Nationalsozialismus u. 2.Weltkrieg, insbesondere Russlandfeldzug in Wissenschaft und Unterricht

I. Veröffentlichungen 1986-2016 bzw. Nr. 1-52 von Wigbert Benz
II. Der Russlandfeldzug als Vernichtungskrieg (Resümee)
III. Wehrmachtsangehörige zum Vernichtungskrieg (Quellen)
IV. „Viele 10 Millionen Menschen werden überflüssig“ (Quelle)
V. Zur These vom Präventivkrieg im Osten (Resümee)
VI. Lagebeurteilungen der Wehrmachtsabteilung „Fremde Heere Ost“ (Quellen)
VII. Forschungsberichte/Standardwerke zum „Unternehmen Barbarossa“/Russlandfeldzug
a) Müller, Rolf-Dieter u. Gerd R. Ueberschär: Hitlers Krieg im Osten 1941-1945. Ein Forschungsbericht (2000)
b) Johannes Hürter Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42 (2006)
c) Ilja Altman Opfer des Hasses. Der Holocaust in der UdSSR 1941-1945 (2008)
d) Rolf-Dieter Müller: Der Feind steht im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahre 1939 (2011)
e) Jochen Hellbeck: Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht (2012)
f) Babette Quinkert/Jörg Morré (Hrsg.): Deutsche Besatzung in der Sowjetunion 1941–1945. Vernichtungskrieg, Reaktionen, Erinnerung (2014)

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I. Veröffentlichungen von Wigbert Benz:

1. Der Russlandfeldzug des Dritten Reiches: Ursachen, Ziele, Wirkungen. Zur Bewältigung eines Völkermords unter Berücksichtigung des Geschichtsunterrichts. Frankfurt a.M.: Haag + Herchen Verlag 1986, 2. Auflage 1988 (= Examensarbeit für das Lehramt).
2. NS-Völkermord in der UdSSR und Friedenserziehung im Geschichtsunterricht. In: karlsruher pädagogische beiträge. Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe Jg. 7 (1986), H. 13/14, S. 57-69;
3. NS-Vernichtungskrieg in der UdSSR – Quellen für den Geschichtsunterricht. In Geschichtsdidaktik (Patmos-Schwann Verlag) Jg. 12 (1987), H. 4, S. 395-400;
4. Präventiver Völkermord? Zur Kontroverse um den Charakter des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. In: Blätter für deutsche und internationale Politik Jg. 33 (1988), H. 10, S. 1215-1227;
5. Zur Rezeption des „Unternehmens Barbarossa“ in Geschichtsbüchern: Fakten und Tendenzen. In: Internationale Schulbuchforschung. Zeitschrift des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung Jg. 10 (1988), H. 4, S. 379-391;
6. (K)eine Reise in die Vergangenheit wert? Das „Unternehmen Barbarossa“ 1941 1945 in Schulbuchdarstellungen. In: Lehrerzeitung Baden-Württemberg Jg. 43 (1989), H. 11, S. 226-229;
7. Das „Unternehmen Barbarossa“ und der Vatikan. In: Blätter für deutsche und internationale Politik Jg. 34 (1989), H. 8, S. 981-991;
8. Ursachen und Charakter des Zweiten Weltkrieges. Basisbeitrag. In: Praxis Geschichte (Westermann Schulbuchverlag) 5/1990, S. 6-13;
9. Der andere Holocaust. Der deutsche Vernichtungskrieg in der Sowjetunion. In: Praxis Geschichte 5/1990, S. 26-31;
10. „Untermenschen“ – Sowjetische Kriegsgefangene in deutschem Gewahrsam 1941-1945. In: Die Unterrichtspraxis. Beilage der Lehrerzeitung Baden-Württemberg. H. 3-4/1991, S. 17-19;
11. „Unternehmen Barbarossa“ – Der andere Holocaust. In: Verein für Friedenspädagogik Tübingen (Hg.): Rundbrief 2/1991; S.2-7;
12. Unterrichtsmaterialien zur Planung des „Unternehmens Barbarossa‘ 1941 als Vernichtungskrieg. In: Verein für Friedenspädagogik Tübingen (Hg.): Rundbrief 2/1991; S.8-17;
13. 22.Juni 1941: Krieg als Völkermord. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer (Wochenschau Verlag) 41/1991, S.51-55;
14. Die Haltung des Vatikans zum „Unternehmen Barbarossa“. In: Schafranek, Hans / Streibel, Robert (Hg.): 22.Juni 1941. Der Überfall auf die Sowjetunion. Wien: Picus Verlag 1991, S.87-97;
15. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion in Schulgeschichtsbüchern. In: Schafranek, Hans / Streibel, Robert (Hg.): 22.Juni 1941. Der Überfall auf die Sowjetunion. Wien: Picus Verlag 1991, S. 167-184;
16. „Unternehmen Barbarossa“ 1941: Bericht über das internationale Wiener Symposium zum 50.Jahrestag des deutschen Überfalls. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer 42/1991, S. 57-64;
17. Stalingrad – Gehorsam bis zur letzten Patrone? In: Spurensuche Geschichte. Anregungen für einen kreativen Geschichtsunterricht. Bd.4. Von der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Hrsg. v. Peter Knoch. Stuttgart: Klett Schulbuchverlag 1992, S. 110- 113;
18. Stalingrad im deutschen Schulbuch und Unterricht. In: Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht. Hrsg. v. Wolfram Wette u. Gerd R. Ueberschär. Frankfurt a.M. 1992, 4. Aufl. 2003 : Fischer Taschenbuchverlag, S. 240-246;
19. Zustimmung und Widerstand im Nationalsozialismus. Basisbeitrag. In: Praxis Geschichte 3/1994, S.4-11;
20. Bischof Graf von Galen – Euthanasiegegner und Kriegsbefürworter. In: Praxis Geschichte 3/1994, S. 18-22;
21. Die thematische Behandlung des Zweiten Weltkriegs im Unterricht. In: Oldenbourg Geschichte für Gymnasien 13. Hrsg. v. Manfred Treml. München: Oldenbourg Verlag 1994, S.38-40;
22. Die Vernichtung des jüdischen Bolschewismus“. Russlandfeldzug und Judenvernichtung. In: Praxis Geschichte 6/1995, S.28-32;
23. Zur These vom deutschen Präventivkrieg 1941. In: Mitteilungen Nr. 125 (1996), hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, S.8f.;
24. Die Lüge vom deutschen Präventivkrieg 1941. In: Geschichte lernen (Friedrich Verlag in Zusammenarbeit mit Klett). H. 52 (1996): Legenden – Mythen – Lügen, S.54-59;
25. Der 22.Juni 1941 und seine Vorgeschichte im Geschichtsunterricht der Bundesrepublik Deutschland. In: Gerd R. Ueberschär / Lev A. Bezymenskij (Hg.): Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese. Darmstadt: Wissenschaftlichen Buchgesellschaft / Primus Verlag 1998, S.70-74;
26. Wehrmacht und Vernichtungskrieg. Basisbeitrag. In: Praxis Geschichte 2/1999, S.4-11;
27. Die 6.Armee und 90 Kinder in Bjelaja Zerkow. Die Wehrmacht vor Stalingrad. In: Praxis Geschichte 2/1999, S.28-31;
28. Das „Unternehmen Barbarossa‘ 1941 – Vernichtungskrieg und historisch-politische Bildung. Schwerpunktthema. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer 60/2000, S.5-33;
29. 22.Juni 1941 – Das „Unternehmen Barbarossa“ als Vernichtungskrieg. In: Die Unterrichtspraxis. Beilage zu „bildung und wissenschaft“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg. Heft 4 v. 16.5.2001, S.25-29;
30. Das „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Wissenschaftliches Online-Forum. In: Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (Hg.): Newsletter Nr. 16 v. Januar 2002, S. 28f.;
31. Stalingrad in deutschen Schulgeschichtsbüchern. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer 66/2003, S.56-65 (russisch in: Nina Vashkau (Hg.):Stalingrad; chemu russkie i nemcy nauchilis’ za 60 let, Volgograd 2003, ISBN 5-85534-760-5);
32. Die Nürnberger Dokumente NG 2424 und NG 2260. Zur Rolle von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell beim Judenmord in Ungarn 1944. In: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. Hrsg. v. Werner Röhr. H. 22 (2004), S. 82-95;
33. Paul Carell alias Paul Karl Schmidt. Kriegs- und Holocaustpropagandist. Wirken und Karriere des Pressechefs im NS-Außenministerium vor und nach 1945. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer 67/2004, S. 60-71;
34. Feuersturm Dresden. Fakten und Legenden um die Bombardierung der Großstadt Dresden 1945. In: Praxis Geschichte 4/2004, S.18-23;
35. Die Gegner werden schreien und von Menschenjagd sprechen“. Paul (Karl) Schmidt-Carells Holocaust PR 1944. In: Praxis Geschichte 4/2004, S.44-47;
36. Paul Carell – ein NS-Propagandist. In: Die Unterrichtspraxis. Beilage zu „bildung und wissenschaft“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg. Heft 2 v. 21.3.2005, S. 9-14;
37. Die Kontinuität des Journalisten: Paul Karl Schmidt alias Paul Carell. In: Auseinandersetzungen mit den Diktaturen. Russische und deutsche Erfahrungen. Hrsg. v. Hans Heinrich Nolte. Gleichen – Zürich 2005, S. 135-143;
38. Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2005;
39. Der Kriegspropagandist Paul Carell. Vom „Präventivkrieg“ der Wehrmacht zum „Ernstfall“ der Bundeswehr. In: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. Hrsg. v. Werner Röhr. H. 28 / 2006, S.60-77;
40. Kameraden. Reichstagsbrand: NS-Pressechef schreibt SPIEGEL-Geschichte. In: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung. Nr. 4/2007 v. 26.1.2007, S. 18;
41. Der Reichstagsbrand. Neue Untersuchungen zur Täterschaft – weiterhin offene Fragen. In: Praxis Geschichte 1/2008, S. 50;
42. Holocaust und Nachkriegskarriere. Das Fallbeispiel des NS-Pressechefs Paul (Karl) Schmidt alias Paul Carell. In: Ludwig-Marum-Stiftung (Hg.) 1998-2008. Rückblick – Überblick – Dokumentation. Pfinztal 2008, S. 152-155;
43. Reichstagsbrand – noch Fragen? In: Ossietzky. Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft. Heft 2/2010, S. 61-63, auch online verfügbar: http://www.ossietzky.net/2-2010&textfile=883 ;
44. Kalkül und Ideologie. Das Hungervorhaben im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. In: Weltordnungskonzepte. Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Klaus Kremb. Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag 2010, S. 18-37;
45. „Einsatznah ausbilden“ mit Paul Karl Schmidt alias Paul Carell, Pressechef im Nazi-Außenministerium. Führender NS-Propagandist als Ghostwriter oder Quellengeber offizieller Ausbildungsmaterialien der Bundeswehr. In: Forum Pazifismus. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Gewaltfreiheit. 2. Quartal 2010. Nr. 26, S. 13-15 (Zweitabdrucke in den Zeitschriften Ossietzky 10/2010, ZivilCourage 3/2010 sowie dem Rundbrief der AG Rechtsextremismus/Antifaschismus beim Bundesvorstand der Partei Die Linke 3-4/2010.)
46. Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2011
47. Vergessener Vernichtungskrieg. Das „Unternehmen Barbarossa“. In: TRIBÜNE – Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. 50. Jg. Heft 198. 2. Quartal 2011, S. 60-64
48. Der BMW-Chef, der bei der Gestapo war. Heinrich Richter-Brohm amtierte Ende der 50er Jahre als Vorstand des Münchner Autokonzerns. 1933 fiel er in einer anderen Rolle auf. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 113 v. 17. Mai 2011, S. 24.
49. Totalitärer Staat und Krieg – der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. In: Siegfried Frech/Frank Meier (Hrsg): Unterrichtsthema Staat und Gewalt. Kategoriale Zugänge und historische Beispiele. Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag 2012, S. 138–156.
50. Ein Buch mit Stärken. In: Das Auswärtige Amt und seine umstrittene Vergangenheit. Eine deutsche Debatte. Hrsg. von Martin Sabrow u. Christian Mentel. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2013, S. 247–248.
51. Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2014
52. „Unternehmen Barbarossa“. Vor 75 Jahren überfiel die Deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. In: Badische Neueste Nachrichten, 21. Juni 2016, S. 3

II. Der Russlandfeldzug als Vernichtungskrieg (Resümee)

Der Russlandfeldzug des Dritten Reiches wird mit Recht als „größter Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg“ der Geschichte (Ernst Nolte) bezeichnet. Ca. 27 Millionen Menschen der Sowjetunion, darunter ein Großteil Zivilisten und Kriegsgefangene, fielen den ökonomisch, ideologisch, machtpolitisch und militärstrategisch motivierten Ausrottungsplänen wesentlicher Teile der deutschen Eliten zum Opfer. „Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird“, lautete das Ergebnis einer Arbeitsbesprechung der Staatssekretäre über „Barbarossa“ am 2.Mai 1941, also schon sechs Wochen vor dem Überfall (Nürnberger Dokument 2718-PS). Schon im Januar 1941 war im Reichsernährungsministerium der Plan entwickelt worden, es reiche nicht aus, den europäischen Teil der Sowjetunion zu erobern. Größere Lieferungen aus den zu erobernden Gebieten nach Deutschland und an die Wehrmacht seien nur zu erzielen, wenn bestimmte Teile des sowjetischen Territoriums gezwungen würden, ihre Überschüsse dem Reich abzutreten und nicht mehr die Industriegebiete Russlands ernähren würden. Entindustrialisierung und Entvölkerung wurden als zwangsläufige Folgen angesehen (Vgl. V. „Viele zehn Millionen Menschen werden überflüssig“ – Quelle). Insgesamt war eine Dezimierung der sowjetischen Bevölkerung, in erster Linie als Folge der eingeplanten Hungersnot, um ca. 30 Millionen Menschen vorgesehen. Diese Zahl nannte nicht nur der Höhere SS- und Polizeiführer Russland-Mitte Erich von dem Bach-Zelewski 1946 in Nürnberg, sondern auch Göring im November 1941 gegenüber dem italienischen Außenminister Graf Ciano (vgl. die Dissertation von Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 – 1944. Hamburg 1999, S.46-59). Der tatsächliche Kriegsverlauf ließ dann die Realisierung des geplanten Hungertodes von zig Millionen Menschen in der Sowjetunion nicht mehr in vollem Umfang zu. Die heutige Forschung, z.B. Hans-Heinrich Nolte, Osteuropa-Historiker an der Universität Hannover, beziffert unter Einbeziehung neuerer russischer Forschungen die sowjetischen Menschenopfer im „Unternehmen Barbarossa“ auf ca. 27 Millionen – darunter allein sieben Millionen Hungertote hinter der Front (vgl. Hans-Heinrich Nolte: Kleine Geschichte Rußlands. Stuttgart 1998, S.253-263).
Die Wehrmacht als der „stählerne Garant des NS-Systems“ (Manfred Messerschmidt) war in Planung, Durchsetzung und Absicherung dieser Vernichtungspolitik eingebunden. Mit dem von der Wehrmachtsführung ausgearbeiteten „Kriegsgerichtsbarkeitserlass“ vom 13.Mai 1941 wurde die sowjetische Zivilbevölkerung faktisch für vogelfrei erklärt: „Für Handlungen, die Angehörige der Wehrmacht und des Gefolges gegen feindliche Zivilpersonen begehen, besteht kein Verfolgungszwang, auch dann nicht, wenn die Tat zugleich ein militärisches Verbrechen oder Vergehen ist“ (Bundesarchiv-Militärarchiv, RW 4/ v.577). Allein diesem „Kriegsgerichtsbarbeitserlass“ als Kernbestandteil der verbrecherischen Befehle fielen hunderttausende sowjetische Zivilisten zum Opfer. Für den Überfall auf die UdSSR hatte Hitler in einer Ansprache am 30.März 1941 vor etwa 250 Generälen und hohen Offizieren die Ermordung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz gefordert. Nach dieser Vorgabe Hitlers wurden die entsprechenden Befehle von den zuständigen Dienststellen des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) und des Oberkommandos des Heeres (OKH) ausgearbeitet. Formuliert wurden sie von der Rechtsabteilung des OKW. Deren Leiter, Ministerialdirigent Lehmann, der als Generaloberstabsrichter ranghöchster Militärjurist des „Dritten Reiches“ war, befürwortete von sich aus eine völlige Ausschaltung der Wehrmachtsgerichtsbarkeit über Landeseinwohner und trug so entscheidend zur schon im oben zitierten „Kriegsgerichtsbarkeitserlass“ geplanten Brutalisierung der Kriegführung der Wehrmacht gegen die Zivilbevölkerung bei. In seiner Dissertation „Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945“ weist Christian Streit nicht nur die Verantwortung der Wehrmacht für den Tod von 3,3 Millionen in deutscher Gefangenschaft umgekommen russischen Kriegsgefangenen nach (von insgesamt 5,7 Millionen Gefangenen der Roten Armee in Wehrmachtsgewahrsam), sondern stellt auch fest, dass die Initiative zur Erschießung der gefangenen politischen Kommissare der Roten Armee durch die Truppe und nicht durch Heydrichs Sicherheitspolizei im sog. „Kommissarbefehl“ vom 6.Juni 1941 von Generalstabschef Halder persönlich ausging (Streit, S.45f.). Die „Endlösung der Judenfrage“ steht in engem Kausalzusammenhang mit dieser vernichtenden Kriegführung. Der weltweit wohl bedeutendste Hitler-Biograph Ian Kershaw resümiert in seinem Ende August 2000 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart erschienenen Band „Hitler 1936 – 1945“ diesen Zusammenhang von Vernichtungskrieg und Holocaust wie folgt: „Es war kein Zufall, dass der Krieg im Osten zu einem Genozid führte. Das ideologische Ziel der Auslöschung des ‚jüdischen Bolschewismus‘ stand im Mittelpunkt, nicht am Rande dessen, was man bewusst als einen ‚Vernichtungskrieg‘ angelegt hatte. Er war mit dem militärischen Feldzug untrennbar verbunden. Mit dem Anrücken der Einsatzgruppen, das in den ersten Tagen des Angriffs einsetzte und durch die Wehrmacht unterstützt wurde, war die völkermordende Natur dieser Auseinandersetzung bereits eingeleitet. Die deutsche Kriegführung im Russlandfeldzug sollte sich schnell zu einem umfassenden Völkermordprogramm entwickeln, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Hitler sprach während des Sommers und Herbstes 1941 zu seinem engeren Gefolge häufig in den brutalsten Ausdrücken über die ideologischen Ziele des Nationalsozialismus bei der Zerschlagung der Sowjetunion. Während derselben Monate äußerte er sich bei zahllosen Gelegenheiten in seinen Monologen im Führerhauptquartier immer wieder mit barbarischen Verallgemeinerungen über die Juden. Das war genau die Phase, da aus den Widersprüchen und dem Mangel an Klarheit in der antijüdischen Politik ein Programm zur Ermordung aller Juden im von den Deutschen eroberten Europa konkrete Gestalt anzunehmen begann“(S.617).
In den Schulgeschichtsbüchern und Lehrplänen spielen diese zentralen Fakten und Zusammenhänge nur eine rudimentäre Rolle. Ihre didaktisch angemessene Thematisierung bleibt ein Desiderat des Geschichtsunterrichts. Hier stehen in erster Linie Schulbuchverlage, -herausgeber, -autoren, aber auch Lehrplangestalter in der Pflicht.
Meine oben genannten Veröffentlichungen analysieren diese Zusammenhänge und bieten konkrete Unterrichtshilfen, insbesondere auch für die Schüler der Sekundarstufe I – vor allem die genannten Ausgaben der von mir moderierten und mitverfassten Zeitschrift PRAXIS GESCHICHTE und hier in erster Linie die Ausgabe 2/1999 „Wehrmacht und Vernichtungskrieg“. Der bei den Veröffentlichungen genannte Beitrag „Unternehmen Barbarossa – Vernichtungskrieg und historisch-politische Bildung“ erschien im September 2000 zum Historikertag im geschichtsdidaktischen WOCHENSCHAU-Verlag und resümiert nicht nur die bisherigen Studien, sondern bietet auch eine praktikable dreistündige Unterrichtssequenz zum Charakter des „Unternehmens Barbarossa“ als von vornherein geplanter Vernichtungskrieg. – Dieser Unterrichtsentwurf auch online verfügbar, einfach unter II./1. Websites den Link anklicken.

III. Wehrmachtsangehörige zum Vernichtungskrieg

Dass nicht nur hitlerhörige Generäle den Vernichtungskrieg mitverantworteten zeigt der Befehl von Generaloberst Hoepner sechs Wochen vor dem Überfall, ja sogar noch vor Ergehen des Kommissarbefehls. Hoepner war maßgeblich am Aufstand des 20. Juli 1944 beteiligt und wurde nach dessen Scheitern hingerichtet. Die Vernichtungspraxis im Ostkrieg trug er gleichwohl mit seinem aus eigener Initiative erlassenen Befehl zur „erbarmungslosen, völligen Vernichtung“ mit. Dieses Vernichtungsdenken war auch unter einfachen „Landsern“ weit verbreitet, wie der Feldpostbrief exemplarisch zeigt (weitere Beispiele in der sog. „Sammlung Sterz“ der Bibliothek für Zeitgeschichte Stuttgart). Die Erinnerungen des Wehrmachtsoffiziers und bekannten evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer führen vor Augen, wie leicht der Wille zum Vernichtungskrieg vom ersten Tag des Überfalls an erkennbar war, dass in der Tat jeder, der es hätte wissen wollen, wissen konnte, „dass nun die Barbarei unter Zustimmung der Wehrmachtsführung gesiegt hatte“.

1. Befehl des Befehlshabers der Panzergruppe 4, Generaloberst Hoepner, zur bevorstehenden Kriegführung im Osten vom 2.5.1941:

„Der Krieg gegen Russland ist ein wesentlicher Abschnitt im Daseinskampf des deutschen Volkes. Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muss die Zertrümmerung des heutigen Russland zum Ziele haben und deshalb mit ungeheurer Härte geführt werden. Jede Kampfhandlung muss in Anlage und Durchführung von dem eisernen Willen zur erbarmungslosen, völligen Vernichtung des Feindes geleitet sein.“
(Quelle: Bundesarchiv-Militärarchiv, LVI.AK., 17956/7a)

2. Feldpostbrief des Gefreiten F. von der Ostfront, 3.Juli 1941:

„Adolf und ich marschieren gegen unseren großen Feind Russland. Somit geht einer meiner Wünsche in Erfüllung, nach diesem gotteslästerlichen Land wollte ich schon immer gerne ziehen. Diesmal wird bestimmt Schluss gemacht mit einer gottfeindlichen Macht. Unglaublich große Heeresmassen ziehen vor. Niemals hätte ich eine solche Aufrüstung in so kurzer Zeit für möglich gehalten und dennoch ist es so…Rechts und links der Vormarschstraße liegen tote Russen, zerschossene und ausgebrannte Tanks, drinnen liegen noch die Fahrer ganz verkohlt.“(Quelle: Buchbender,O. / Sterz,R. (Hrsg.): Das andere Gesicht des Krieges. Deutsche Feldpostbriefe 1939-1945. München 2.Aufl. 1983, S.72f.)

3. Erinnerungen des Wehrmachtssoldaten und Theologen Helmut Gollwitzer an den 22.Juni 1941:

„Bis zum Beginn des Russlandfeldzuges war auf der Innenseite des Umschlags unseres Soldbuches ein Blatt eingeklebt: ‚Zehn Gebote für den deutschen Soldaten‘. Darin waren aufgezählt die Vorschriften der internationalen Konvention zur Bändigung der Kriegsbestie: Schonung des entwaffneten und gefangenen gegnerischen Soldaten, Schonung der Zivilbevölkerung, Verbot von Plünderung und Vergewaltigung. Mit Beginn des Russlandfeldzuges wurde dieses Blatt aus den Soldbüchern entfernt – und jeder konnte wissen, dass nun die Barbarei unter Zustimmung der Wehrmachsführung gesiegt hatte.“
(Quelle: Gollwitzer,H: Der Überfall. In: ZEITmagazin, 23.3.1984, S.30ff.)

IV. „Viele 10 Millionen Menschen werden überflüssig“ (Quelle)

Richtlinien für Wirtschaftsorganisation Ost, 23.5.1941:

„Die Überschüsse Russlands an Getreide werden entscheidend nicht durch die Höhe der Ernte, sondern durch die Höhe des Selbstverbrauchs bestimmt…Da Deutschland bzw. Europa unter allen Umständen Überschüsse braucht, muss der Konsum also entsprechend herabgedrückt werden…Die Überschussgebiete liegen im Schwarzerdegebiet (also im Süden, Südosten) und im Kaukasus. Die Zuschussgebiete liegen im wesentlichen in der Waldzone des Nordens…Die Konsequenz ist die Nichtbelieferung der gesamten Waldzone einschließlich der wesentlichen Industriezonen Moskau und Petersburg…Die Bevölkerung dieser Gebiete, insbesondere die Bevölkerung der Städte, wird größter Hungernot entgegensehen müssen…Viele zehn Millionen von Menschen werden in diesem Gebiet überflüssig und werden sterben oder nach Sibirien auswandern müssen. Versuche, die Bevölkerung dort vor dem Hungertode dadurch zu retten, dass man aus der Schwarzerdezone Überschüsse heranzieht, können nur auf Kosten der Versorgung Europas gehen. Sie unterbinden die Durchhaltemöglichkeit Deutschlands im Kriege, sie unterbinden die Blockadefestigkeit Deutschlands und Europas…Russland hat sich unter dem bolschewistischen System aus reinen Machtgründen aus Europa zurückgezogen und so das europäische arbeitsteilige Gleichgewicht gestört. Unsere Aufgabe, Russland wieder arbeitsteilig in Europa einzubeziehen, bedeutet zwangsläufig die Zerreißung des jetzigen wirtschaftlichen Gleichgewichts innerhalb der UdSSR. Es kommt also unter keinen Umständen auf eine Erhaltung des Bisherigen an, sondern auf eine Abkehr vom Gewordenen und Einbeziehung der Ernährungswirtschaft Russlands in den europäischen Rahmen. Daraus folgt zwangsläufig ein Absterben sowohl der Industrie wie eines großen Teils der Menschen in den bisherigen Zuschussgebieten.“
(Quelle: Nürnberger Dokument 126-EC, IMT, Bd.36, S.135-157)

V. Zur These vom Präventivkrieg im Osten (Resümee)

Nach dieser These hat Hitler-Deutschland am 22.Juni 1941 die Sowjetunion nicht überfallen, sondern wollte mit einer vorbeugenden Militäraktion einem vermuteten bevorstehenden Angriff der Roten Armee zuvorkommen. Die wichtigsten Vertreter dieser Behauptung sind Joachim Hoffmann, 1995 pensionierter Historiker am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr („Stalins Vernichtungskrieg“), Ernst Topitsch, emeritierter Sozialphilosoph an der Universität Graz („Stalins Krieg“) und „Viktor Suworow“ („Der Eisbrecher“), hinter dessen Pseudonym sich der 1983 in den Westen übergelaufene Geheimdienstoffizier Wladimir Resun verbirgt. Dazu kommen noch etliche Pamphlete von Kriegsveteranen (z.B. 1997 Gerhard Baumfalk „Überfall oder Präventivschlag“) und eindeutig rechtsradikalen Autoren (zuletzt 1998 Wolfgang Strauss „Unternehmen Barbarossa und der russische Historikerstreit“). Über Jahrzehnte großen Einfluss hatte und hat Paul Carells Bestseller „Unternehmen Barbarossa“ (seit 1963 in immer neuen Auflagen) , dessen Darstellung mit einem zweiseitigen Zitat aus Hitlers Tagesbefehl zum Angriff beginnt, der die Behauptung vom bevorstehenden Überfall der Roten Armee propagiert. Bis heute ist auch unter Historikern wenig bekannt, dass es sich bei dem Pseudonym „Paul Carell“ um einen der einflussreichsten Presselenker des NS-Staates handelt, nämlich um den SS-Obersturmbannführer und Pressesprecher Außenminister Ribbentrops, Paul Karl Schmidt. Das „Unternehmen Barbarossa“ des SS-Obersturmbannführers und Pressesprechers Paul Karl Schmidt alias des Bestsellerautors Paul Carell hat das Bild des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion geprägt: Es war ein sauberer, notwendiger und kameradschaftlicher Krieg. Die SS war nichts anderes als eine kämpfende Truppe, nur einmal, auf Seite 439, gibt es eine SS, die fanatisch und grausam ist: „Stalins SS…“.
Neben dem unter VIII unten vorgestellten Forschungsbericht setzen sich seriös zwei Sammelbände mit der Präventivkriegsthese auseinander:

· Gerd R. Ueberschär / Lev A. Bezymenskij (Hg.): Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese. Wissenschaftliche Buchgesellschaft / Primus Verlag, Darmstadt 1998

· Bianka Pietrow-Ennker (Hg.): Präventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.2000

Die deutsch-russischen Historikerteams kommen zu dem Schluss, dass die Präventivkriegsvertreter keine Beweise für ihre These vorbringen können und neben vielen anderen Fakten den historischen Tatbestand vernachlässigen, dass Hitler den Entschluß zum Überfall schon im Juli 1940(!) fasste (Tagebücher Generaloberst Halder, 31.7.1940), die eigene Feindaufklärung (vgl. Akten der Abteilung Fremde Heere Ost, Bundesarchiv-Militärarchiv, RH 19 III/722 u. RH 2/1983) den Aufmarsch der Roten Armee als Reaktion auf den deutschen Aufmarsch und im wesentlichen als defensiv analysierte und Goebbels in seinem Tagebucheintrag vom 16.6(!) 1941 triumphierte: „Der Führer schätzt die Aktion auf etwa 4 Monate, ich schätze auf weniger. Wir stehen vor einem Siegeszug ohnegleichen.“ Die NS-Führung hatte nicht die geringste Angst vor einem angeblich drohenden sowjetischen Angriff. Unter dieser historischen Beweislast fällt die Präventivkriegsthese in sich zusammen. Es war nicht „Stalins Krieg“ (Topitsch) oder „Stalins Vernichtungskrieg“ (Hoffmann), sondern der Vernichtungskrieg Hitlers und der deutschen Wehrmacht auf russischem Territorium.
Noch ein Hinweis zur Behandlung des Themas im Unterricht: Wigbert Benz: Die Lüge vom deutschen Präventivkrieg 1941. In: Geschichte Lernen (FRIEDRICH-Verlag in Verb. mit KLETT),H.52/1996, S.54-59. Dieser Unterrichtsentwurf ist mit aktualisierten Literaturhinweisen seit Ende Oktober 2000 auch im „Sammelband Nationalsozialismus“ (S.67-72) des gleichen Verlages verfügbar.

VI. Lagebeurteilungen der Wehrmachtsabteilung „Fremde Heere Ost“ (Quellen)

Lagebericht Nr.1 vom 15.3.1941:

„Seit der erkennbaren Verstärkung unserer Kräfte im Osten wurden folgende russische Maßnahmen festgestellt und bestätigt: 1.) Durchführung einer Teil-Mobilmachung…2.) Truppenverlegungen…sowie Marschbewegungen im Baltikum in Richtung auf die deutsche Grenze zeigen, dass die russischen Truppen z.Zt. an der Westgrenze aufschließen…Beurteilung: Teilmobilmachung und Aufschließen russischer Truppen zur Grenze ist Defensiv-Maßnahme und dient lediglich zur Verstärkung der Grenzsicherung.“
(Quelle: BA-MA Freiburg, RH 19 III/722)

Feindbeurteilung vom 20.5.1941:

„Die Rote Armee steht mit der Masse der Verbände des europäischen Teils der UdSSR, d.h. mit rund 130 Schützendivisionen – 21 Kavalleriedivisionen – 5 Panzerdivisionen – 36 mot.-mech. Panzerbrigaden entlang der Westgrenze von Czernowitz bis Murmansk…Die Tatsache, dass bisher weit günstigere Gelegenheiten eines Präventivkrieges (schwache Kräfte im Osten, Balkankrieg) von der UdSSR nicht ausgenutzt wurden, ferner das gerade in letzter Zeit fühlbare politische Entgegenkommen und festzustellende Bestreben der Vermeidung möglicher Reibungspunkte lassen eine Angriffsabsicht unwahrscheinlich erscheinen… Grenznahe, zähe Verteidigung, verbunden mit Teilangriffen zu Beginn des Krieges und während der Operationen als Gegenangriffe gegen den durchgebrochenen Feind…erscheint aufgrund der politischen Verhältnisse und des bisher erkennbaren Aufmarsches am wahrscheinlichsten.“
(Quelle: BA-MA Freiburg, RH 2/1983)

Lagebericht Nr.5 vom 13.6.1941:

„Seit 20.5. sind im wesentlichen folgende Veränderungen eingetreten: Die Gesamtstärke der Roten Armee im europäischen Teil der UdSSR hat sich…auf 150 Schützendivisionen – 25 1/2 Kavalleriedivisionen – 7 Panzerdivisionen – 38 mot.-mech. Panzerbrigaden erhöht…Starke bewegliche Gruppen in Südbessarabien und um Czernowitz unmittelbar an der Grenze in Verbindung mit Meldungen über weiteres Aufschließen an der unteren Pruth und Bereitstellung von Übersetzmaterial lassen örtliche Offensivvorstöße der Russen nicht unmöglich erscheinen…Im übrigen ist jedoch nach wie vor im großen gesehen, defensives Verhalten zu erwarten.“
(Quelle: BA-MA Freiburg, RH 19 III/722)

VII. Forschungsberichte/Standardwerke zum „Unternehmen Barbarossa“/Russlandfeldzug

Müller, Rolf-Dieter u. Gerd R. Ueberschär: Hitlers Krieg im Osten 1941-1945. Ein Forschungsbericht. Darmstadt: (WISSENSCHAFTLICHE BUCHGESELLSCHAFT) 2000.

Der Forschungsbericht unterzieht alle wesentliche internationale Literatur zum Russlandfeldzug einer kritischen Analyse und gibt kompetente und fundierte Orientierungen im Dschungel sich widersprechender einschlägiger Publikationen. Dies wird möglich, weil die Autoren renommierte Historiker an wichtigen Forschungseinrichtungen sind: Rolf-Dieter Müller am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr (MGFA) und Gerd R. Ueberschär am Bundesarchiv-Militärarchiv (BA-MA). Hilfreich für die Benutzer ist die Untergliederung des Bandes in sieben Themenbereiche mit je eigenem Forschungsbericht und Bibliographie. Diese Themenbereiche (=Kapitel) sind im einzelnen: I. Politik und Strategie (Müller), II. Die militärische Kriegführung (Ueberschär), III. Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg im Osten (Ueberschär), IV. Besatzungspolitik (Müller), V. Unmittelbare Kriegsfolgen (Müller); VI. Verdrängung und Vergangenheitsbewältigung (Ueberschär), VII. Fazit: Von der historischen Erinnerung zu den „Brücken der Verständigung“ und Versöhnung sowie Probleme der öffentlichen Präsentation (Ueberschär). – Meine Veröffentlichungen werden in den Forschungsberichten auf den Seiten 414 und 435 bewertet sowie in den bibliographischen Anhängen auf S.145 (Nr.43), S.274 (Nr.46), S.425 (Nr.158 bis 162) und S.439 (Nr.5) aufgelistet.
Bei aller akribischen Wissenschaftlichkeit scheuen sich Müller und Ueberschär keineswegs vor klaren Bewertungen der Kontroverse zur sog. „Präventivkriegsthese“ und des Charakters dieses Feldzuges als Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg. Nach kritischer Reflexion der Argumente der Verfechter der „Präventivkriegsthese“ resümieren die Autoren: „Bezeichnend für die neue Behauptung vom ‚Präventivschlag‘ gegen den offensiven Aufmarsch der Roten Armee ist die Beobachtung, dass völlig darauf verzichtet wurde, der Frage nachzugehen, ob die deutschen Politiker und Militärs seinerzeit überhaupt in der Annahme handelten, Stalin zuvorzukommen, d.h. ob die Präventivkriegsvorstellungen den deutschen Entscheidungsprozess eigentlich beeinflussten. Da dies nachweislich nicht der Fall war, verlegte man sich auf mehr oder minder vage Spekulationen über Stalins Politik und versuchte, Hitlers programmatische Motive für seinen Krieg gegen die Sowjetunion als bedeutungslos hinzustellen. Was dann dabei herauskam, ist ziemlich absonderlich. Der deutsche Diktator habe, als er der deutschen Wehrmacht befahl, die UdSSR zu überfallen, einen Präventivkrieg geführt, allerdings ohne es selbst zu wissen und ohne es bei seiner Entscheidung zu berücksichtigen, obwohl er dann später die ‚Präventivkriegsthese‘ von Propagandaminister Goebbels nachhaltig verbreiten ließ“(S.415).
Die weltanschauliche Ausrichtung des Krieges zeigt sich in aller Deutlichkeit bei den noch vor Kriegsbeginn herausgegebenen Anordnungen und verbrecherischen Befehlen, wie den „Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Nr.21 (Fall Barbarossa)“ vom 13.März(!) 1941, dem „Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit“ vom 13. Mai 1941, den „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland“ vom 19.Mai 1941 und den „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare“ vom 6.Juni 1941. Sowohl im Planungsprozess selbst als auch in der Kriegspraxis wurden die verbrecherischen Befehle von der Wehrmachtsführung mindestens mitgetragen, so z.B. beim „Kommissarbefehl“, welcher der Truppe – und eben nicht Heydrichs SS – die Liquidierung gefangengenommener politischer Kommissare der Roten Armee abforderte. Ueberschär und Müller fassen den Forschungsstand hierzu wie folgt zusammen: „Zwar gibt es immer wieder Behauptungen, die deutschen Stäbe und Verbände hätten den Kommissarbefehl nicht ausgeführt oder bewusst fiktive Meldungen über erschossene feindliche Kommissare abgegeben, doch zeigt sich bei Nachprüfung im Detail, dass diese nachträglichen Schutzbehauptungen nicht zutreffen. Die verbrecherischen Befehle sind vielmehr überwiegend von den Divisionen, Korps und Armeen an der Ostfront ausgeführt worden“ (S.227). – Meine ausführliche Rezension dieses grundlegenden Forschungsberichtes zum Krieg im Osten befindet sich seit dem 20.11.2000 auf dem Server von H-Soz-u-Kult (= Liste für Sozial- und Kulturgeschichte, Humboldt Universität Berlin). Sie kann dort gelesen werden unter der URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensio/buecher/2000/bewi1100.htm
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Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. (2006), 719 S., geb,. 49.80 €. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München

Bei der zu besprechenden Studie handelt es sich um eine von der Universität Mainz angenommenen Habilitationsschrift des am renommierten Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) tätigen Historikers Johannes Hürter. Sie steht im Zentrum einer Reihe von Projekten des IfZ zu dem Themenkomplex „Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur“. In ihren Focus rücken die höchsten Instanzen der Wehrmacht auf dem östlichen Kriegsschauplatz: die Oberbefehlshaber der drei Heeresgruppen und dreizehn Armeen. Im Einzelnen wurden 1941/42 die folgenden hohen Generäle in diesen Funktionen an der Ostfront eingesetzt: Fedor von Bock, Ernst Busch, Eduard Dietl, Nikolaus von Falkenhorst, Heinz Guderian, Gotthard Heinrici, Erich Hoepner, Hermann Hoth, Ewald von Kleist, Günther von Kluge, Georg von Küchler, Wilhelm Ritter von Leeb, Georg Lindemann, Erich von Lewinski (genannt von Manstein), Walter Model, Friedrich Paulus, Walter von Reichenau, Hans-Georg Reinhardt, Gerd von Rundstedt, Richard Ruoff, Rudolf Schmidt, Eugen Ritter von Schobert, Adolf Strauß, Carl-Heinrich von Stülpnagel und Maximilian Freiherr von Weichs. Diese im ersten Jahr des deutsch-sowjetischen Krieges insgesamt 25 Generäle untersucht Hürter in einer zusammenhängenden Gruppenbiografie und nicht isoliert voneinander. Als militärische Oberbefehlshaber der jeweiligen Heeresgruppen und Armeen hatten sie mitentscheidenden Einfluss auf die Kriegführung und Besatzungspolitik im Osten und besaßen trotz der Befehle und Weisungen der obersten Führung beträchtlichen Gestaltungsspielraum vor Ort. Sie verfügten über das Schicksal von mehreren Millionen Menschen und waren über den gesamten Raum des Krieges gegen die Sowjetunion verteilt. Insofern ist diese kleine militärische Elite in hohem Maße relevant und für das Ganze repräsentativ. Gegen Schluss seines Buches führt der Autor zu jedem der hohen Generäle deren spezifische biografischen Daten auf (S. 619-669), die er „Biogramme“ nennt. Diese unterteilt er in vier Abschnitte: Persönliche Daten, Schulbildung, Laufbahn und wichtigste Orden sowie Auszeichnungen.
Im Ganzen erfasst er diese Spitzenmilitärs erstmals als Gruppe und analysiert sie ihrem Sozialprofil, ihren geistigen Dispositionen, ihrem institutionellen Umfeld, vor allem aber in ihrem Handeln im Ostkrieg. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf den richtungweisenden, wechselhaften und gut belegten ersten zwölf Monaten von Juni 1941, dem Kriegsbeginn, bis Mai 1942, der Wiederaufnahme der deutschen Offensivoperationen, gelegt, in denen die politische Dimension dieses Krieges als Eroberungs-, Ausbeutungs- und Vernichtungskrieg besonders deutlich wurde. Im Rahmen seiner gruppenbiografischen Untersuchung gelangt Hürter auf breiter Quellengrundlage zu fundierten Erkenntnisse über das Verhalten der Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion, die im Folgenden resümiert werden sollen.

Alle diese Generäle waren 1941 über 50 Jahre alt, die meisten in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts geboren, fast alle kamen aus den „erwünschten Kreisen“ der höheren Offiziere, Beamten und Akademiker, alle hatten ein humanistisches Gymnasium oder eine Kadettenanstalt durchlaufen und sofort nach der Schule den Offiziersberuf gewählt. So waren alle von der späten Kaiserzeit an bis zum Zweiten Weltkrieg durchgängig im Militärdienst und hatten über zwei Systemwechsel hinweg eine sich als unpolitisch verstehende primär technokratisch verstehende erfolgreiche Karriere bis in höchste Generalsränge absolviert. Die tiefe Verwurzelung im starren politischen und ethischen Normensystem der Kaiserzeit im Verbund mit einer traumatischen Beunruhigung durch das Erlebnis des Ersten Weltkrieges und die Jahre der Revolution führte zu einer Anpassungsleistung derart, dass es schon bei Hitlers berühmt-berüchtigter Rede vom 30. März 1941, bei der dieser einen rassenideologischen Vernichtungskrieg und kolonialen Ausbeutungskrieg propagierte, bei den 13 (aus der von Hürters Gruppe untersuchten) anwesenden Generälen zu keinen Akzeptanzproblemen gegenüber den politischen Vorgaben gekommen war: „Die Rede Hitlers erschütterte offenbar weder das Vertrauen noch das Gewissen der Generale. Im Gegenteil – vermutlich wurde sogar manche Skepsis gegen den Angriff auf die Sowjetunion durch die vorgetragenen Argumente widerlegt“ (S. 11). Aufs Ganze gesehen konnte 1941/42 auch von einer fachlichen Opposition der Militärelite gegen den Diktator keine Rede sein. Damit fehlte ein wesentliches Korrektiv für die immer gleichermaßen radikaler wie realitätsfremder werdenden strategischen und auch operativen Entscheidungen. Das hatte gravierende Folgen für den weiteren Kriegsverlauf. Anstatt zu mahnen, protestieren oder zu putschen fügten sich die Generale in die Fortsetzung und zunehmende Radikalisierung der Kriegführung. Die ideologischen Vorgaben Hitlers korrespondierten mit einem schrankenlosen militärischen Utalitarismus, der für das militärischen Denken und Handeln der Generale konstitutiv war. Auch die später als Angehörige der Bewegung des 20. Juli 1944 hingerichteten Befehlshaber Erich von Hoepner und Carl-Heinrich von Stülpnagel erließen von sich aus Befehle, die dem Vernichtungskrieg Vorschub leisteten; Hoepner sogar als einer der ersten schon gut sechs Wochen vor dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941.
Die Ermordung von ungefähr 500000 Männern, Frauen und Kindern jüdischer Herkunft im untersuchten Zeitraum wäre ohne die, überwiegend logistische und administrative, Unterstützung der Wehrmacht kaum möglich gewesen. Dabei gingen einige der Befehlshaber über eine passive Duldung des Judenmords hinaus. Die Hetz- und Mordbefehle Reichenaus, die Anregungen zu Pogromen und zu antisemitischer Propaganda durch Stülpnagel, Küchlers Zustimmung zur Ermordung von tausend Psychiatriepatienten und andere Beispiele belegen, dass nicht unbedingt die Nähe (Reichenau), die Abwartehaltung (Küchler) oder die Opposition (Sülpnagel) zum NS-System ausschlaggebend waren, sondern ganz stark auch Anpassung, Ehrgeiz, Konfliktscheu oder mangelnde Empathie zu diesem Verhalten führten. Und auch nach dem Krieg zeigten Generäle wie Guderian und Leeb wenig Nachdenklichkeit über diese Verbrechen. Am 26. Juli 1945, als die Judenmorde schon längst ein Thema der Weltöffentlichkeit geworden waren, hörte die US-Army ein Gespräch ab, in dem sich diese beiden besonders prominenten und jetzt kriegsgefangenen Generäle über die Vorzüge und Nachteile des NS-Systems unterhielten. Der Meinungsaustausch endete mit dem Ergebnis: Guderian: „Die grundlegenden Prinzipien waren gut.“ – Leeb: „Das ist wahr.“
Johannes Hürter resümiert: „Es ist erschreckend, wie verhältnismäßig leicht es einem verbrecherischen Regime gelang, konservative Akteure und traditionelle Institutionen auf seine Hegemonie- und Mordpläne auszurichten“ (S. 617).

Johannes Hürter hat eine grundlegende, tiefgreifende Studie vorgelegt, die trotz ihres Umfangs und ihrer Komplexität übersichtlich und gut lesbar dargeboten wird. Der Übersichtlichkeit und Transparenz dient auch ein benutzerfreundliches Orts- und Personenregister. Letzteres differenziert bei den untersuchten 25 Befehlshabern z.B. nach ihrem Verhalten im Kaiserreich, Ersten Weltkrieg, in der Revolution und Republik, der NS-Diktatur bis 1939 und ihrem jeweiligen Verhalten im ersten Kriegsjahr gegenüber Rotarmisten, Kriegsgefangenen, Kommissaren, Partisanen, Zivilbevölkerung und beim Judenmord, so dass die gleichermaßen sorgfältig verfasste wie lektorierte Schrift zur durchgehenden tiefgehenden Lektüre wie auch als Nachschlagwerk genutzt werden kann.

Quelle: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer. Heft 73/2007, S. 91 f.; Rezensent: Wigbert Benz
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Ilja Altman: Opfer des Hasses. Der Holocaust in der UdSSR 1941-1945. Mit einem Vorwort von Hans-Heinrich Nolte. Muster-Schmidt Verlag, Gleichen/Zürich 2008

Mehr als zwanzig Millionen Sowjetbürger starben während des deutschen Russlandfeldzuges 1941-1945; die Hälfte waren Zivilisten und Kriegsgefangene. „Zig Millionen Menschen werden verhungern, wenn das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird“, wurde am 2. Mai 1941, sechs Wochen vor dem Überfall, in der Aktennotiz einer Besprechung der Staatssekretäre der kriegswichtigen Ressorts mit Wehrwirtschaftsgeneral Georg Thomas festgehalten. Ökonomisches Kalkül zur Eroberung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen sowie ideologische Ressentiments gegen den „jüdischen Bolschewismus“ und die laut NS-Propaganda „slawischen Untermenschen“ im Osten führten zu einem monströsen Vernichtungskrieg. Dass nicht noch mehr verhungerten, lag am Scheitern des Feldzuges. In die Tat umgesetzt aber wurde der Holocaust auf dem Gebiet der UdSSR, bildeten die Juden doch die verhasste, angeblich biologische Grundlage der bolschewistischen Herrschaft. Von den 2,9 Millionen den Besatzern in die Hände gefallenen sowjetischen Juden überlebten nur etwa 100 000.

Der russische Historiker Ilja Altman, Vizepräsident des Moskauer Holocaust-Zentrums für Forschung und Bildung, legt eine auf beeindruckende Materialdichte gründende und auf eine umfassende Auswertung russischer Archive gestützte Gesamtdarstellung des Judenmords in der ehemaligen UdSSR vor. Dabei belegt er nicht nur, dass die sowjetischen Juden die ersten Opfer der Massenvernichtung in Europa waren, sondern diese Praxis des Völkermords dann auf andere Länder und weitere Menschen ausgeweitet wurde. Außer den Juden teilten auch Millionen „minderwertige Slawen“ ihr Schicksal.

6000 von den Besatzern geförderte antisemitische Propagandaschriften konnte Altman ermitteln, mehr als 800 Ghettos zählte er auf dem besetzten Gebiet. Nach der Ausgrenzung steht die physische Vernichtung der Juden im Fokus seiner Untersuchung. Die Ermordung von 2,8 Millionen jüdischen Menschen erfolgte nicht in „Vernichtungs-KZs“ wie Auschwitz, Majdanek, Sobibor oder Treblinka, sondern durch Massenerschießungen und eher atavistische Methoden wie Erschlagen und Verbrennen oder aktiv herbeigeführten Hungertod. Altman legt eine präzise Opferstatistik vor. Die Hälfte der auf sowjetischem Gebiet ermordeten Juden starb in der Ukraine, 800 000 verloren in Weißrussland ihr Leben. Jeder vierte Einwohner wurde dort von den Besatzern getötet, jeder dritte Ermordete war ein Jude.

Die Unterstützung der Besatzer durch einheimische Kollaborateure war insbesondere in der Ukraine und den baltischen Ländern erheblich. Den jüdischen Widerstand kann Altman deutlich stärker zeigen als bisher üblich. In den Archiven fand er zahlreiche Belege für – zuweilen sogar gelungene – Versuche, den Henkern ihre Waffen zu entreißen, sich mit Messer, Axt oder Schaufel, ja sogar den bloßen Händen zu wehren. Die Teilnahme an der Partisanenbewegung war bedeutend und oft die einzige Überlebenschance für Juden.

Die – vielleicht einzige – Schwäche des Buches ist das Ausklammern der erschossenen jüdischen Kriegsgefangenen in der detaillierten Opferstatistik. Damit nähert sich Altman, sicher ungewollt, der Tabuisierung dieses Themas in der sowjetischen Historiographie und Publizistik. Erhellend hingegen seine Erörterung des Umgangs der sowjetischen Politik und Gesellschaft mit dem Holocaust. Im Krieg vermied die sowjetische Führung Aufrufe zur Rettung der Juden und gab keine konkreten Informationen über den Judenmord. Dieser wurde unter getöteten „friedlichen Sowjetbürgern“ subsummiert und nicht eigens thematisiert.

Nach dem Krieg kam es zu einem regelrechten Verbot des öffentlichen Erinnerns an den Holocaust. Die Publikation eines „Schwarzbuches“ zu den jüdischen Opfern wurde verhindert. Viele Todes- und Gulag-Urteile, die 1949 bis 1952 im Prozess gegen das jüdische antifaschistische Komitee der UdSSR gefällt wurden, erwähnen die Beteiligung am Projekt „Schwarzbuch“ und qualifizieren diese als Beispiel für verachtenswerten „bürgerlichen Nationalismus“. Denkmälern wurde die Genehmigung verweigert und die Erörterung des Genozids an den Juden in Publizistik und Wissenschaft unterbunden. Zu groß war die Sorge Stalins und seiner Epigonen, der Mythos des „Großen Vaterländischen Krieges“ könne durch ein gesondertes Gedenken an die am stärksten der Vernichtung ausgelieferte Menschengruppe an gesellschaftlicher Integrationskraft und damit herrschaftsstabilisierender Wirkung verlieren.

Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 26 v. 2.Februar 2009, S. 16; Rezensent: Wigbert Benz
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Rolf-Dieter Müller: Der Feind steht im Osten. Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahre 1939. Christoph Links Verlag, Berlin 2011

Dem Autor, wissenschaftlicher Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr (MGFA), oblag von 2004 bis 2008 die Leitung des MGFA-Serienwerks „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“, nachdem er schon seit 1983 Mitautor der Reihe gewesen war.[1] Die kritisch reflektierte Essenz dieser Forschungen, soweit sie die Planungen eines deutschen Angriffs auf die UdSSR betreffen, legt er nun in seiner aktuellen Studie vor. Dabei relativiert er sowohl die im Anschluss an Andreas Hillgrubers Habilitationsschrift von 1965[2] bis in die Gegenwart wirksame intentionalistische These eines Stufen- oder Masterplans Hitlers zur Eroberung von Lebensraum im Osten als auch die funktionalistische Auffassung, nach der das Deutsche Reich im Zuge selbst geschaffener Sachzwänge auf der Basis einer Kette improvisierter Entscheidungen Krieg geführt habe.[3]

Müller zeigt auf, dass Russland bzw. die Sowjetunion schon seit dem Ersten Weltkrieg im Visier der deutschen politischen und militärischen Eliten war, sei es, um mittels militärischer Gewalt wie im Diktatfrieden von Brest-Litowsk 1918 die Aneignung der Ressourcen im Osten zu erreichen, oder im Falle zeitweiliger militärischer Schwäche über Kooperationsabkommen wie den Rapallo-Vertrag 1922. Dass der Gegensatz von machtpolitischen und ökonomischen Motiven für einen Krieg im Osten und dessen Propagierung als nationalistische, völkische Maßnahme keinen wirklichen Antagonismus darstellte, erhellt schon die von Müller zitierte Aussage des Chefs des kaiserlichen Generalstabes Helmuth von Moltke, der bereits 1912 von einem „unausweichlichen Kampf zwischen Germanentum und Slawentum“ sprach, für den alle gerüstet sein müssten, „die Bannerträger germanischer Geisteskultur“ seien (S. 17).

Nachdem die Früchte des Gewaltfriedens von Brest-Litowsk aufgrund des an der Westfront verlorenen Krieges nicht geerntet werden konnten und ein Jahrzehnt der Kooperation zwischen den beiden geschwächten Kriegsverlierern Deutsches Reich und UdSSR folgte, beendete Hitler diese Zusammenarbeit noch 1933. Als Partner für einen künftigen Krieg gegen die Sowjetunion wurde nun Polen umworben. Dem mit Polen abgeschlossenen Nichtangriffsvertrag von 1934 misst Müller eine ähnlich große Bedeutung wie dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 zu. In der Literatur immer wieder kolportierte antipolnische Äußerungen Hitlers vor 1939 sieht er auf dem Hintergrund zweifelhafter „ominöser Gespräche [Hitlers] mit Hermann Rauschning“, die nach 1945 zu Unrecht „als eine Schlüsselquelle für Hitlers Einstellung zu Polen angesehen worden sind“ (S. 41). Müller hält in Übereinstimmung mit großen Teilen der Forschung Rauschnings Gespräche mit Hitler für Konstrukte, wenn nicht sogar Fälschungen.[4] Tatsächlich habe es mit dem strikt antibolschewistisch eingestellten Polen General Pilsudskis Chancen für eine gemeinsame Frontstellung gegen die UdSSR gegeben. Fünf Jahre lang versuchte die deutsche Führung der polnischen Seite deutlich zu machen, dass die Überlassung der Kontrolle Danzigs und des sogenannten Korridors zwischen Pommern und Ostpreußen als Voraussetzung, eine nördliche Rollbahn zum Angriff der Wehrmacht gegen die Rote Armee zu schaffen, auch für die polnische Seite von Vorteil wäre, zum Beispiel durch die Gewinnung von Teilen der Ukraine.

Ausgehend von der Unterstützung oder auch nur wohlwollenden Neutralität Polens ergaben die militärischen Plan- und Kriegsspiele der Wehrmacht einen leichten Sieg im Osten. Sorge hatte man ausschließlich vor dem Kriegseintritt der Westmächte. Da die Unterlagen der Mitte bis Ende der 1930er-Jahre durchgeführten Planspiele der Heeresführung nur noch in Bruchteilen vorhanden sind, wertete Müller die vollständig überlieferten komplementären Planspiele und Studien der Kriegsmarine aus. Diese lassen keinen Zweifel daran, dass schon für 1939 ein Krieg gegen die Sowjetunion angestrebt werden sollte. So heißt es in Generaladmiral Conrad Albrechts Studie „Ostseekriegsführung“ vom April 1939: „Deutschland fordert von Russland Raum und Rohstoffe. Russland ist demnach als wahrscheinlichster Kriegsgegner einzusetzen.“ (S. 125)

Nachdem die Hinwendung Polens zu Großbritannien dessen Unterstützung für einen deutschen Krieg gegen die UdSSR nicht mehr erwarten ließ, kündigte Hitler am 28. April 1939 den deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrag und versuchte Polen, wie schon vorher die Tschechoslowakei, zu isolieren. Sein Vorsatz aber, „Krieg um ‚Lebensraum’ auf sowjetischem Boden zu führen […] stand felsenfest“ (S. 128). Die militärischen Planungen sahen für den Fall eines Stillhaltens Frankreichs und Großbritanniens bei dem deutschen Angriff auf Polen auch die Option vor, direkt anschließend den Krieg gegen die Sowjetunion weiterzuführen. Deren militärische Stärke und politische Stabilität wurde gering geschätzt. Diese Einschätzung der militärischen und politischen Schwäche der Sowjetunion wurde bis zum Juni 1941 beibehalten. Sorgen machten sich Hitler und der Generalstabschef des Heeres Halder ausschließlich darüber, dass die Wehrmacht in einem Zweifrontenkrieg gegen die Westmächte nicht bestehen könnte, nicht aber darüber, dass in den Jahren 1939, 1940 oder 1941 ein Angriff der Roten Armee drohen würde. Nach dem Krieg gelang es Halder, seine Mitverantwortung für entsprechende Kriegsplanungen zu verschleiern, unter anderem „versuchte [er] sich nach Kriegsende mit seinem ehemaligen Adjutanten [Reinhard Gehlen, W.B.] abzusprechen“ (S. 257).

Durch die für Hitler unerwarteten Kriegserklärungen Großbritanniens und Frankreichs wurde der Krieg gegen die Sowjetunion direkt im Anschluss an den Polenfeldzug obsolet. Doch nach Frankreichs Kapitulation im Juni 1940 wurden die alten Pläne wieder aufgenommen und weitergeführt. Müller weist mittels einer quellenkritischen Analyse von Halders Tagebucheinträgen (S. 195 f., S. 211 f. u. 218 f.) nach, dass „Hitlers bestimmte[m] Entschluß“ vom 31. Juli 1940, die UdSSR im Frühjahr 1941 anzugreifen, entsprechende Initiativen Halders vorausgingen, der sich schon im Juni 1940 „vorauseilend um einen Plan bemüh[te]“. (S. 208) Doch nicht nur Halder, sondern auch sein ehemaliger Adjutant und „‚Barbarossa’-Planer Reinhard Gehlen“, nach dem Krieg Chef des Bundesnachrichtendienstes, sowie Halders Chef der Operationsabteilung, Adolf Heusinger, der unter Adenauer zum Generalinspekteur der Bundeswehr avancierte, hatten nach den Recherchen Müllers aus Eigeninteresse versucht, nach 1945 „Hitler als Alleinschuldigen für den Ostkrieg und das Scheitern eines vermeintlich genialen Feldzugsplans hinzustellen“ (S. 261).

Der besondere Wert von Müllers Studie besteht erstens darin, dass er eine in kein Korsett intentionalistischer oder funktionalistischer Metatheorien eingezwängte Analyse der realen Kriegsplanungen liefert. Zweitens kontrastiert er anhand kritischer Quellenanalyse die tatsächliche Verantwortung Halders, Heusingers und Gehlens mit ihren kontrafaktischen Rechtfertigungen nach 1945. Und schließlich kann Müller nachweisen, dass in keiner Phase der militärischen Planungen von 1938 bis 1941 die Angst vor einem angeblich drohenden Angriff der Roten Armee eine Rolle gespielt hat. Im Gegenteil, man ging von deren Schwäche und einem in wenigen Wochen zu erringenden Sieg aus.

Anmerkungen:
[1] Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hrsg.), Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, 10 Bde, Stuttgart u. München 1979-2008. Mitautor war Müller schon in dem einschlägigen Band 4: Der Angriff auf die Sowjetunion, Stuttgart 1983.
[2] Andreas Hillgruber, Hitlers Strategie: Politik und Kriegsführung, 1940–1941, Frankfurt am Main 1965.
[3] Zum Forschungsstand Rolf-Dieter Müller / Gerd R. Ueberschär, Hitlers Krieg im Osten 1941-1945. Ein Forschungsbericht, Darmstadt 2000; zu jüngerer Literatur vgl. Gerd R. Ueberschär, Das „Unternehmen Barbarossa“ als Vernichtungskrieg im Osten im Spiegel neuerer Literatur seit 1994/95, in: Gerd R. Ueberschär / Wolfram Wette (Hg.), Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion. „Unternehmen Barbarossa“ 1941, Frankfurt am Main, erweiterte Neuausgabe 2011, S. 404-420.
[4] Vgl. dazu Bernd Lemke: Rezension zu: Rauschning, Hermann: Gespräche mit Hitler. Mit einer Einführung von Marcus Pyka. Zürich 2005, in: H-Soz-u-Kult, 02.08.2006

Quelle: H-Soz-u-Kult, 5.8.2011; Rezensent: Wigbert Benz. URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-3-092

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Jochen Hellbeck, Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012

Die Literatur zur Stalingrader Schlacht ist seit Jahrzehnten und trotz partieller Akzentverschiebungen bis heute von der deutschen Sicht des Opfermythos und der russischen Sicht des Heldenmythos ge-prägt. Dabei wird in den einschlägigen deutschsprachigen Publikationen bis heute kaum thematisiert, dass die Rote Armee mit ungefähr einer Million umgekommener Soldaten und die Stalingrader Zivilbe-völkerung mit einer unbekannten Zahl von Opfern weit mehr Tote zu beklagen hatte als die unterge-gangene 6. Armee. [1]

Der an der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey lehrende deutsche Historiker Jochen Hellbeck hat nun eine Studie vorgelegt, welche eine gründliche Analyse des Forschungsstands mit der erstmaligen Veröffentlichung von Protokollen verbindet, die eine sowjetische Historikerkommission um den jüdischen Historiker Isaak Minz während der Schlacht, Ende Dezember 1942 bis 9. Januar 1943 und dann noch einmal in den Monaten nach der Kapitulation der 6. Armee, mit Angehörigen verschiedener Dienstgrade der sowjetischen Verbände und Zivilisten durchführte. Dabei hat schon vor Veröffentlichung seines Bandes in einer Vorabrezension des SPIEGEL insbesondere Hellbecks Befund Aufsehen erregt, dass die zuletzt von Anthony Beevor kolportierte These, der zufolge alleine von der 62. Armee 13.500 Exekutionen kampfunwilliger Rotarmisten durchgeführt worden seien, was beweise, dass Stalins menschenverachtendes Regime seine Soldaten nur mit Terrormaßnahmen in die Schlacht treiben konnte, nicht haltbar ist (S. 24f.). [2]2 In der Tat kann Hellbeck solche Zahlenangaben als völlig überzogen zurückweisen, da neuere russische Publikationen zeigen, dass während der für die Rote Armee kritischen Phase von August bis Oktober 1942 an der Stalingrader Front knapp 300 Exekutionen stattfanden. Völlig wirklichkeitsfern seien Vorstellungen von hinter den sowjetischen Truppen aufgebauten Sperrabteilungen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, die ihre eigenen Soldaten massenhaft niedergemäht hätten, wie dies der Kinofilm „Duell – Enemy at the Gates“ (2001) einem Massenpublikum nahegebracht habe.

Hellbecks zentrale These nach Auswertung der Fachliteratur und 215 Protokollen lautet, dass es sich in den Augen der allermeisten Rotarmisten um einen Volkskrieg zur Verteidigung des Vaterlandes handelte, bei dem Millionen Menschen aus Überzeugung bis hin zu völliger Erschöpfung und Tod gegen die deutschen Aggressoren kämpften und arbeiteten. Als nur vom bolschewistischen System geknechtete, Befehl und Repression ausgelieferte Menschen, wie sie Catherine Merridale in ihrer Studie dargestellt habe [3], hätten sie dies nicht leisten können. Vielmehr sei ihre Motivation entscheidend gewesen, die von Vertretern der Kommunistischen Partei mit enormem Einsatz in einer Verbindung von ideologischer Konditionierung, Ansporn, Angstüberwindung und Heldenpathos auf der einen sowie Repressionsdrohungen auf der anderen Seite befördert wurde. Stalins Befehl Nr. 270 „Keinen Schritt zurück!“ ließ nicht nur jeden Rotarmisten, der sich ergab, als Verräter erscheinen, sondern bedeutete auch nicht selten, dass die Staatsmacht deren Angehörigen zu Hause die Versorgung entzog.

Die von einer Historikerkommission unter Leitung von Isaak Minz geführten Gespräche mit 215 Zeit-zeugen der Stalingrader Schlacht, deren Protokollierung mehrere Tausend Seiten umfasste, editiert Hellbeck jeweils mit vorangestellter wissenschaftlicher Einführung. Zunächst als Zusammenschau der Schilderungen von Angehörigen der Stalingrader Stadtverwaltung, Funktionären der KPdSU, Offizieren, Soldaten und einer Küchenangestellten, die das Geschehen in der Stadt vom Juli 1942 bis Anfang 1943 fokussieren. Diesem Kapitel folgt im nächsten eine Serie von neun Einzelinterviews, unter anderem mit Armeegeneral Wassili Tschuikow, der Krankenschwester Vera Gurow und dem Scharfschützen Wassili Saizew. Nach einem Kapitel über Erkenntnisse aus den Verhören mit gefangenen Deutschen im Februar 1943 schließt der Band mit einer Darstellung der Geschichte der Unterdrückung der Protokolle ab.

Die von Hellbeck „Der soldatische Chor“ genannte Zusammenschau bündelt in den Interviews zum Ausdruck gekommene existenzielle Ängste und Anstrengungen von der Bombardierung der Stadt, die alleine circa 40.000 Menschenleben kostete, bis zum Schicksal der in der Stadt verbleibenden Zivilisten, die wie etwa die Küchenhilfe Agrafena Posdnjakowa ihre restlichen Lebensmittel bei der für Stalingrad-Süd zuständigen deutschen 71. Infanterie-Division abgeben mussten und kaum Überlebens-chancen hatten. Demgegenüber beginnt der die 62. Armee kommandierende General Wassili Tschuikow seine Erzählung damit, wie er am 14. September 1942, zwei Tage nach seiner Ernennung zum Armeebefehlshaber, den Kommandeur und den Kommissar eines Regiments erschoss, die beide eigenmächtig ihren Befehlsstand verlassen hatten. Bei dem Gespräch mit dem Scharfschützen Saizew, das Minz im April 1943 selbst geführt hatte, wird auch die Instrumentalisierung des Scharfschützen für Heldenpropaganda offensichtlich: Saizew, der bis zum Ende der Schlacht 242 Deutsche getötet hatte, erschoss seinen ersten Wehrmachtssoldaten laut Protokoll aus etwa 80 Metern Entfernung – in der späteren Publikation wurden daraus 800 Meter. Die Gespräche mit den in Gefangenschaft geratenen Wehrmachtssoldaten bezeugen die mörderischen Lebensbedingungen der sowjetischen Kriegsgefangenen in Wehrmachtsgewahrsam ebenso wie die Angst der im Kessel eingepferchten deutschen Sol-daten vor sowjetischer Artillerie und Luftangriffen. Makaber die Anbiederung eines deutschen Offiziers Eichhorn, man sei sich doch hoffentlich auf russischer und deutscher Seite einig, wer die beiden Staa-ten in einen Krieg miteinander getrieben hätte, natürlich die Juden. „Es lag wohl jenseits von Eich-horns Vorstellungskraft“, so Hellbeck, „dass der ihn verhörende Offizier Lerenmann auch Jude war“ (S. 488).

Im Schlusskapitel „Krieg und Frieden“ erörtert Hellbeck die Wege und Irrwege der durch die Historikerkommission gewonnenen Protokolle, die von einer ursprünglich angedachten großen Kriegsdokumentation zum „Großen Vaterländischen Krieg“ zu missliebigen, weil zu realistischen Dokumenten wurden. Die Behinderung der ursprünglich geplanten Veröffentlichung der Protokolle in der Stalin-Ära war auch den stalinistischen Kampagnen Ende der 1940er Jahre gegen den „wurzellosen Kosmopolitismus“ geschuldet, deren antisemitische Tendenz jüdische Wissenschaftler wie Wassili Grossmann, dessen „Schwarzbuch“ ebenfalls nicht publiziert werden durfte, und Isaak Minz ins Abseits stellten. Trotz der Rehabilitierung von Minz nach Stalins Tod sollten die Protokolle in das Podolsker Archiv des sowjetischen Verteidigungsministeriums entsorgt werden, sodass Minz es vorzog sie über Jahre im Keller des Sanatoriums „Uskoje“ der Akademie der Wissenschaften zu lagern, ehe sie später, fast vergessen, in den Keller des Moskauer Instituts für Geschichte verfrachtet wurden und schließlich von Institutsmitarbeitern mit inhaltlichen Beschreibungen archiviert wurden. Damit, so Hellbeck, sei „die Spur gelegt“ worden, die „zur heutigen Veröffentlichung der Stalingrader Interviews führt“ (S. 535).

Der besondere Wert der Publikation liegt in der Verbindung authentischer Zeitzeugenberichte mit quellenkritischer Analyse und Präsentation des Forschungsstands. Zudem ist Hellbeck ein konsequenter Perspektivenwechsel gelungen, der die Akteure der Schlacht auf sowjetischer Seite, deren Taten, Lei-den und Selbstverständnis in den Fokus rückt, aber von Mythenbildungen jeder Art nüchtern Abstand hält.

Anmerkungen:

[1] Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht, erw. Neuausgabe, Frankfurt am Main 2012, S. 14f. (Vorwort der Herausgeber zur Neuauflage).
[2] Michael Sontheimer, Als die Erde Feuer atmete, in: Der SPIEGEL, 22.10.2012.
[3] Catherine Merridale, Iwans Krieg. Die Rote Armee 1939–1945, Frankfurt am Main 2006, passim.

Quelle: Archiv für Sozialgeschichte online, 22.3.2013; Rezensent: Wigbert Benz. URL: http://library.fes.de/pdf-files/afs/81440.pdf

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Babette Quinkert/Jörg Morré (Hrsg.), Deutsche Besatzung in der Sowjetunion 1941–1945. Vernichtungskrieg, Reaktionen, Erinnerung, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2014

Der Band enthält die Beiträge einer international besetzten Fachkonferenz des Deutsch-Russischen Museums, die Ende 2012 in Berlin-Karlshorst stattgefunden hat. Die Aufsätze umfassen drei große thematische Blöcke: den deutschen Vernichtungskrieg und die Besatzungsherrschaft in der UdSSR, die Reaktionen der Bevölkerung in den besetzten Gebieten und die Erinnerung an Krieg und Besatzung in den heutigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Im ersten – dem größten – Kapitel zum Vernichtungskrieg steht die von vornherein geplante Mordund Repressionspolitik mit ihren verbrecherischen Befehlen und Zielsetzungen im Fokus. Insgesamt kostete der Krieg 27 Millionen Menschen der Sowjetunion das Leben, darunter ungefähr die Hälfte Zivilisten und Kriegsgefangene. In dem unter deutsche Herrschaft fallenden Gebiet der UdSSR wohnten mehr als 60 Millionen Menschen, von denen circa vier Millionen dem einkalkulierten Hungertod zum Opfer fielen, Hunderttausende im Rahmen der Partisanenbekämpfungsmaßnahmen umkamen; und die Ermordung von Juden und Kommunisten den baldigen Zusammenbruch des angeblich auf tönernen Füßen stehenden bolschewistischen Staats bezwecken sollte. Christian Gerlachs hier etwas isoliert stehender Beitrag plädiert für eine Abkehr von einer staatspolitisch fixierten wissenschaftlichen Betrachtung, da diese primär eine Legitimationsfunktion habe und den Blick auf die gesellschaftlich relevanten Akteure der Vernichtungsrealität verstelle. Jörg Ganzenmüller kann zeigen, dass eine Verschränkung von ideologischen, militärstrategischen und ernährungspolitischen Überlegungen zum Hungertod von ungefähr einer Millionen Menschen in Leningrad führte. Die Planungen waren von dem Konsens getragen, dass die Ernährung keinesfalls der Wehrmacht zuzumuten sei. Karel C. Berkhoff erörtert am Beispiel der Städte Kiew und Charkow, wie sehr diese Hungersnöte von den Besatzern gewollt waren und „künstlich herbeigeführt wurden, […] um sich der Menschen zu entledigen, die man als nutzlos und bedrohlich ansah“ (S. 67).

Hervorzuheben unter den zehn Beiträgen dieses Kapitels sind auch die Untersuchungen von Regina Mühlhäuser zur sexuellen Gewalt deutscher Soldaten gegen jüdische Frauen und Babette Quinkert zur deutschen Propaganda an sowjetische Soldaten und Zivilisten als Adressaten. Quinkert macht deutlich, dass die schon vor dem Überfall vorbereiteten 30 Millionen Propagandaflugblätter, die bis Ende 1941 auf die unvorstellbare Zahl von 430 Millionen aufgestockt wurden, überwiegend dem Ziel dienten, die Offiziere und Soldaten der Roten Armee gemeinsam gegen die „Juden-Kommissare“ aufzuwiegeln (S. 198), und bei an die Zivilbevölkerung gerichteten Blättern die Absicht verfolgten, „Pogrome an Juden und Morde an sowjetischen Funktionären auszulösen“ (S. 201). Die führende Rolle bei der antisowjetischen Propaganda oblag dabei nicht wie vielfach als selbstverständlich angenommen Propagandaminister Joseph Goebbels, sondern dem sogenannten Ostminister Alfred Rosenberg. Mühlhäuser verweist die häufig kolportierte Aussage von Generalfeldmarschall Erich von Manstein vom 10. August 1946 vor dem Internationalen Gerichtshof in Nürnberg, die ersten Todesurteile „anfangs des Rußlandfeldzuges“ seien „gegen zwei deutsche Soldaten“ seines Korps „wegen Vergewaltigung russischer Frauen“ ergangen, ins Reich der Rechtfertigungslegenden für eine angeblich saubere, sexuelle Gewalt streng ahndende Kriegführung (S. 133). Tatsächlich seien Vergewaltigungen durch Wehrmachtsoldaten ein Massenphänomen gewesen und nur in seltenen Ausnahmefällen bestraft worden. Soldaten, die jüdischen Frauen sexuelle Gewalt antaten, konnten damit rechnen, nicht strafrechtlich belangt zu werden. Den Männern wurden, so Mühlhäuser, „Gelegenheitsräume“ eröffnet, „in denen jüdische Frauen Opfer von Vergewaltigungen werden konnten“ und auch, die vor Zivilgerichten im Reich so streng geahndete, „Rassenschande“ vor den Feldgerichten der Wehrmacht keine Rolle spielte (S. 149).

Die fünf Beiträge des zweiten Kapitels „Reaktionen“ untersuchen das Verhalten der Bevölkerung in den okkupierten Gebieten. Sergej Kudryashov und Matthias Uhl thematisieren die militärische Kollaboration von Russen mit Wehrmacht, Polizei und SS. Dabei machten die sogenannten Hilfswilligen die Masse der Kollaborateure aus; ihr Anteil am Ostheer der Wehrmacht lag bei über 10%. Insgesamt arbeiteten 8 bis 12% der Bevölkerung mit den deutschen Besatzern zusammen. Kudryashov und Uhl zufolge war eine zunehmende „Verrohung […] ein wichtiger Teil des Zusammenspiels von Nationalsozialismus und Kollaboration“ (S. 226). Tanja Petter verortet die Arbeits- und Alltagserfahrungen von Bergwerksarbeitern im ukrainischen Donezbecken unter deutscher Besatzung in einer Linie im Kontext von deren Repressionserfahrungen unter stalinistischer Herrschaft, wenn auch „das Ausmaß der Gewalt unter den Deutschen eine neue Qualität erreichte“ (S.238). In seiner Untersuchung zu sowjetischen Partisanen als soziale Bewegung konstatiert Kenneth Slepyan zwar eine starke Akzeptanz des sowjetischen Systems, die aber von einem massiven Drang nach Autonomie flankiert worden sei und nach dem Krieg „zweifellos auf die Umstrukturierung der sowjetischen Gesellschaft und ihrer Werte ein[gewirkt]“ habe (S. 256). Die Formen des jüdischen Widerstands, so Anika Walke in ihrem Beitrag, der diese am Beispiel des besetzten Minsk und des östlichen Weißrussland thematisiert, sollten nicht unter der Perspektive eine Scheingegensatzes von „aktivem“ und „passivem“ Widerstand gesehen werden, die letztlich dem „Heldentum“ das Wort rede (S. 272). Irina Rebrova kommt bei ihrer Auswertung der auf Ego-Dokumenten basierenden Erfahrungen von Frauen in den Partisanenverbänden zu dem Schluss, dass es eine „wirkliche Gleichstellung zwischen Männern und Frauen“ nicht gab, „weder an der Front noch im Hinterland“ (S. 292).

Eine Besonderheit stellt das dritte Kapitel „Erinnerung“ dar, versuchen doch die sechs Beiträge dort, einen Einblick in die zum Teil völlig entgegengesetzten Erinnerungsnarrative postsowjetischer Gesellschaften zu vermitteln. Zu Recht schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung, dass „in der deutschen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg die sowjetischen Opfer von deutscher Kriegführung und Besatzungspolitik bis heute nur eine marginale Rolle“ spielen und stattdessen seit der Ära des Kalten Kriegs negative Konnotationen vom Bild der „Russen als Besatzer und potentielle Vergewaltiger“ vorherrschten (S. 20). Leider wurde bei dem Sammelband darauf verzichtet, diesen Ansatz zur deutschen Erinnerungskultur in Einzelbeiträgen zu untersuchen.

Dass in den postsowjetischen Ländern, vor allem Russland selbst, die Erinnerung an den großen Vaterländischen Krieg bis heute wirkt, ist ebenso bekannt wie nachvollziehbar. Ebenso der wenig erfreuliche Tatbestand, dass einzelne Opfergruppen, insbesondere die von den NS-Besatzern ermordeten Millionen Juden, jahrzehntelang hinter der Chiffre von Verbrechen an nicht näher definierten „Sowjetbürgern“ verschwanden. Sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die in ihre Heimat zurückkehrten, standen zu Sowjetzeiten unter dem Generalverdacht der Kollaboration, wurden oft erneut inhaftiert und benachteiligt. Noch 1992 musste in Russland für die Arbeitsplatzsuche oder den Antrag auf Ausstellung eines Passes „ein Fragebogen ausgefüllt“ werden, „wo man sich während des Zweiten Weltkrieges aufgehalten habe“, wie Imke Hansen belegt (S. 312). In ihrem Beitrag zu den (post)sowjetischen Repräsentationen von Krieg, betont sie, dass die sehr späten deutschen Entschädigungszahlungen Ende der 1990er-Jahre an ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter geholfen haben, deren Lage vor und nach 1945 zu enttabuisieren. Julia Demidienko zeigt eine grundsätzliche Veränderung in der Erinnerungskultur Russlands der letzten beiden Jahrzehnten auf, die sich allmählich mehr dem Lebensalltag der Zivilbevölkerung im Krieg zuwendet, während Christian Ganzer an den beiden zentralen weißrussischen Erinnerungsorten Brester Heldenfestung und Gedenkstätte Chatyn den Unterschied von Heldengedenken und Opferdiskurs herausarbeitet. Boris Zabarko, der selbst das Ghetto im ukrainischen Sargorod überlebte, erörtert wie belastend die Erinnerungen der letzten Überlebenden des Holocaust in der Ukraine bis heute sind.

Besonders nachdenklich machen die Beiträge von Saulus Sužiedėlis, der das vielfach gebrochene Verhältnis der baltischen Erinnerungen zum Vernichtungskrieg von 1941 bis 1945 beleuchtet, und Frank Golczewskis Untersuchung zu den Dilemmata der ukrainischen Erinnerung. Der Erinnerungsdiskurs in den baltischen Ländern steht in großen Teilen unversöhnlich zum russischen. So herrscht etwa in Litauen in der öffentlichen Meinung die Auffassung vor, die eigentliche Leidenszeit der Litauer habe erst nach der deutschen Besatzung mit der sowjetischen Herrschaft begonnen. Der von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren in Litauen begangene Massenmord an den Juden wird ausgeblendet oder marginalisiert. Sužiedėlis plädiert für eine Neuausrichtung der nationalen Erinnerungskultur, die eine „Aufnahme des Holocaust in das historische Vorstellungsvermögen der Litauer und anderer Balten“ fördert (S. 359). Golczewskis Analyse der postsowjetischen ukrainischen Erinnerungskultur fokussiert die konträren Sichtweisen der West- und Ostukraine. Er sieht in dem Versuch der ukrainischen politischen Führung, seit den 1990er-Jahren die Hungerkatastrophe Anfang der 1930er-Jahre, den Holodomor, als Völkermord an der ukrainischen Bevölkerung darzustellen – seit 1998 als offizieller Gedenktag und 2006 vom ukrainischen Parlament per Gesetz als Genozid definiert, dessen Leugnung unter Strafe gestellt wird –, ein Narrativ zur „Konstruktion einer ukrainischen Nationalgeschichte“. Dieses sei deswegen gewählt worden, weil es „hervorragend geeignet [schien], sich von der Sowjetunion und von Russland, ihrer Zentrale gleichzeitig abzusetzen, ohne in die Nähe rechtsradikaler und die NS-Verbindung betonender Narrative zu gelangen“ (S. 377). Die Hinwendung zum Opfer- statt Heldengedenken bedeute einen Paradigmenwechsel und eine „Entsowjetisierung der ukrainischen Erinnerungskultur“ (S. 379).

Insgesamt betrachtet verbindet die 21 Beiträge des Bandes eine prägnante Darstellung und bei aller Kürze der Einzelbeiträge auch erhellende Analyse der thematischen Aspekte, die als Zusammenführung der Komplexe „Vernichtungskrieg“, „Reaktionen der Bevölkerung“ und „Erinnerungsdiskurs in den postsowjetischen Gesellschaften“ bislang nicht vorlag.

Quelle: Archiv für Sozialgeschichte online, 23.12.2015; Rezensent: Wigbert Benz. URL: http://www.fes.de/cgi-bin/afs.cgi?id=81687


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