Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945. wvb. Berlin 2014

Wigbert Benz: Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945. wvb. Berlin 2014. ISBN 978-3-86573-793-9

Buchinformation mit Inhaltsverzeichnis beim wvb

Rezensionen, Interviews:

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Heft 3/2015, S. 299-301: „Diese kompakte Biographie zeigt plastisch auf, aus welchem Erfahrungsschatz die Männer schöpften, die nach 1945 den wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands in die Wege leiteten und dabei mit ihren fehlenden Selbstzweifeln über ihre Rolle im NS-Staat und ihrer moralischen Indifferenz die Opfer ihrer früheren Tätigkeit erneut an den Rand drängten.“ (Jens Binner)

Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 30, 2015, S. 263–265: „Das vorliegende Buch ist die erste zusammenhängende Darstellung von Rieckes politischer Karriere […] Riecke war allerdings beides, Nationalsozialist und Fachbeamter, und es nicht ist das geringste Verdienst des vorliegenden Buches, dass es uns zeigt, wie attraktiv diese Melange nach 1945 für die Privatwirtschaft war.“ (Armin Nolzen)

Das historisch-politische Buch. Heft 2/2015, S. 125f.: „Der Autor wertet für seine Biographie neue Materialien aus, vor allem die umfangreichen Entnazifizierungsakten Hans-Joachim Rieckes […] Benz zeichnet in knappen Schritten den Lebenslauf eines Verwaltungsbeamten, der im und nach dem Krieg Karriere machen konnte – ein gelungener Beitrag zur Kontinuität nationalsozialistischer Beamtenschaft.“ (Hans-Heinrich Nolte)

Militärgeschichtliche Zeitschrift (MGZ). Band 74 (2015), S. 350f.: „Die Biografie macht uns also mit einer Identitätsfigur des NS-Regimes bekannt, die im Okkupationsgebiet und an der »Heimatfront« über eine rassenideologisch determinierte Vernichtungsstrategie die Sicherstellung der Verpflegung des deutschen Volkes gewährleistete. […] Über die Person Riecke gewährt die von Wigbert Benz verfasste Studie einen Einblick in die politische Verwaltungsstruktur des »Dritten Reiches«, der beispielhaft erkennen lässt, wie selbstständig und eigeninitiativ die führende Beamtenschaft dem NS-Regime unter Verletzung des Menschen- und Kriegsrechtes zu Diensten war.“ (Hans-Erich Volkmann)

I. Online (teilweise gedruckt + online) verfügbare Rezeption (Interview mit evangelisch.de zuerst)

1. Evangelisch.de, 12. Oktober 2014: „Dass Millionen verhungerten, sah er als logische Folge“. Interview
2. Toepfer-Stiftung.de (Website der Stiftung), 4. Juni 2014 (Debatten zur Stiftungsgeschichte/2014 Publikation von Wigbert Benz) hier online
3. Vorwaerts.de, 6. Oktober 2014 (Rezension von Anton Maegerle) hier online
4. Sozial.Geschichte online 14 (2014), S. 164–168 (Rezension von Dr. Michael Fahlbusch) hier online
5. Archiv für Sozialgeschichte online 55 (2015), 19.11. 2014 (Rezension von Dr. Christian Streit) hier online
6. Der Bürger im Staat. Hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. 64.Jg. Heft 4/2014, S. 293f. (Druckausgabe) (Rezension von Siegfried Frech) hier online
7. Förderkreis Archive und Belege zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V. Mitteilungen Nr. 47 (März) 2015 (Rezension von Dr. Reiner Zilkenat) hier online
8. Ossietzky. Zweiwochenschrift für Politik/Kultur/Wirtschaft. Heft 9/2015, S. 342. (Rezension von Eckart Spoo unter dem Titel „Eine Karriere in Deutschland“) hier online
9. Rosenland. Zeitschrift für lippische Geschichte. Nr. 17, Dezember 2015, S. 66-68. (Rezension von Dr. Andreas Ruppert) hier online
10. sehepunkte 16 (2016) Nr.3, 15.3. 2016 (Rezension von Dr. Alex J. Kay) hier online

II. Rezeption in gedruckten Publikationen (Interview zuerst)

1. Lippische Landes-Zeitung (LZ), 28. August 2014, S. 8 (Interview)
2. Neues Archiv für sächsische Geschichte 85 (2014), S. 367-369 (Rezension von Willi Eisele)
3. neues deutschland, 13. Februar 2015, S. 14 (Rezension von Dr. Alexander Bahar)
4. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 63. Jg. (2015) Heft 3, S. 299-301 (Rezension von Dr. Jens Binner)
5. Süddeutsche Zeitung (SZ), 9. April 2015, S. 14 (Annotation)
6. Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 30. Göttingen 2015, S. 263–265 (Rezension von Armin Nolzen)
7. Das historisch-politische Buch. 63. Jg. 2015, Heft 2, S. 125f., S. 125f. (Rezension von Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte)
8. Badische Neueste Nachrichten (BNN), 23. Juni 2015, S. 4. (Rezension von Dr. Klaus Gaßner)
9. Militärgeschichtliche Zeitschrift (MGZ), Bd. 74 (2015), S. 350f. (Rezension von Prof. Dr. Hans-Erich Volkmann)

———– 1. Text des LZ-Artikels/Interviews (ohne Abbildungen) ———-

Die Karriere des „Hungerplaners“ galt als typisch

Wigbert Benz schreibt Biographie über den ehemaligen lippischen Staatsminister Hans-Joachim Riecke

Knapp drei Jahre – von Mai 1933 bis Januar 1936 – war Hans-Joachim Riecke „Staatsminister“ in Lippe. Dann machte er Karriere im Reichsernährungsministerium. Jetzt ist eine Biographie über den „Hungerplaner“ erschienen.

Detmold. Verfasst hat diese der Karlsruher Historiker Wigbert Benz. Im Interview mit der LZ äußert sich der Autor unter anderem zu der Verantwortung Rieckes für die Ermordung des Detmolder „Volksblatt“-Redakteurs Felix Fechenbach im Jahre 1933.

LZ: Riecke ist bald 30 Jahre tot. Warum jetzt ein Buch über ihn?

Wigbert Benz: Insbesondere die Forschungen zum Vernichtungscharakter des Russlandfeldzuges 1941 haben in den letzten zehn Jahren große Fortschritte gemacht. Es war jetzt möglich, Rieckes Rolle als Kriegsverwaltungschef im besetzten Osten und seine Mitverantwortung für den Hungertod von Millionen Menschen näher zu beleuchten und mit seinen Karrierestationen davor sowie nach 1945 in Beziehung zu setzen.

LZ: In der Karriere Rieckes war Lippe nur eine Zwischenstation. Wie ist diese im gesamten Lebenslauf einzuschätzen?

Benz: Als lippischer Staatsminister zeigte Riecke aus Sicht der NS-Führung die ideale Verbindung von administrativer Kompetenz, Entscheidungsfreude und ideologischer Festigkeit. Diese Fähigkeit, NS-Ideologie und pragmatisches Handeln zu verbinden, empfahl ihn auch für höhere Aufgaben des Regimes.

LZ: Rieckes Name ist in Lippe vor allem verbunden mit der Ermordung von Felix Fechenbach, wenngleich ihm eine direkte Verantwortung nicht nachzuweisen war. Zeigte er jemals zumindest moralische Verantwortung?

Benz: Riecke selbst hatte ja die Initiative zur Überführung Fechenbachs ins KZ Dachau ergriffen. Er hatte die „Hilfspolizisten“ aus SS und SA zugelassen, die Fechenbach während des Transports auf einem angeblichen Fluchtversuch erschossen. Nach dem Krieg rechtfertigte sich Riecke, Dachau habe damals noch nicht diesen negativen Ruf gehabt und er habe nicht wissen können, dass Fechenbach von den „Hilfspolizisten“ erschossen werden würde. Seine moralische Wertung bestand darin, dass er noch 1967 erklärte, der Umstand, dass er einen der Mörder Fechenbachs, den SS-Mann Paul Wiese, einige Wochen nach der Tat als Dienstfahrer anstellte, habe mit seiner Fürsorgepflicht zu tun gehabt. Es sei seine Aufgabe gewesen, den arbeitslosen Wiese, der schließlich schon in der NS-„Kampfzeit“ in die SS gekommen sei, in Arbeit zu bringen.

LZ: Trotz seiner Eigenschaft als „Hungerplaner“ fand Riecke nach dem Krieg relativ schnell in die bundesrepublikanische Gesellschaft zurück. Typisch für die Zeit oder nur Glück?

Benz: Nach einer bereits ausgearbeiteten Anklageschrift sollte Riecke wegen seiner Mitverantwortung für den Raub von Lebensmitteln aus den besetzten Ostgebieten der Prozess gemacht werden. Zu diesem Nürnberger Nachfolgeprozess kam es aus politischen Gründen nicht mehr. Insofern hatte Riecke Glück. Dass er dann bei seinem Entnazifizierungsverfahren per Gnadenentscheid des hessischen Ministerpräsidenten Zinn letztlich in die Gruppe der „Mitläufer“ eingestuft wurde, war typisch für die Schlussstrichmentalität der 1950er Jahre.

LZ: Riecke setzte sich später für die Umschichtung von Finanzmitteln aus dem Rüstungs- in den Agrarbereich ein, um den Welthunger zu bekämpfen? War er geläutert, oder handelte er aus Geschäftsinteresse?

Benz: Rieckes Forderung von 1954, Finanzmittel aus dem Rüstungsbereich in den Agrarbereich umzulenken, entsprach den Interessen seines Arbeitgebers. Riecke war ja von 1951 bis in die 1970er-Jahre Topmanager des größten deutschen Getreidehandelsunternehmens Alfred C. Toepfer. Im Übrigen trafen Rieckes Umschichtungsforderungen vor allem die Siegermächte.

LZ: Inwieweit ist Rieckes Karriere typisch für einen Mann seines Alters und seiner Herkunft?

Benz: In der Tat ist Rieckes Karriere typisch für aus gesicherten Verhältnissen kommende, studierte junge Männer, die ihre fachlichen Fähigkeiten als glühende Nationalsozialisten in den Dienst des NS-Staates stellten und auch nach dem Krieg durch eine Mischung von Rechtfertigungs- und Anpassungsverhalten Karriere machten. Dies galt sogar für Topleute aus Heydrichs Reichssicherheitshauptamt.

Wigbert Benz, Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär: Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945 Taschenbuch, ISBN-13: 978-3865737939, 19 Euro.

Das Interview führte LZ-Redakteur Michael Dahl.
Quelle: Lippische Landes-Zeitung (LZ), 28. August 2014, S. 8.
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— 2. Text der Rezension Willi Eiseles, in: Neues Archiv für sächsische Geschichte 85 (2014) —

WIGBERT BENZ, Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner
vor, zum „Welternährer“ nach 1945, Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2014. –
127 S., brosch. (ISBN: 978-3-86573-793-9, Preis: 19,00 €).

Er war einer der letzten und jüngsten Träger des Königlichen Militär-St. Heinrichs-Ordens: Am 20. Juni 1899 als zweiter Sohn der Dresdener Eheleute Friedrich Hermann und Alice Riecke, geb. Osterloh geboren, ‚streng preußisch‘ vom Hausburschen seines Vaters zum Stammhalter erzogen, war es der frühe Wunsch Hans-Joachim Rieckes, Berufsoffizier zu werden. Den Standortwechseln Hauptmann Rieckes sen. folgten die Schulwechsel des Sohnes: Riesa, Berlin, Schneeberg und Leipzig. Ohne Schulabschluss rückte der Sohn aus der Obersekunda als Kriegsfreiwilliger 1914 zum Kgl. Sächs. Infanterieregiment 104 ein, wurde 1915–17 zum Unteroffizier und nach einer Kriegsverletzung zum Leutnant der Reserve befördert. Das Kriegsende erlebte er als Werbeoffizier für das Freikorps Hülsen, danach war er mit der ‚Eisernen Division‘ des Majors Josef Bischoff im Baltikum, deren militärisch-politische Stoßrichtung die „Abwehr des Bolschewismus“ (S. 16) war. Riecke betont in seinen Erinnerungen (H.-J. Riecke, Erinnerungen, [Koblenz, ca. 1960]) dass seine 1918/19 geprägte „Abneigung gegen alles Bürgerliche“ (S. 17) auch als Führer der mitteldeutschen Gruppen der paramilitärischen Organisation Bund Oberland 1920/21 noch verstärkt wurde.

Ohne Abitur und nach einer abgebrochenen landwirtschaftlichen Ausbildung auf dem Rittergut derer von Sternburg (Lützschena) begann Riecke 1921 ein verkürztes Studium an der Universität Leipzig, das er 1925 als Diplomlandwirt mit Zusatzqualifikation in Pflanzenzucht und spezialisiert auf Grünlandwirtschaft abschloss. Es folgte ein Praktikum auf einem staatlichen Versuchsgut bei Straubing und 1925 die Festanstellung bei der Landwirtschaftskammer in Münster.

Zuvor besiegelte er seine politische Orientierung aus der Zeit des „Deutschen Kampfbunds“ durch den Eintritt in die NSDAP. Privat festigte er seine Beziehung durch die Eheschließung mit Hildegard Schwarze. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Seine Frau trat später ebenfalls der NSDAP bei und gehörte der Münsteraner NS-Frauenschaft an, wo sie gesellschaftlich „in der geistigen Oberschicht“ (S. 20) gut vernetzt war. Hans-Joachim Riecke avancierte in die SA-Führung (1929), die NSDAP-Gauleitung Westfalen-Nord (1931–1933), wurde Geschäftsführer des Vereins für Wiesenbau, Moor- und Heidekulturen, des Silorings Westfalen und veröffentlichte den Ratgeber Rationelle Grünlandwirtschaft, nachdem er 1930 zum Landwirtschaftsrat mit Abteilungsleiterfunktion (bis 1933) aufgestiegen war.

Einen doppelten Karrieresprung machte Riecke 1933: Reichskommissar für Schaumburg-Lippe und infolge der Landtagswahlen vom 15. Januar 1933, des Ermächtigungsgesetzes vom 23. März 1933 und der Gleichschaltungsmaßnahmen Landespräsident des Kleinstaates Lippe (Detmold) mit der Dienstbezeichnung Staatsminister. Bis 1935 bestimmte er damit die „Richtlinien der Landespolitik“ (S. 23 u. Anm. 29) im Auftrag des Reichsstatthalters und Gauleiters Alfred Meyer. Riecke übernahm innerparteilich die Aufsicht über die NSDAP (Gauinspektor), um Flügelkämpfe zu beenden. Als Verwaltungsfachmann erwirkte er beim Reichsfinanzministerium die Entschuldung der Landesbank nach Vereinbarung einer Kreditsperre und es gelang ihm 1935, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durch die Ansiedlung von Wehrmachtseinrichtungen abzusichern. Als ihm aus dem ‚Fall Fechenbach‘ – Jude, Pazifist, Sozialist und Demokrat, bei dem von Riecke angeordneten ‚Häftlingsverschub‘ aus der Haft in Detmold ins KZ Dachau „auf der Flucht erschossen“ (S. 25, Anm. 33) und nicht enden wollenden Gerüchten über sein Privatleben – auch parteiintern Ärger ins Haus stand, wurde er von seinen Gönnern aus der Schusslinie genommen und als Ministerialdirektor ins Reichsernährungsministerium nach Berlin berufen (1936–1939). Seinem Ressort waren in Berlin zugeordnet: Meliorationen, Domänenbewirtschaftung, Siedlungsmaßnahmen, Flurbereinigung, Grundstücks-, Verkehr- und Wasserwirtschaft. ‚Liberalistische Spielregeln‘ wurden dem ‚Staatsgedanken von Blut und Boden‘ geopfert, d. h. landwirtschaftliche Grundstücke sollten künftig in die Hände der wertvollsten Blutstämme unseres Volkes gelangen (Programmschrift, 1937). Parallel hierzu bekleidete Riecke (im Nebenamt) die Funktion des Vorsitzenden der Reichsstellen für Landbeschaffung und Umsiedlung im Zuge der Landbeschaffung für Truppenübungsplätze und Flugplätze und der weitreichenden Aufgabenzuordnung der Reichsstelle für Umsiedlung von Landwirten.

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges trifft man Riecke erneut als Kriegsfreiwilligen an: Kommandeur des I. Bataillons des 18. Infanterieregiments am Westwall unter Oberst Edler von Daniels an Somme und Loire, ‚genoss‘ Riecke eine Ausbildungszeit als Auszeit bis März 1941, als die Verlegung nach Ostpreußen (Bartenstein) anstand. Dienstlich erhaltene Lageschilderungen, Berichte über Truppenbewegungen und Ausrüstung der Roten Armee zeigen, daß man höherenorts eine Auseinandersetzung mit Rußland erwartete. Für Riecke stand damit eine neue Tätigkeit im Fokus: Er wurde am 12. Juni 1941 zum „Kriegsverwaltungschef beim Wirtschaftsstab Ost, Chefgruppe Landwirtschaft“ (S. 36) in einem „generalsgleichen Beamtenrang“ (S. 37, Anm. 66) mit fachlichem Weisungsrecht für die Kriegswirtschaft zur Umsetzung der Berliner Richtlinien vom 23. Mai 1941.

Ein als ‚Hungerplanungen‘ bekannter Maßnahmenkatalog sollte sicherstellen, dass 8,7 Millionen Tonnen Getreide jährlich aus dem Land gepresst werden konnten – unter Inkaufnahme einer Hungersnot bei der einheimischen Bevölkerung: Eine vorbereitete ‚Gelbe Mappe‘ (Landwirtschaft) und eine ‚Grüne Mappe‘ (Wirtschaftsführung) sollten für die Kriegsdauer die Ernährung und Versorgung der deutschen Wehrmachtsteile und der rückwärtigen Zivilbevölkerung unter Einbezug von Kriegsgefangen und Zwangsarbeitern im Reichsgebiet sicherstellen. Neben den Ernährungs- sollten auch die Mineralölreserven ausgebeutet werden. Folgende Prioritäten wurden gesetzt: 1. Wehrmacht, 2. Heimat, 3. Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete, 4. Sowjetische Kriegsgefangene. Ergänzt wurde diese Liste durch den ‚Judenrationserlaß‘ vom 18. September 1942. Die Bilanz von ‚Rieckes Apparat‘ 1941–1944 bestand aus dem Raub von ca. 7 Millionen Tonnen Getreide, 750.000 Tonnen Ölsaaten, 600.000 Tonnen Fleisch und 150.000 Tonnen Fette, um die „Versorgungslage des deutschen Volkes auf der bisherigen Höhe“ (S. 46) zu halten. Riecke wurde dafür mit dem Ritterkreuz in Silber mit Schwertern (1943) ausgezeichnet, zum Staatssekretär befördert (1944) und mit seiner Aufnahme in die SS (1944) durch Heinrich Himmler persönlich und rückwirkend zum SS-Gruppenführer ernannt. Weil Riecke selbst bis zum Ende der Regierung Dönitz am 23. Mai 1945 ‚diente‘, verwundert, wie es ihm gelungen ist, sich zum Widerstandskämpfer zu stilisieren, seine durch Robert M. W. Kempner formulierte Anklageschrift im Wilhelmstraßen-Prozess nicht zum Aufruf zu bringen und seine Entnazifizierung (1949–1954) mit einem Gnadenbescheid des hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn (SPD) als ‚Mitläufer‘ abschließen zu lassen. Er hatte nach kurzzeitiger Internierungshaft bereits 1951 beim Hamburger Handelsunternehmen Alfred C. Toepfer, der „alten Kameraden“ und „gescheiterten Existenzen des Dritten Reiches“ (S. 105) ein neues Tätigkeitsfeld ohne Rücksicht auf den Ausgang der Entnazifizierung vor dem OVG Hamburg anbot, gefunden. Hier wirkte er als „ideologiefreier Experte für Ernährungsfragen“ (ebd.), Fachgutachter für John Boyd Orr (FAO) und Inhaber der Prokura bis 1970. Bereits 1958 sah er zur Integration der westlichen Agrarwirtschaft nur die planwirtschaftliche Kolchose nach sowjetischem Vorbild.

Wigbert Benz betont abschließend, dass Riecke in seinen Erinnerungen, Schriften und Reden zwar seine eigene Rechtfertigung betreibt, seine Aussagen zur NS-Karriere auch Auslassungen aufweisen und er aber „auf direkte Lügen im Sinne des Erfindens von Fakten […] verzichtet“ (S. 110). Die Quellenlage ist allerdings so gut, dass sie solcher Mythenbildung standhält.

Willi Eisele

Quelle: Neues Archiv für sächsische Geschichte 85 (2014), S. 367-369

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— 3. Rezension A. Bahars, in: neues Deutschland, 13.2.2015 —

Fazit eines Täters: »Ich bin’s zufrieden!«
Die Karriere des Hans-Joachim Riecke: Vom Hungerplaner im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zum Welternährer
Von Alexander Bahar

In einer Zeit, in der antirussische Ressentiments zunehmend den westlichen Blick gen Osten vernebeln, empfiehlt sich die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit der Geschichte des deutsch-russischen Verhältnisses in besonderer Weise. Eine Monografie über den früheren Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Diplomlandwirt Hans-Joachim Riecke, ist allein schon deshalb eine lohnende Lektüre. Autor des schmalen, aber gehaltvollen Bändchens ist der Historiker Wigbert Benz, der bereits 2011 eine Studie über den »Hungerplan im ›Unternehmen Barbarossa‹ 1941« vorgelegt hatte.

Riecke war nicht nur mitverantwortlich für den Plan, Millionen Sowjetbürger verhungern zu lassen, um die deutsche Wehrmacht und die Zivilbevölkerung im »Reich« mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Als Kriegsverwaltungschef bei Görings Vierjahresplanbehörde koordinierte er auch die Ausführung des Hungermordprogramms. Benz‘ Monografie stützt sich wesentlich auf Rieckes bislang unveröffentlichte Erinnerungen sowie auf dessen umfangreiche Entnazifizierungsakte.

1899 als Sohn eines Reichswehroffiziers in Dresden geboren, trat Riecke im Herbst 1914 freiwillig ins Heer ein. Nach Kriegende schloss er sich einem Freikorps zur Bekämpfung der Novemberrevolution und später der »Eisernen Division« zum »Schutz« der deutschen Ostgrenze im Baltikum an. Er unterstützte den Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 und trat fünf Jahre darauf der NSDAP bei. 1929 übernahm er die Führung der SA in Münster und gehörte 1931 bis 1933 der NSDAP-Gauleitung Westfalen-Nord an. Er wurde Mitglied des Preußischen Landtages und des Reichstages. Am 1. April 1933 zum Reichskommissar von Schaumburg-Lippe berufen, war er bis Ende 1935 de facto Regierungschef des Kleinstaates. In Rieckes Amtszeit fiel die Ermordung des Redakteurs des sozialdemokratischen Detmolder »Volksblatts« Felix Fechenbach am 7. August 1933.

Nach seinem Eintritt ins Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft wird Riecke die rechte Hand von Staatssekretär Herbert Backe. 1944 schlägt der Wirtschaftsstab Ost vor, Riecke das »Ritterkreuz mit Schwertern« zu verleihen, da durch die von seinem Apparat aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion beschafften Nahrungsmittel »die Versorgungslage des deutschen Volkes auf der bisherigen Höhe gehalten werden konnte«. Das Kriegsende erlebt Riecke als Staatssekretär der geschäftsführenden Regierung Dönitz in Flensburg.

Nur zwei Jahre verbringt er in einem alliierten Kriegsgefangenenlager. Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess sagt er im April 1946 in der Verhandlung gegen Rosenberg als Entlastungszeuge aus. Einer ursprünglich geplanten Anklage in den Nürnberger Nachfolgeprozessen entgeht Riecke infolge eines Meinungsumschwungs in den USA, wo der nun einsetzende Kalte Krieg das Interesse an einer umfassenden strafrechtlichen Verfolgung der NS-Täter schwinden lässt. Stattdessen fungiert er 1948 im letzten Nürnberger Nachfolgeprozess, dem sogenannten Wilhelmstraßen-Prozess, als Zeuge der Anklage wie auch der Verteidigung.

Auch in der jungen Bundesrepublik setzt nun die Rehabilitierung der NS-Täter ein: Nach einem Gnadengesuch verfügt der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn (SPD) im Mai 1954, dass Riecke nach Zahlung von 500 DM in die Gruppe der bloßen »Mitläufer« eingereiht wird. Damit steht einer steilen Karriere in der westdeutschen Privatwirtschaft nichts mehr im Weg. Bereits seit 1950 leitet Riecke die volkswirtschaftliche Abteilung des führenden deutschen Agrarhandelsunternehmens Alfred C. Toepfer in Hamburg. Als Verfasser eines Vorworts für die deutsche Ausgabe des Buches »Werden nur die Reichen satt?« des Friedensnobelpreisträgers John Boyd Orr befürwortet er nun das Umschichten von Finanzmitteln aus dem Rüstungs- in den Agrarbereich, um so den Welthunger zu bekämpfen – nicht ohne den Hintergedanken, Deutschland die Rückkehr auf die internationale Bühne und zu neuem Führungsanspruch zu verhelfen.

In den 1960er Jahren wechselt Riecke in die Toepfer-Stiftungen, wo er den mit 25 000 DM dotierten Freiherr-vom-Stein-Preis an die Bundeswehrgeneräle von Baudissin, von Kielmansegg und de Maiziere verleiht. In seinen angeblich nur für die Familie verfassten Erinnerungen zieht der am 11. August 1986 verstorbene Riecke eine positive Bilanz: »Ich bin’s zufrieden!«

Wigbert Benz: Hans-Joachim Riecke – NS-Staatssekretär: Vom Hungerplaner vor, zum »Welternährer« nach 1945. Wissenschaftlicher Verlag Berlin. 127 S., br., 19,90 €.

Quelle: neues deutschland, 13.2.2015, Seite 14

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— 4. Rezension von Jens Binner, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 63. Jg. (2015) Heft 3, S. 299-301 —

Wigbert Benz: Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945. Wissenschaftlicher Verlag Berlin, Berlin 2014, 127 S.

In der wissenschaftlichen Debatte über den Nationalsozialismus wird die gesamtgesellschaftliche Beteiligung an der Diktatur nicht mehr in Frage gestellt, und die mittlerweile etablierte Täterforschung hat gezeigt, wie unscheinbares Alltagshandeln zahlloser Einzelpersonen die Verbrechen erst ermöglichte. Dennoch darf nicht unterschätzt werden, wie wenig sich diese stark differenzierende Sicht in populären Geschichtsdarstellungen durchgesetzt hat. Die herablassenden Scherze über nicht enden wollende Hitler-Dokumentationen aus dem Hause Knopp und bei einigen privaten Fernsehsendern mögen zur fachinternen Selbstvergewisserung beitragen, verdecken aber, dass es an der niederschwelligen Vermittlung aktueller Forschungsergebnisse mangelt. Insofern kann der hier vorzustellende Band als vorbildlich gelten, da er sich zwar auf dem Stand der Fachdebatte bewegt, dies aber nicht durch ausufernde Fußnotenapparate beweisen muss, sondern mehr im Hintergrund mitschwingen lässt. Äußerlich kommt die Darstellung daher sehr reduziert daher, von geringem Umfang, fokussiert auf zentrale Quellen und mit unprätentiöser Sprache. Aber gerade dadurch ist auch die Hemmschwelle gering, das Buch von vorne bis hinten durchzulesen.

Dabei begegnet man mit Hans-Joachim Riecke einem dem breiten Publikum eher unbekannten Protagonisten, dessen Lebensweg mit seiner typischen Mischung von generationenspezifischen Prägungen und individuellen Entscheidungen deutlich macht, worin für viele die Attraktivität der nationalsozialistischen Diktatur begründet war. Eine Besonderheit ist, dass die Erinnerungen von Riecke eine zentrale Quelle darstellen und den Leser so von Beginn an begleiten, jedoch nicht als unhinterfragte Wahrheit, sondern in ihrer klar benannten Funktion als Entlastungsinstrument in der Nachkriegszeit, das dennoch hilft, zahlreiche Einzelaspekte näher zu beleuchten.

Der 1899 in Dresden geborene Hans-Joachim Riecke, dessen Vater Offizier war, meldete sich bereits 1914 als Kriegsfreiwilliger und brachte es nach zahlreichen Kampfeinsätzen bis Kriegsende zum Reserveleutnant. Anschließend war er Freikorps-Kämpfer im Baltikum und musste wegen seiner Beteiligung am Kapp-Putsch 1920 zeitweilig untertauchen. Den Kontakt zu diesen reaktionären Kreisen hielt er über Funktionen im „Bund Oberland“, auch noch, als er ab 1922 Landwirtschaft studierte und ab 1925 eine feste Anstellung bei der Landwirtschaftskammer Westfalen fand. Im selben Jahr trat er in die NSDAP ein, nach eigener Aussage wegen der charismatischen Erscheinung Hitlers und der Verbindung nationaler und sozialer Ideen in der Partei. Anscheinend war die Mitgliedschaft für seinen Arbeitgeber kein Problem, denn bis 1933 verliefen beruflicher Aufstieg und Parteikarriere bis in die Gauleitung Westfalen-Nord hinein parallel.

1933 bis 1935 war Riecke Regierungschef des Kleinstaates Lippe und in dieser Funktion in die Ermordung des sozialdemokratischen Journalisten und Widerstandskämpfers Felix Fechenbach verwickelt. 1936 legte er die Grundlage für seinen weiteren Aufstieg in den Kriegsjahren und wechselte nach Berlin in das Reichsernährungsministerium. Nach seinem Militärdienst 1939 bis 1941 erreichte er nach dem Überfall auf die Sowjetunion den Höhepunkt seiner Karriere. Unter Beibehaltung seines Postens im Ministerium, in dem er ab 1944 Staatssekretär war, wurde er nun Leiter der Chefgruppe Landwirtschaft beim Wirtschaftsstab Ost, übernahm die gleiche Position in Rosenbergs Ostministerium und kann so – mit den Worten Alexander Dallins von 1957 – als „Boss der östlichen Landwirtschaft“ bezeichnet werden, der in drei konkurrierenden Institutionen Schlüsselpositionen übernommen hatte. In dieser Ämterhäufung war er gleichzeitig Architekt und Exekutor der Hunger- und Ausbeutungspolitik gegenüber der Bevölkerung in der besetzten Sowjetunion. Wigbert Benz hebt besonders seine Mitwirkung am sogenannten Hungerplan hervor, bei dem 1941 das Verhungern von Millionen von Menschen achselzuckend einkalkuliert worden war, sowie den von Riecke entworfenen „Judenrationserlass“ vom September 1942, mit dem der verbliebenen jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reich die Nahrungsmittelzufuhr drastisch gekürzt wurde. Bei Kriegsende wurde Riecke als Mitarbeiter der Regierung Dönitz in Flensburg verhaftet.

Angesichts dieser Ämterhäufung und klaren Verstrickung verwundert es dann doch, dass Riecke nach 1945 juristisch weitgehend unbehelligt bleiben konnte. Dafür war neben Glück – nach der Reduzierung der geplanten Nürnberger Nachfolgeprozesse verschwand sein Name von der Anklageliste – maßgeblich das zeittypische Netzwerk gegenseitiger „Persilscheine“ und seine frühe Selbststilisierung als Widerstandskämpfer, der sich vor allem im letzten Kriegsjahr gegen Hitlers „Nero-Befehl“ gestemmt habe, verantwortlich. Seine Entnazifizierung als „Mitläufer“ – wenn auch erst 1954 auf dem Gnadenwege und nach Zahlung einer „Wiedergutmachung“ – war der Schlussstein dieser Entwicklung und sorgte dafür, dass er ungestört einen beruflichen Neuanfang suchen konnte. Bereits 1950 trat er in das bedeutende Agrarhandelsunternehmen Alfred C. Toepfer ein, dem er bis zu seinem Tod 1986 eng verbunden blieb. Benz hebt noch seine publizistische Tätigkeit nach 1945 hervor, die zwar nicht sehr umfangreich, aber bezeichnend war. Dabei rechtfertigte Riecke die deutsche Ernährungspolitik in der besetzten Sowjetunion, schrieb das Vorwort zu einem Buch des Friedensnobelpreisträgers John Boyd Orr über den Kampf gegen den Welthunger und äußerte sich zur Agrarpolitik der EWG. Ein letztes Ermittlungsverfahren wegen der Beteiligung an der Ermordung Fechenbachs endete 1964 mit der Einstellung.

In der Zusammenschau wird deutlich, was diesen Mann über alle Umbrüche seines Lebens getragen hat. Am stärksten sticht dabei eine Mischung aus ideologischen Grundüberzeugungen, amoralischem Ehrgeiz und unerschütterlichem Selbstbewusstsein ins Auge, zu dem natürlich an den einzelnen Etappen andere Faktoren wie Glück oder Zufall treten mussten. Diese Überlegungen muss man allerdings alleine anstellen, denn Benz verzichtet leider auf ein Schlusskapitel, in dem derartige übergreifende Erörterungen ihren Platz gefunden hätten. Hier hätten ein paar Seiten mehr dem Buch gut getan. Auch an anderen Stellen könnte man sich vertiefende Erläuterungen vorstellen, wie zur Position der Landwirtschaftskammer Westfalen als Arbeitgeber Rieckes zu seinem Engagement in der NSDAP vor 1933 oder zur Vorgeschichte der Alfred-Toepfer-Stiftung F.V.S., bei der Riecke ab 1958 leitende Positionen bekleidete, im Nationalsozialismus. Letztlich muss man aber froh sein, dass der Autor der Versuchung nicht erlegen ist, mögliche Nebenaspekte weiter auszuführen. Konsequent verfolgt er seinen Hauptstrang: den ungebrochenen Lebensweg Rieckes, den dieser selbst in seinen Erinnerungen mit dem Fazit „Ich bin’s zufrieden!“ versah. Diese kompakte Biographie zeigt plastisch auf, aus welchem Erfahrungsschatz die Männer schöpften, die nach 1945 den wirtschaftlichen Wiederaufstieg Deutschlands in die Wege leiteten und dabei mit ihren fehlenden Selbstzweifeln über ihre Rolle im NS-Staat und ihrer moralischen Indifferenz die Opfer ihrer früheren Tätigkeit erneut an den Rand drängten.

Quelle: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 63. Jg. (2015), Heft 3, S. 299–301; Rezensent: Jens Binner

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— 5. Annotation der Süddeutschen Zeitung, 9. April 2015, S. 14 (SZ) —

VON SZ-AUTOREN

Wigbert Benz über
Hans-Joachim Riecke

Wigbert Benz untersucht die Karriere des NS-Staatssekretärs im Ernährungsministerium, Hans-Joachim Riecke. Von 1941 bis 1944 organisierte Riecke als Kriegsverwaltungschef im besetzten Osten den Raub von Lebensmitteln für Wehrmacht und deutsche Bevölkerung. Millionen Menschen in den besetzten Teilen der Sowjetunion verhungerten. 1947 sollte Riecke deswegen in Nürnberg der Prozess gemacht werden. Die Anklageschrift war fertig ausgearbeitet. Der Kalte Krieg verhinderte die Durchführung des Prozesses. Ein paar Jahre später war Riecke entnazifiziert, wurde Topmanager des milliardenschweren Agrarhandelskonzerns Alfred C. Toepfer und blieb dies bis in die 70er-Jahre. Als Vorwortgeber für ein Buch des Friedensnobelpreisträgers John Boyd Orr forderte er höhere Geldausgaben für die Ernährung der Weltbevölkerung. In einer privaten Niederschrift beklagte er, den Deutschen sei es 1945 ernährungsmäßig schlechter ergangen als den Juden 1942.
SZ

Wigbert Benz: Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945. wvb, Berlin 2014, 127 Seiten, 19 Euro.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 9. April, S. 14 (Literaturseite)

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— 6. Rezension von Armin Nolzen in Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus. Bd. 30. 2015, S. 263ff. —

Wigbert Benz, Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945, Wissenschaftlicher Verlag Berlin, Berlin 2014, 127 S., 19 Euro.

Seit Götz Alys und Susanne Heims wegweisender Monografie „Vordenker der Vernichtung“, die 1991 erstmals erschien und seit dem letzten Jahr in neuer Auflage vorliegt, gilt Hans-Joachim Riecke (1899-1987), der ehemalige Staatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, als einer der maßgeblichen Verfechter eines rigorosen Aushungerns der besetzten sowjetischen Gebiete, in deren Verlauf die NS-Wirtschaftsverwaltung dort schätzungsweise neun Millionen Tonnen Getreide raubten, um die Versorgung der Wehrmacht und der Reichsbevölkerung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen. Die Bilanz des „Hungerplans“ (das Wort ist missverständlich, weil diese radikale Ausplünderung der Sowjetunion eben nicht auf der Planungsebene verblieb, sondern traurige Realität wurde), der in einer Besprechung beim Chef des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes Georg Thomas am 2. Mai 1941 in den Grundzügen erörtert worden war, ist, wie wir seit den Studien von Christian Gerlach, Dieter Pohl, Alex J. Kay, Jörg Ganzenmüller und Timothy Snyder wissen, atemberaubend: Mehr als 20 Millionen Menschen wurde die Nahrungsgrundlage systematisch entzogen, zwischen vier und sieben Millionen verhungerten, darunter mehr als 2,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene und eine Million Bürger Leningrads, die während der zweieinhalbjährigen Belagerung der Stadt durch die Wehrmacht starben. Die NS-Ernährungspolitik nahm seit 1941/42 zweifelsohne genozidale Züge an.

Im Zentrum dieses Massenmordes durch gezieltes Aushungern und Ausplündern nach dem Beginn des „Falles Barbarossa“ stand Riecke, denn er vereinigte drei wichtige Ämter in seiner Person: Leiter der Chefgruppe Landwirtschaft im Wirtschaftsstab Ost als einer gemischt zivil-militärischen Dienststelle, Stellvertretender Leiter der Geschäftsgruppe Ernährung im Vierjahresplan und Chef der Hauptgruppe für Ernährung und Landwirtschaft im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete. Seine Teilnahme an der Besprechung vom 2. Mai 1941 konnte bis heute aber nicht zweifelsfrei erwiesen werden. Auch Wigbert Benz, der als Lehrer bis 2010 im baden-württembergischen Schuldienst tätig war und in dieser Zeit mit einschlägigen Veröffentlichungen über den Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion, den Schriftsteller Paul Carell und den „Hungerplan“ hervorgetreten ist, gelingt der Nachweis, dass Riecke bereits bei den Vorbereitungen zur Ernährungspolitik im „Fall Barbarossa“ eine wichtige Rolle gespielt hat, nicht. Allerdings wird aus seinen Ausführungen mehr als deutlich, dass Riecke diese Strategie des Aushungerns, die offenbar auf Herbert Backe zurückging, seit 1942 Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, rigoros und ohne Rücksicht auf die sowjetische Bevölkerung in die Tat umsetzte (der „Hungerplaner“ im Titel des Buches ist unpräzise und wäre durch die Bezeichnung „Hungerpraktiker“ zu ersetzen) und sich dessen Radikalität aus einer bruchlosen militärischen, landwirtschaftlichen und nationalsozialistischen Karriere erklärt, die im Ersten Weltkrieg begonnen hatte.

Im Zentrum von Benz‘ Analyse stehen Rieckes 197 Seiten starke „Erinnerungen“, die im Bundesarchiv Koblenz überliefert sind und, wie der Autor zeigt, Ende der 1960er Jahre verfasst worden sein müssen. Auf der Basis dieser Rechtfertigungsschrift schildert Benz die wichtigsten Stationen des Lebensweges seines Protagonisten bis zum Zweiten Weltkrieg (S. 13-34), dessen Rolle als Bataillonskommandeur im Feldzug gegen Frankreich und als Kriegsverwaltungschef der besetzten Sowjetunion (S. 35-72), dessen erfolgreiche Versuche, sich in den Nürnberger Prozessen (S. 73-91) und im Entnazifizierungsverfahren (S. 93-103) von allen Vorwürfen einer Beteiligung an der verbrecherischen NS-Politik reinzuwaschen und die 1951/52 beginnende Karriere beim Getreideunternehmen Alfred Töpfer (S. 105-120), in deren Verlauf Riecke zum Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung dieser Firma reüssierte und nach seiner Pensionierung noch wichtige Funktionen im Stiftungsrat wahrnahm. Sein Arbeitsgebiet war, und darin schloss er nahtlos an die Zeit vor 1945 an, die Welternährungspolitik.

Riecke war ein geborener Nationalsozialist: Als Sohn eines preußischen Hauptmanns am 20. Juni 1899 in Dresden geboren, wollte er seit seinem achten Lebensjahr Offizier werden. Mit 15 Jahren, er hatte sein Versetzungszeugnis zur Obersekunda gerade in der Tasche, meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, kam im Infanterieregiment 106 an der „Westfront“ zum Einsatz, wurde verwundet, erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse und avancierte am 16. April 1917 zum Leutnant der Reserve. Im November 1918 als Werbeoffizier für ein Freikorps tätig, nahm er 1919/20 mit der Eisernen Division an den Kämpfen im Baltikum teil. 1920 aus dem Heer entlassen, absolvierte Riecke eine zweijährige Landwirtschaftslehre, studierte danach Landwirtschaft an der Universität Leipzig und engagierte sich im paramilitärischen Bund Oberland gegen die ihm verhasste Weimarer Republik. Riecke trat der NSDAP am 15. Juni 1926 unter der Mitgliedsnummer 16.308 bei und trat als Beamter in die Landwirtschafskammer der Provinz Westfalen in Münster ein. Nach dem 30. Januar 1933 beschleunigte sich seine Karriere. Riecke wurde Reichskommissar für Schaumburg-Lippe mit dem Auftrag, die Landesverwaltung „gleichzuschalten“, und war in dieser Funktion auch in den Mord am sozialdemokratischen Journalisten Felix Fechenbach involviert, der am 7. August 1933 in einem Wald bei Kleinenberg in der Nähe von Warburg erschossen wurde. Bis zum 31. Januar 1936 amtierte Riecke als Staatspräsident (dem heutigen Ministerpräsidenten vergleichbar) für Lippe und nahm hohe Parteiämter im Gau Westfalen-Nord ein. Zum 1. Februar 1936 wechselte er ins Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft, wo er als Oberabteilungsleiter im Range eines Ministerialdirektors tätig war. Seit dieser Zeit häufte Riecke unzählige Ämter in Partei, Staat, SA und SS an; zudem fungierte er als Mitglied des Reichstags.

Das vorliegende Buch ist die erste zusammenhängende Darstellung von Rieckes politischer Karriere. Es stellt keine Biografie im klassischen Sinne dar, die den gesamten Lebensweg ihres Protagonisten im kritischen Umgang mit den erreichbaren Quellen und der Sekundärliteratur argumentativ aufbereitete und zu einem abgewogenen Resümee gelangte. Vielmehr verweilt Benz an den für ihn neuralgischen Stationen des „politischen“ Riecke, in erster Linie bei dessen Tätigkeiten im Zweiten Weltkrieg. Sein Verfahren ist einfach, aber wirkungsvoll: Immer wieder kontrastiert er die Selbstaussagen in Rieckes „Erinnerungen“ mit zeitgenössischen Quellen, vor allen Dingen mit seiner SS-Personalakte, den in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen vorgelegten Anklagedokumenten und der umfangreichen, im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden erhaltenen Entnazifizierungsakte. Benz schreibt unaufgeregt, bisweilen lakonisch, und lässt diese Quellen für sich sprechen. Er zeigt, dass Riecke niemals direkt log, sondern sich „durch Verschweigen, Marginalisierungen und kontrafaktische Wertungen“ (S. 119) ein Selbstbild zurechtzimmerte, wonach es ihm immer nur um die ausreichende Ernährung der deutschen Bevölkerung und die angebliche „Linderung“ von ernährungswirtschaftlichen Härten für die besetzten sowjetischen Gebiete gegangen sei. Wie viele andere Männer seiner Generation, richtete sich Riecke in dem Irrglauben ein, er habe lediglich „Schlimmeres verhüten“ helfen wollen.

Mit dieser Strategie gelang es Riecke, nach 1945 alle Ermittlungsverfahren gegen ihn relativ schadlos zu überstehen. Er wurde nicht mehr, wie von den Amerikanern vorgesehen, im Rahmen der Nürnberger Nachfolgeprozesse angeklagt, seine ursprüngliche Einstufung in die Gruppe I „Hauptschuldige“ wurde schnell in Gruppe II „Belastete“ umgewandelt. Die zwei Jahre Arbeitslager, die dieses Urteil nach sich gezogen hätte, galten durch Rieckes vier Jahre währende Internierung als abgegolten. Schließlich reihte ihn ein Gnadenerlas des hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn (SPD), eines ehemaligen Widerstandskämpfers gegen das NS-Regime, am 12. Mai 1954 in die Gruppe der „Mitläufer“ ein. Ein Verfahren, das die Staatsanwaltschaft Paderborn wegen der Beteiligung am Fechenbach-Mord gegen Riecke eingeleitet hatte, wurde 1964 eingestellt. Seine permanente Selbstexkulpation war erfolgreich, weil sie sich auf einer zentrale Lebenslüge der westdeutschen Gesellschaft stützen konnte: die Ansicht, man könne zwischen Nationalsozialisten im engeren Sinne und den ehemaligen Funktionseliten in der mittleren Ministerialbürokratie säuberlich trennen. Riecke war allerdings beides, Nationalsozialist und Fachbeamter, und es nicht ist das geringste Verdienst des vorliegenden Buches, dass es uns zeigt, wie attraktiv diese Melange nach 1945 für die Privatwirtschaft war. 65 Jahre nach der Verkündigung des „Grundgesetzes“ stellt sich einmal mehr die Frage, wie sich die bundesdeutsche Demokratie angesichts dieser NS-Belastung ihres Führungspersonals (nicht nur) in Industrie und Landwirtschaft eigentlich zu jener freiheitlich-liberalen Gesellschaft entwickeln konnte, die sie heute in weiten Teilen darstellt.

Armin Nolzen, Warburg

Quelle: Christoph Dieckmann /Babette Quinkert (Hrsg.): Kriegführung und Hunger 1939–1945. Zum Verhältnis von militärischen, wirtschaftlichen und politischen Interessen. (= Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Bd. 30). Wallstein, Göttingen 2015, S. 263–265

— 7. Rezension von Hans-Heinrich Nolte, in: Das historisch-politische Buch 2/2015, S. 125f. —

Wigbert Benz: Hans-Joachim Riecke. NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945. 127 S., Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2014, 19.- €.

Der Autor wertet für seine Biographie neue Materialien aus, vor allem die umfangreichen Entnazifizierungsakten Hans-Joachim Rieckes sowie seine Erinnerungen und er stellt die Biographie in den Kontext der Agrarpolitik des Nationalsozialismus besonders in den besetzten Ostgebieten. Riecke stammt aus einer sächsischen Offiziersfamilie, trat früh dem „Bund Oberland“ bei und wurde 1925 Mitglied der NSDAP. Als Diplomlandwirt wurde er – nach einem Zwischenspiel in Lippe – 1936 Ministerialdirektor im Reichsernährungsministerium sowie zehn Tage vor Beginn des Ostfeldzugs Kriegsverwaltungschef beim Wirtschaftsstab Ost. Riecke gehört zu denen, welche die Hungersnot für die sowjetische Bevölkerung planten und sowohl in internen Tagungen als auch für die nationalsozialistische Presse begründeten. Die Hungersnot führte zu über vier Millionen Toten im deutschen Besatzungsgebiet (die von Benz S. 55 von mir zitierte Zahl von sieben Millionen bezieht sich auf die Verhungerten auf beiden Seiten der Front). Im Einzelnen zeigt Benz, daß der „Judenrationserlaß“ vom 18.09.1942, der eine weitere Senkung der Rationen für noch lebende Juden vorsah (in den Besatzungsgebieten östlich des Bug waren sie zu diesem Zeitpunkt überwiegend schon ermordet), Riecke als kommissarischem Staatssekretär mit Sicherheit auch vor der Unterschrift vorgelegen hat (Riecke gab im Entnazifizierungsverfahren an, er habe ihn erst zur Unterschrift gesehen). 1950 wurde Riecke auf der Grundlage verschiedener Gutachten aus Wissenschaft und Agrarindustrie in die Gruppe 2 der Belasteten eingereiht; die verhängte Strafe – Arbeitslagerhaft von zwei Jahren – galt durch die Lageraufenthalte nach 1945 als verbüßt. Der hessische Ministerpräsident Zinn begnadigte ihn 1954 und er wurde nun als Mitläufer eingestuft. Inzwischen war Riecke schon Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung des Hamburger Agrarunternehmens A. Toepfer geworden. Benz zeichnet in knappen Schritten den Lebenslauf eines Verwaltungsbeamten, der im und nach dem Krieg Karriere machen konnte – ein gelungener Beitrag zur Kontinuität nationalsozialistischer Beamtenschaft.

Hans-Heinrich Nolte

Quelle: Das Historisch-Politische Buch. 63. Jg. 2015, Heft 2, S. 125f.; Rezensent: Prof. Dr. Hans-Heinrich Nolte, em. Universität Hannover

— 8. Rezension von Klaus Gaßner, Badische Neueste Nachrichten (BNN), 23. Juni 2015, S. 4 (Politik) —

Vom „Hungerplaner“ zum „Welternährer“
Der Karlsruher Historiker Wigbert Benz über den NS-Staatssekretär Hans-Joachim Riecke

Sieben Millionen Tonnen Getreide, eine dreiviertel Million Tonnen Ölsaaten, rund 600 000 Tonnen Fleisch und 150 000 Tonnen Fette – es ist eine unvorstellbare Menge an Nahrungsmitteln, die in den 1940er Jahren aus der Sowjetunion heraus Richtung Deutsches Reich geschafft wurden. Verantwortlich für diese Transporte: Hans-Joachim Riecke. Der Kriegsverwaltungschef koordinierte „den Raub von Nahrungsmitteln aus dem besetzten Osten“, schreibt der Karlsruher Historiker Wigbert Benz in einer Studie über den SA-Mann Riecke. Es war ein Raub mit schwerwiegenden Folgen, denn zwischen vier und sieben Millionen Menschen verhungerten in der Folge in den Sowjetgebieten.

In diesem „Hungerplan“ des NS-Reichs spielte Riecke eine nicht unbedeutende Rolle, wie Benz nachweist. Gleich nach Kriegsende geriet er in amerikanische Haft, eine Auslieferung in die Sowjetunion, die seinen sicheren Tod bedeutet hätte, unterblieb. Ebenso unterblieb eine Anklage in einem der Nürnberger Folgeprozesse. Die Anklageschrift war bereits fertig, doch der politische Wind hatte sich gedreht. Die Prozesse fanden nicht statt, im Entnazifizierungsverfahren wurde Riecke zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt. Da er zuvor schon interniert war, unterblieb nicht nur die Strafe, 1954 wurde er sogar vom damaligen hessischen Ministerpräsidenten Zinn (SPD) begnadigt. Damit stand ihm der Öffentliche Dienst wieder offen.

Riecke war als Sohn eines Hauptmanns 1899 in Dresden geboren worden, im Ersten Weltkrieg stieg er zum Offizier auf. Nach einem Studium der Landwirtschaft trat er schon 1925 der NSDAP bei. Das bescherte ihm 1933 einen gewaltigen Karrieresprung, denn er wurde zum Regierungschef des Kleinstaates Lippe berufen. In diese Zeit fällt die nie ganz geklärte Ermordung eines Journalisten, auch Gerüchte um Orgien im Hause des „Reichskommissars“ machten die Runde. 1936 wechselte Riecke ans Landwirtschaftsministerium, 1941 wurde er zum Kriegsverwaltungschef im Osten berufen, 1944 übernahm er das Amt des Staatssekretärs im Landwirtschaftsministerium.

Was nun wusste Riecke vom „Hungerplan“, von der erklärten Prioritätensetzung der Nationalsozialisten, russische Lebensmittel zunächst der deutschen Wehrmacht zur Verfügung zu stellen, in größerem Umfang ins Reich zu bringen und erst an dritter Stelle der russischen Zivilbevölkerung zur Verfügung zu stellen? Benz zeichnet die Verhandlungen über die Lebensmittelverwendung nach, auch das Geschachere um Ziffern hinter dem Komma. Er wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Ränkespiele im NS-Staat. Und er macht deutlich, dass Riecke von der erklärten Absicht, die russische Zivilbevölkerung verhungern zu lassen, „gehört“ habe. Riecke selbst, der 1944 von der SA zur SS übertrat, stilisierte sich nach dem Krieg als Widerstandskämpfer an der Seite Albert Speers – beide hätten sich Hitlers Zerstörung der Heimat widersetzt, notiert er. Wigbert Benz, ausgewiesener Experte für die Facetten des deutsch-sowjetischen Krieges, stellt in der kompakten, 120 Seiten starken, sehr sachlichen Schrift eine recht typische NS-Biografie eines Funktionärs in nachgeordnetem Rang vor. Ohne solche „Rieckes“ hätten sich große ideologische Vorhaben nicht ansatzweise umsetzen lassen. Ernüchternd, dass der „Hungerplaner“ nach dem Krieg sozusagen zum „Welternährer“ werden konnte, wie Benz formuliert. Als Manager eines finanzstarken Agrarunternehmens gewann er viel öffentliches Renommee. Wie ein Hintertreppenwitz mag es erscheinen, dass Riecke 1954 ein Vorwort verfasste zum Buch des Friedensnobelpreisträgers John Boyd. Titel des Buches: „Werden nur die Reichen satt?“

Klaus Gaßner

Wigbert Benz: Hans-Joachim Riecke, NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum „Welternährer“ nach 1945. Wissenschaftlicher Verlag Berlin. Preis: 19 Euro.

Quelle: Badische Neueste Nachrichten, 23. Juni 2015, S. 4 (Politik)

— 9. Rezension von Hans-Erich Volkmann in Militärgeschichtliche Zeitschrift (MGZ). Bd. 74 (2015), S. 350f. —

Wigbert Benz, Hans-Joachim Riecke. NS-Staatssekretär. Vom Hungerplaner vor, zum »Welternährer« nach 1945, Berlin: WVB 2014, 127 S., EUR 19,00 [ISBN 978-3-86573-793-9]

[…]

Was Wunder also, dass bereits die frühe NSDAP eine Anziehungskraft auf wissenschaftlich ausgebildete Agrarier wie Himmler, den Spezialisten für Zucht und Vererbung und späteren Minister für Ernährung und Landwirtschaft, Walther Darré, sowie Hans-Joachim Riecke ausübte, über den nun eine biografische Skizze von Wigbert Benz vorliegt. Rieckes Lebenslauf weist den beispielhaften
Karriereverlauf eines »alten Kämpfers« der Partei auf: Freikorpsangehöriger, SA-Führer, SS-Mitglied, Wahlkämpfer in Lippe-Detmold. Nach dem Besuch einer Agrarfachschule fand Riecke eine Anstellung in einer Landwirtschaftskammer, ehe er als Staatsminister von Lippe in die Politik, schließlich als Ministerialdirektor in Darrés Ministerium wechselte. Als Kriegsfreiwilliger zunächst im Westen eingesetzt, kam er an die Russlandfront. Hier avancierte er in ziviler Position im Wirtschaftsstab Ost zum Leiter der Chefgruppe Landwirtschaft. Benz lässt in seiner Studie keinen Zweifel darüber aufkommen, dass Riecke der eigentliche Verantwortliche für die praktizierte Landwirtschaftspolitik in den besetzten Ostgebieten war.

Riecke hat die Ausbeutungsstrategien von Vierjahresplan, Landwirtschafts- und Ernährungs- sowie Ostministerium koordiniert, was seinen Niederschlag im sogenannten Hungerplan fand, der eine agrarwirtschaftliche Ausbeutung der besetzten Ostgebiete zugunsten des Reiches unter bewusster Inkaufnahme des millionenfachen Todes sowjetischer Staatsbürger initiierte. Er war es auch, der im Sinne der deutschen Ernährungssicherung im Herbst 1941 die Verpflegungsrationen der sowjetischen Kriegsgefangenen kürzen ließ, eine der Hauptursachen dafür, dass nur 57 Prozent der gefangenen Rotarmisten das Kriegsende erlebten. Als Riecke 1942 de facto, 1944 offiziell zum Staatssekretär im Ernährungs- und Landwirtschaftsressort aufstieg, lag die Lebensmittelversorgung von Zivilbevölkerung und Wehrmacht in seinen Händen. Er zeichnete für den Rationserlass vom September 1942 verantwortlich, demzufolge Juden die Versorgung mit Fleisch, Milch, Eiern und Weizenprodukten fortan verweigert wurde.

Die Biografie macht uns also mit einer Identitätsfigur des NS-Regimes bekannt, die im Okkupationsgebiet und an der »Heimatfront« über eine rassenideologisch determinierte Vernichtungsstrategie die Sicherstellung der Verpflegung des deutschen Volkes gewährleistete.

Von paradigmatischem Interesse ist auch Rieckes Nachkriegsschicksal. Obwohl gegen ihn eine Anklageschrift verfasst wurde, kam er in Nürnberg nicht vor Gericht und alle in der Bundesrepublik gegen ihn angestrengten Gerichtsverfahren wurden niedergeschlagen. Riecke zählte zu den NS-Tätern, an deren Verurteilung die selbst hinlänglich belastete Justiz ebenso wenig Interesse bekundete wie die Politik. Zwar fasste er nicht wieder in der Ministerialbürokratie Fuß wie sein in den Holocaust involvierter Gesprächspartner im Ostministerium, Otto Bräutigam, im Auswärtigen Amt oder der Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, Hans Globke, im Kanzleramt. Aber er erlangte eine Führungsposition in der Wirtschaft und in etlichen Stiftungen.

Über die Person Riecke gewährt die von Wigbert Benz verfasste Studie einen Einblick in die politische Verwaltungsstruktur des »Dritten Reiches«, der beispielhaft erkennen lässt, wie selbstständig und eigeninitiativ die führende Beamtenschaft dem NS-Regime unter Verletzung des Menschen- und Kriegsrechtes zu Diensten war.

Quelle: Militärgeschichtliche Zeitschrift (MGZ). Bd. 74 (2015), S. 350f.

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