken Kontinentaleuropa unter deutscher Vorherrschaft (S. 19f.). Die Strategie beruhte letztlich auf rassenideologischen Motiven. Benz arbeitet gerade diesen Aspekt schlüssig heraus und konstatiert, dass es für die Kriegsführung von Vorteil war, die „slawischen Völker als Untermenschen‘ anzusehen“ (S. 20). Gerade deren „entmenschlichter Status ermöglichte den Abbau moralischer Barrieren für die notwendige Entgrenzung von Gewalt im ‚totalen Krieg‘, der ( … ) auch mit inhumansten Mitteln geführt werden sollte“ (a.a.O.). So erklärt sich das Hungervorhaben, das den millionenfachen Hungertod von Menschen in der Ukraine und in Russland rational einkalkulierte.

Nachdem der Krieg anders verlief, konnte dieses Kalkül ideologisch überzeugter Schreibtischtäter und rational planender Bürokraten nicht umgesetzt werden. Trotzdem trug „die Wehrmacht doch zur partiellen Realisierung des Hungerkalküls bei“ (S. 23). Dass die Lage hinter den sowjetischen Linien von ständigem Hunger und unzähligen Hungertoten gekennzeichnet war, belegt das Beispiel der 900 Tage andauernden Hungerblockade Leningrads. In der Summe fielen diesem Hungerkalkül sieben Millionen Menschen der ehemaligen Sowjetunion zum Opfer. Benz stellt dar, dass diese Hungerpraxis die meisten Opfer unter den sowjetischen Kriegsgefangenen forderte. Seriöse Schätzungen belegen, dass von den 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen mindestens 2,53 Millionen bzw. 3,3 Millionen in deutschem „Gewahrsam“ umgekommen sind (S. 29). Der Beitrag von Wigbert Benz erinnert daran, dass die sowjetischen Kriegsgefangenen nach den europäischen Juden die zweitgrößte Opfergruppe des NS-Regimes bildet.

Die Rezension eines Sammelbandes kann nicht allen Beiträgen gleichermaßen gerecht werden. In der Folge werden die Beiträge, die sich auf den Zeitraum nach 1945 beziehen, kurz skizziert: Hans-Heinrich Nolte verortet zunächst Russland und Europa im Kontext des Weltsystems und geht historischen Zugängen nach, die das Beziehungsgeflecht zwischen Russland und Europa konturieren (S. 39-62). Jürgen Wilzewski erörtert den wohl zentralen und prägenden Konflikt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Kalten Krieg. Mit Blick auf die USA arbeitet er hierbei vier Kategorien heraus: Sicherheit, Macht, Moral und Norm (S. 63-95), Im letzten Beitrag setzt sich Kirsten Rüther mit der Entkolonialisierung und Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten auseinander. Sie konzentriert sich auf das südliche Afrika und skizziert hierbei die afrikanische Perspektive (S. 96123).

Siegfried Frech

Quelle. Bildung und Wissenschaft, Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg. Heft 6/2010 vom 18.Juni 2010, Beilage Die Unterrichtspraxis 5/2010, S. 40 – Der Rezensent ist Referent der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.


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