I. Veröffentlichungen 1986-2011 bzw. Nr. 1-49 von Wigbert Benz in Büchern, Sammelbänden u. Zeitschriften
II. Artikel/Rezensionen in der Süddeutschen Zeitung
1. Übersicht der SZ-Artikel von 2007-2011
2. SZ-Artikel Nr. 1-12 von 2007-2011 im Einzelnen
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I. Veröffentlichungen 1986-2011 bzw. Nr.1-49 von Wigbert Benz in Büchern, Sammelbänden u. Zeitschriften:
1. Der Russlandfeldzug des Dritten Reiches: Ursachen, Ziele, Wirkungen. Zur Bewältigung eines Völkermords unter Berücksichtigung des Geschichtsunterrichts. Frankfurt a.M.: Haag + Herchen Verlag 1986, 2. Auflage 1988;
2. NS-Völkermord in der UdSSR und Friedenserziehung im Geschichtsunterricht. In: karlsruher pädagogische beiträge. Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe Jg. 7 (1986), H. 13/14, S. 57-69;
3. NS-Vernichtungskrieg in der UdSSR – Quellen für den Geschichtsunterricht. In Geschichtsdidaktik (Patmos-Schwann Verlag) Jg. 12 (1987), H. 4, S. 395-400;
4. Präventiver Völkermord? Zur Kontroverse um den Charakter des deutschen Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. In: Blätter für deutsche und internationale Politik Jg. 33 (1988), H. 10, S. 1215-1227;
5. Zur Rezeption des “Unternehmens Barbarossa” in Geschichtsbüchern: Fakten und Tendenzen. In: Internationale Schulbuchforschung. Zeitschrift des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung Jg. 10 (1988), H. 4, S. 379-391;
6. (K)eine Reise in die Vergangenheit wert? Das “Unternehmen Barbarossa” 1941 1945 in Schulbuchdarstellungen. In: Lehrerzeitung Baden-Württemberg Jg. 43 (1989), H. 11, S. 226-229;
7. Das “Unternehmen Barbarossa“ und der Vatikan. In: Blätter für deutsche und internationale Politik Jg. 34 (1989), H. 8, S. 981-991;
8. Ursachen und Charakter des Zweiten Weltkrieges. Basisbeitrag. In: Praxis Geschichte (Westermann Schulbuchverlag) 5/1990, S. 6-13;
9. Der andere Holocaust. Der deutsche Vernichtungskrieg in der Sowjetunion. In: Praxis Geschichte 5/1990, S. 26-31;
10. “Untermenschen“ – Sowjetische Kriegsgefangene in deutschem Gewahrsam 1941-1945. In: Die Unterrichtspraxis. Beilage der Lehrerzeitung Baden-Württemberg. H. 3-4/1991, S. 17-19;
11. “Unternehmen Barbarossa” – Der andere Holocaust. In: Verein für Friedenspädagogik Tübingen (Hg.): Rundbrief 2/1991; S.2-7;
12. Unterrichtsmaterialien zur Planung des “Unternehmens Barbarossa’ 1941 als Vernichtungskrieg. In: Verein für Friedenspädagogik Tübingen (Hg.): Rundbrief 2/1991; S.8-17;
13. 22.Juni 1941: Krieg als Völkermord. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer (Wochenschau Verlag) 41/1991, S.51-55;
14. Die Haltung des Vatikans zum “Unternehmen Barbarossa“. In: Schafranek, Hans / Streibel, Robert (Hg.): 22.Juni 1941. Der Überfall auf die Sowjetunion. Wien: Picus Verlag 1991, S.87-97;
15. Der deutsche Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion in Schulgeschichtsbüchern. In: Schafranek, Hans / Streibel, Robert (Hg.): 22.Juni 1941. Der Überfall auf die Sowjetunion. Wien: Picus Verlag 1991, S. 167-184;
16. “Unternehmen Barbarossa” 1941: Bericht über das internationale Wiener Symposium zum 50.Jahrestag des deutschen Überfalls. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer 42/1991, S. 57-64;
17. Stalingrad – Gehorsam bis zur letzten Patrone? In: Spurensuche Geschichte. Anregungen für einen kreativen Geschichtsunterricht. Bd.4. Von der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Hrsg. v. Peter Knoch. Stuttgart: Klett Schulbuchverlag 1992, S. 110- 113;
18. Stalingrad im deutschen Schulbuch und Unterricht. In: Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht. Hrsg. v. Wolfram Wette u. Gerd R. Ueberschär. Frankfurt a.M. 1992, 4. Aufl. 2003 : Fischer Taschenbuchverlag, S. 240-246;
19. Zustimmung und Widerstand im Nationalsozialismus. Basisbeitrag. In: Praxis Geschichte 3/1994, S.4-11;
20. Bischof Graf von Galen – Euthanasiegegner und Kriegsbefürworter. In: Praxis Geschichte 3/1994, S. 18-22;
21. Die thematische Behandlung des Zweiten Weltkriegs im Unterricht. In: Oldenbourg Geschichte für Gymnasien 13. Hrsg. v. Manfred Treml. München: Oldenbourg Verlag 1994, S.38-40;
22. Die Vernichtung des jüdischen Bolschewismus”. Russlandfeldzug und Judenvernichtung. In: Praxis Geschichte 6/1995, S.28-32;
23. Zur These vom deutschen Präventivkrieg 1941. In: Mitteilungen Nr. 125 (1996), hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, S.8f.;
24. Die Lüge vom deutschen Präventivkrieg 1941. In: Geschichte lernen (Friedrich Verlag in Zusammenarbeit mit Klett). H. 52 (1996): Legenden – Mythen – Lügen, S.54-59;
25. Der 22.Juni 1941 und seine Vorgeschichte im Geschichtsunterricht der Bundesrepublik Deutschland. In: Gerd R. Ueberschär / Lev A. Bezymenskij (Hg.): Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion 1941. Die Kontroverse um die Präventivkriegsthese. Darmstadt: Wissenschaftlichen Buchgesellschaft / Primus Verlag 1998, S.70-74;
26. Wehrmacht und Vernichtungskrieg. Basisbeitrag. In: Praxis Geschichte 2/1999, S.4-11;
27. Die 6.Armee und 90 Kinder in Bjelaja Zerkow. Die Wehrmacht vor Stalingrad. In: Praxis Geschichte 2/1999, S.28-31;
28. Das “Unternehmen Barbarossa’ 1941 – Vernichtungskrieg und historisch-politische Bildung. Schwerpunktthema. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer 60/2000, S.5-33;
29. 22.Juni 1941 – Das “Unternehmen Barbarossa” als Vernichtungskrieg. In: Die Unterrichtspraxis. Beilage zu “bildung und wissenschaft” der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg. Heft 4 v. 16.5.2001, S.25-29;
30. Das “Unternehmen Barbarossa“ 1941. Wissenschaftliches Online-Forum. In: Arbeitskreis Militärgeschichte e.V. (Hg.): Newsletter Nr. 16 v. Januar 2002, S. 28f.;
31. Stalingrad in deutschen Schulgeschichtsbüchern. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer 66/2003, S.56-65 (russisch in: Nina Vashkau (Hg.):Stalingrad; chemu russkie i nemcy nauchilis’ za 60 let, Volgograd 2003, ISBN 5-85534-760-5);
32. Die Nürnberger Dokumente NG 2424 und NG 2260. Zur Rolle von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell beim Judenmord in Ungarn 1944. In: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. Hrsg. v. Werner Röhr. H. 22 (2004), S. 82-95;
33. Paul Carell alias Paul Karl Schmidt. Kriegs- und Holocaustpropagandist. Wirken und Karriere des Pressechefs im NS-Außenministerium vor und nach 1945. In: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer 67/2004, S. 60-71;
34. Feuersturm Dresden. Fakten und Legenden um die Bombardierung der Großstadt Dresden 1945. In: Praxis Geschichte 4/2004, S.18-23;
35. Die Gegner werden schreien und von Menschenjagd sprechen“. Paul (Karl) Schmidt-Carells Holocaust PR 1944. In: Praxis Geschichte 4/2004, S.44-47;
36. Paul Carell – ein NS-Propagandist. In: Die Unterrichtspraxis. Beilage zu „bildung und wissenschaft“ der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Baden-Württemberg. Heft 2 v. 21.3.2005, S. 9-14;
37. Die Kontinuität des Journalisten: Paul Karl Schmidt alias Paul Carell. In: Auseinandersetzungen mit den Diktaturen. Russische und deutsche Erfahrungen. Hrsg. v. Hans Heinrich Nolte. Gleichen – Zürich 2005, S. 135-143;
38. Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2005;
39. Der Kriegspropagandist Paul Carell. Vom „Präventivkrieg“ der Wehrmacht zum „Ernstfall“ der Bundeswehr. In: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. Hrsg. v. Werner Röhr. H. 28 / 2006, S.60-77;
40. Kameraden. Reichstagsbrand: NS-Pressechef schreibt SPIEGEL-Geschichte. In: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung. Nr. 4/2007 v. 26.1.2007, S. 18;
41. Der Reichstagsbrand. Neue Untersuchungen zur Täterschaft – weiterhin offene Fragen. In: Praxis Geschichte 1/2008, S. 50;
42. Holocaust und Nachkriegskarriere. Das Fallbeispiel des NS-Pressechefs Paul (Karl) Schmidt alias Paul Carell. In: Ludwig-Marum-Stiftung (Hg.) 1998-2008. Rückblick – Überblick – Dokumentation. Pfinztal 2008, S. 152-155;
43. Reichstagsbrand – noch Fragen? In: Ossietzky. Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft. Heft 2/2010, S. 61-63;
44. Kalkül und Ideologie. Das Hungervorhaben im “Unternehmen Barbarossa” 1941. In: Weltordnungskonzepte. Hoffnungen und Enttäuschungen des 20. Jahrhunderts. Hrsg. v. Klaus Kremb. Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag 2010, S. 18-37;
45. „Einsatznah ausbilden“ mit Paul Karl Schmidt alias Paul Carell, Pressechef im Nazi-Außenministerium. Führender NS-Propagandist als Ghostwriter oder Quellengeber offizieller Ausbildungsmaterialien der Bundeswehr. In: Forum Pazifismus. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Gewaltfreiheit. 2. Quartal 2010. Nr. 26, S. 13-15;
46. “Einsatznah ausbilden” mit NS-Pressechef. Führender NS-Propagandist als Ghostwriter von Bundeswehr-Ausbildungsmaterial. In: ZivilCourage. Nr. 3 – August 2010, S. 15.
47. Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Berlin: Wissenschaftlicher Verlag Berlin 2011
48. Vergessener Vernichtungskrieg. Das „Unternehmen Barbarossa“. In: TRIBÜNE – Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. 50. Jg. Heft 198. 2. Quartal 2011, S. 60-64
49. Der BMW-Chef, der bei der Gestapo war.
Heinrich Richter-Brohm amtierte Ende der 50er Jahre als Vorstand des Münchner Autokonzerns. 1933 fiel er in einer anderen Rolle auf. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 113 v. 17. Mai 2011, S. 24. Auch online unter:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/automobilhersteller-der-bmw-chef-der-bei-der-gestapo-war-1.1098402
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I. Übersicht der SZ-Artikel von 2007-2011
II. SZ-Artikel Nr. 1-12 von 2007-2011 im Einzelnen
I. Übersicht der SZ-Artikel Nr. 1-12 von 2007-2011
1. SZ v. 16.4.2007, S. 33: Mysteriöser Reichstagsbrand. Lange Zeit galt Marinus van der Lubbe als Einzeltäter, doch inzwischen wird dies eher für unwahrscheinlich gehalten. – Zu dem Buch: Dieter Deiseroth (Hg.): Der Reichstagsbrand und der Prozess vor dem Reichsgericht. Verlagsgesellschaft Tischler. Berlin 2006
2. SZ v. 22.10.2007, S. 8: Zutiefst rückwärtsgewandt. Das seltsame Geschichtsverständnis der „Jungen Freiheit“. - Zu dem Buch: Stephan Braun / Ute Vogt (Hg.): Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2007
3. SZ v. 8.4.2008, S. 19: Alternativen zum Krieg. Ein Plädoyer für den unterschätzten Widerstand. – Zu dem Buch: Werkstatt für gewaltfreie Aktion, Baden (Hg.): Gewaltfrei gegen Hitler? Gewaltloser Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute. Verlag Gewaltfrei Leben Lernen. Karlsruhe 2007
4. SZ v. 28.10.2008, S. 10: Mörderische Diplomaten. Das Reichsaußenministerium war aktiv am Holocaust beteiligt. – Zu dem Buch: Sebastian Weitkamp: Braune Diplomaten. Horst Wagner und Eberhard von Thadden als Funktionäre der Endlösung. Verlag J.H.W. Dietz. Bonn 2008
5. SZ v. 2.2.2009, S. 16: Erschlagen und verbrannt. Eine umfassende Darstellung des Holocaust in der UdSSR. – Zu dem Buch: Ilja Altman: Opfer des Hasses. Der Holocaust in der UdSSR 1941-1945. Mit einem Vorwort von Hans-Heinrich Nolte. Muster-Schmidt-Verlag. Gleichen-Zürich 2008
6. SZ v. 2.3.2009, S. 16: Atombombe im Rucksack. Die aberwitzigen nuklearen Pläne der Bundeswehr in den 60er Jahren. – Zu dem Buch: Detlef Bald: Politik der Verantwortung. Das Beispiel Helmut Schmidt. Das Primat des Politischen über das Militärische 1965-1975. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt. Berlin, Aufbau Verlag 2008
7. SZ v. 3.8.2009, S. 16: Militärische Illusionen. Die problematischen Auslandseinsätze der Bundeswehr. – Zu dem Buch: Eric Chauvistre´: Wir Gutkrieger. Warum die Bundeswehr im Ausland scheitern wird. Frankfurt-New York, Campus Verlag 2009
8. SZ v. 17.8.2009, S. 13: Ein bisschen Folter. Das weltweite Verbot darf nicht relativiert werden. – Zu dem Buch: Alexander Bahar: Folter im 21. Jahrhundert. Auf dem Weg in ein neues Mittelalter? München, dtv Verlag 2009
9. SZ v. 2.11.2009, S. 16: Weltweiter Egoismus. Das 20. Jahrhundert verstärkt die Hierarchien der Staaten. – Zu dem Buch: Hans-Heinrich Nolte: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Wien/Köln/Weimar , Böhlau Verlag 2009
10. SZ v. 29.3.2010, S. 16: Der Propagandist. Christian Plöger schildert die erstaunliche Karriere des Nazis und Bestsellerautors Paul Carell – Zu dem Buch: Christian Plöger: Von Ribbentrop zu Springer. Zu Leben und Wirken von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell. Marburg, Tectum-Verlag 2009
11. SZ v. 4.4.2011, S. 16: Mord nach Quote. Wie pflichtbewusste Funktionäre im Machbarkeitswahn sich unter Stalin beliebt zu machen suchten. – Zu den beiden Büchern: Rolf Binner, Bernd Bonwetsch, Marc Junge (Hrsg.): Massenmord und Lagerhaft. Die andere Geschichte des Großen Terrors. Und: Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937-1938. Akademie Verlag, Berlin 2009 und 2010
12. SZ v. 17.5.2011, S. 24: Der BMW-Chef, der bei der Gestapo war.
Heinrich Richter-Brohm amtierte Ende der 50er Jahre als Vorstand des Münchner Autokonzerns. 1933 fiel er in einer anderen Rolle auf.
Auch online unter: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/automobilhersteller-der-bmw-chef-der-bei-der-gestapo-war-1.1098402
II. Die SZ-Artikel Nr. 1-11 von 2007-2011 im Einzelnen
1. Süddeutsche Zeitung Nr. 87 vom 16.April 2007, S. 33: DAS POLITISCHE BUCH
Mysteriöser Reichstagsbrand
Lange Zeit galt Marinus van der Lubbe als Einzeltäter, doch inzwischen wird dies eher für unwahrscheinlich gehalten
Der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 gehört zu den bedeutendsten politischen Kriminalfällen der Zeitgeschichte. Für das NS-Regime bot dieses angebliche Fanal eines kommunistischen Aufstandes einen willkommener Vorwand, Tausende seiner Gegner verhaften zu lassen. Die schon am nächsten Tag in Kraft getretene ,,Verordnung zum Schutz von Volk und Staat” setzte die Grundrechte außer Kraft und galt bis zum Zusammenbruch Hitler-Deutschlands. Als Täter verurteilte das Leipziger Reichsgericht noch 1933 den holländischen Anarcho-Sozialisten Marinus van der Lubbe zum Tode. Er war am Tatort verhaftet worden und hatte behauptet, mit ein paar einfachen Kohleanzündern und ohne Brandbeschleuniger den Plenarsaal in wenigen Minuten erfolgreich in Flammen gesetzt zu haben. Das Gericht suchte Mittäter und Drahtzieher der Brandstiftung ausschließlich im „kommunistischen Lager“, konnte aber keinerlei Beweise in diese Richtung finden.
In dem von Dieter Deiseroth, Richter am Bundesverwaltungsgericht, herausgegebenen Sammelband wird das Urteil des Reichsgerichts erstmals in vollem Wortlaut publiziert. Die Möglichkeit einer Nazi-Täterschaft hatten die Richter von vornherein ausgeschlossen, weil laut Urteilstext „die Männer, denen das deutsche Volk seine Errettung vor dem bolschewistischen Chaos verdankt, einer solchen verbrecherischen Gesinnung, wie sie die Tat verrät, niemals fähig waren“. Deiseroth und der Strafrechtsprofessor Ingo Müller – schon 1987 durch sein Buch ,,Furchtbare Juristen” bekannt geworden – weisen in ihren Beiträgen nach, dass das Reichsgericht rechtsstaatliche Standards missachtete.
Der Herausgeber nennt fünf konkrete Beispiele, die auf Täter im NS-Bereich hindeuteten, denen aber nicht näher nachgegangen wurde. Er führt aus, dass bis Ende der 50er Jahre in Wissenschaft und Öffentlichkeit die These von der Nazi-Täterschaft vorherrschte. Dies änderte sich, als der Verfassungsschutzbeamte Fritz Tobias in einer SPIEGEL-Serie 1959/60 die Alleintäterschaft van der Lubbes behauptete und dazu 1962 ein Buch vorlegte. Dabei stützte sich Tobias wesentlich auf Aussagen des 1933 ermittelnden Kriminalkommissars Walter Zirpins. Der Historiker Hans Mommsen erklärte 1964 in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte, Tobias habe seine These wissenschaftlich überzeugend nachgewiesen, nachdem er dessen Buch in einer Rezension für die Stuttgarter Zeitung 1962 noch heftig kritisiert hatte.
Die in Deiseroths Band vorgelegten Forschungsergebnisse des Historikers Alexander Bahar und des Publizisten Hersch Fischler erschüttern die These vom Alleintäter van der Lubbe schwer. Dieser verfügte weder über den zeitlichen Rahmen noch die Mittel für eine erfolgreiche Brandlegung. Fischler erörtert zudem die Unterdrückung der Publikation einer ursprünglich vom Institut für Zeitgeschichte in Auftrag gegebenen Untersuchung des Historikers Hans Schneider, der nachweisen konnte, dass Tobias Quellen passgenau für seine Beweisführung manipuliert hat, etwa durch nicht kenntlich gemachte Auslassungen, die seinen Auffassungen widersprachen.
Mommsen hatte seinerzeit per Aktenvermerk dokumentiert, die Veröffentlichung von Schneiders Kritik sei ,,aus allgemeinpolitischen Gründen unerwünscht”, eine Praxis, von der sich das Institut inzwischen ausdrücklich distanziert hat. Des weiteren weist Fischler nach, dass Tobias’ Kronzeuge Walter Zirpins ein elementares Interesse an der Durchsetzung der Alleintäterthese als historische Wahrheit hatte. So konnte er die eigene Person vor drohenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum ,,Justizmord” an van der Lubbe schützen.
Bahar analysiert darüber hinaus den Kontext der SPIEGEL-Serie zum Reichstagsbrand. Unter der redaktionellen Verantwortung der ehemaligen SS-Offiziere Horst Mahnke und Georg Wolff bearbeitete der später als Bestsellerautor „Paul Carell“ bekannt gewordene ehemalige Pressechef des NS-Außenministeriums Paul Karl Schmidt nicht nur das Serien-Manuskript von Fritz Tobias, sondern nahm in einem eigenen SPIEGEL-Artikel schon am 16. Januar 1957 wesentliche Argumente von Tobias für die Behauptung vom Alleintäter van der Lubbe vorweg, indem er z.B. die Person des Ermittlers Walter Zirpins als besonders glaubwürdig herausstellte und die angeblich fast schon übertriebene Rechtstaatlichkeit des Reichstagsbrandprozesse im Unterschied zum behaupteten Unrechtscharakter der Nürnberger Prozesse nach 1945 betonte.
Bahar legt eine Reihe von Indizien vor, nach denen der Reichstagsbrand bereits einige Zeit vor dem 27. Februar 1933 auf Initiative Goebbels’ geplant worden sei. Van der Lubbe gelangte nach dieser Darstellung am Tatabend in einen bereits von SA-Leuten mit selbstentzündlichen Flüssigkeiten präparierten Plenarsaal.
Ein wichtiges und konstruktives Korrektiv des Bandes ist der Beitrag des langjährigen Historikers am Institut für Zeitgeschichte, Hermann Graml. Er hat sowohl an der These von der Alleintäterschaft van der Lubbes als auch an der Auffassung, die Nazis seien die Täter gewesen, erhebliche Zweifel; im letzteren Fall begründet er das mit konträren Eintragungen in Goebbels’ Tagebüchern. Bahar und Fischler attestiert er aber ausdrücklich, die Forschungen zum Reichstagsbrand durch gründliche Untersuchungen erst seit Anfang der 90er Jahre zugänglicher originaler Akten von Reichsgericht und Politischer Polizei versachlicht und vorangebracht zu haben. Nach Graml stellt die auf diesen Dokumenten basierende Indizienkette keinen endgültigen Beweis für die NS-Täterschaft dar, ,,auch wenn konstatiert werden kann, dass alte Verdachtsmomente, die auf NS-Täterschaft spekulieren ließen, aufgefrischt und außerdem zusätzliche Verdachtsmomente entdeckt wurden”. WIGBERT BENZ
DIETER DEISEROTH (Hrsg.): Der Reichstagsbrand und der Prozess vor dem Reichsgericht. Verlagsgesellschaft Tischler, Berlin 2006. 380 Seiten, 24,00 Euro
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2. Süddeutsche Zeitung Nr. 243 vom 22.Oktober 2007, S. 8: DAS POLITISCHE BUCH
Zutiefst rückwärtsgewandt
Das seltsame Geschichtsverständnis der „Jungen Freiheit“
Im Internet präsentiert sich die Junge Freiheit (JF) als Wochenzeitung, welche „die große kulturelle und geistige Tradition der deutschen Nation in Ehren hält”. Ihre Beiträge werden gerne von rechtsextremistischen Blättern wie Nationalzeitung oder Nation und Europa zitiert. Jahrelang war das Blatt in Verfassungsschutzberichten als tendenziell rechtsextremistisch geführt worden. Dagegen klagte die Junge Freiheit, und 2005 errichtete das Bundesverfassungsgericht im Interesse der Pressefreiheit höhere Hürden vor einer Veröffentlichung in den Berichten. „Bloße Kritik an Verfassungswerten” reiche dazu nicht aus. In der Tat gilt die Pressefreiheit eben auch für potentielle Feinde der Freiheit.
Die baden-württembergische SPD- Landesvorsitzende Ute Vogt und ihr Landtagskollege Stephan Braun legen einen Sammelband vor, der die Diskussion über dieses Thema mit Fakten und Analysen zu Programmatik, Inhalten und Autoren der Zeitung befördern will. Die Herausgeber und 15 weitere Autoren analysieren die Positionierung des Blatts im Grenzraum der Verfassung und beleuchten dessen Akteure, Kunden und Kampagnen, bevor sie im Schlussabschnitt Vorschläge für den öffentlichen Diskurs sowie die außerschulische und schulische Bildungsarbeit unterbreiten.
Erfreulicherweise sind die Beiträge durchweg sehr sachlich gehalten. Nüchtern wird die Frage gestellt, ob denn die Junge Freiheit, auch wenn sie sich in 30 Jahren vom alle zwei Monate erscheinenden Acht-Seiten-Blatt zur Berliner Wochenzeitung mit „demokratischem Outfit” und – nach eigenen Angaben – einer Druckauflage von 25 000 Exemplaren entwickelt hat, über eine entsprechende Reichweite bei den Lesern verfügt. Doch nicht zuletzt ihre Vernetzung mit einer Vielzahl rechtsextremer Blätter, ihre durchaus erfolgreichen Internetkampagnen und ihr Erfolg bei der Gewinnung prominenter Interviewpartner verschaffen ihr eine beachtliche Akzeptanz.
Durch eine Fülle von Belegen wird nachgewiesen, dass die Junge Freiheit das wichtigste Publikationsorgan der neuen Rechten darstellt, deren Vertreter in der Tradition der sogenannten konservativen Revolution stehen, die als starke antidemokratische Bewegung die Weimarer Republik untergrub und dem Erstarken des Nationalsozialismus Vorschub leistete. Als überragender geistiger Vordenker, der geradezu heroisch überhöht wird, gilt der Zeitung der „Kronjurist” der Nationalsozialisten, Carl Schmitt, der den autoritären Staat mit klarem Feindbild forderte und die im Grundgesetz geschützten Menschenrechte als „unveräußerliche Eselsrechte” verspottete.
Zahlreiche Artikel der Jungen Freiheit vermitteln ein zutiefst rückwärtsgewandtes Geschichtsverständnis, das eine offene Flanke zum Geschichtsrevisionismus aufweist. (…; der Satz wurde wegen irrtümlicher Namenszuordnung ausgelassen, W.B.) Am Pranger stehen für den Chefredakteur und viele Autoren der JF die „68er”, deren linke Vertreter die Parteien und Redaktionsstuben beherrschten. Die Gedankenpolizei der Political Correctness belege Begriffe wie Nation, Nationalstolz, Patriotismus ebenso wie Elite oder Ausländerkriminalität gegen Deutsche mit Verboten und stelle sie unter Faschismusverdacht. Nun gelte es, diese Werte von den herrschenden Denkverboten zu befreien und so das ideelle Fundament einer selbstbewussten Nation zu schaffen. Nur so könnten die weltpolitischen Herausforderungen der deutschen Nation gemeistert werden, einer Nation, die, so JF-Chefredakteur Dieter Stein, „geopolitisch schon Kraft seiner Existenz Hegemonie ausübt”. Widerpart seien die USA, und diesen könnte nicht die bestehende EU, sondern ein Europa der Nationalstaaten mit Deutschland als Kernstaat Paroli bieten. Es ist das Verdienst dieses Sammelbandes, dass er Selbstverständnis und inhaltliche Programmatik der Jungen Freiheit nicht nur offenlegt, sondern mit Hunderten stichhaltiger Nachweise zudem gut – teilweise sogar spannend – lesbar der öffentlichen Diskussion zugänglich macht. WIGBERT BENZ
STEPHAN BRAUN/UTE VOGT (Hrsg.): Die Wochenzeitung „Junge Freiheit”. Kritische Analysen zu Programmatik, Inhalten, Autoren und Kunden. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007. 362 Seiten, 39,90 Euro
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3. Süddeutsche Zeitung Nr. 82 vom 8.4.2008, S. 19: DAS POLITISCHE BUCH
Alternativen zum Krieg
Ein Plädoyer für den unterschätzten zivilen Widerstand
Bis heute wird die Terrorherrschaft des NS-Staates und der militärische Sieg über diesen zur moralischen Rechtfertigung von Kriegen instrumentalisiert. Die Kriege gegen Jugoslawien, Afghanistan und den Irak werden entsprechend als waffengestützte humanitäre Befreiungsaktionen gewertet. Abgesehen davon, dass durch solche Gleichsetzungen der Holocaust verharmlost wird, gerät die Fragwürdigkeit von Kriegen zum Herbeibomben von Demokratie und Menschenrechten aus dem Blick. Und völlig außen vor bleibt die Frage, ob der militärische Widerstand gegen Hitler tatsächlich alternativlos gewesen ist.
An solchen Grundüberzeugungen rütteln die in diesem Sammelband vorliegenden Beiträge. Zunächst beschreibt aus der Sicht eines betroffenen Juden György Konrad, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1991, am Beispiel der Judenverfolgungen in Ungarn 1944, dass Mitgefühl und Zivilcourage oft die effektivste Hilfe für die Betroffenen darstellten.
Im Anschluss an Gandhis 1940 publizierten Aufsatz “How to combat Hitlerism?” erörtert der Politikwissenschaftler Theodor Ebert anhand der theologisch-politischen Auseinandersetzung von Bonhoeffer mit Gandhi die ungenügende Rezeption gewaltfreier Handlungsoptionen beim Widerstand gegen Hitler. Dabei wird klar, dass Gandhis Aussage “Der Hitlerismus wird niemals besiegt werden durch einen ihn übertrumpfenden Gegenhitlerismus” angesichts der 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges und der nachfolgenden Perpetuierung militärischer Gewaltmuster nicht zum Belächeln taugt, sondern ernsthaftes Nachdenken abverlangt.
Andreas Buro, wie Ebert Politikprofessor, und Arno Klönne, Hochschullehrer für Sozialwissenschaften, arbeiten dezidiert heraus, dass die Kriegsziele der Alliierten mehr an der Durchsetzung machtpolitischer und ökonomischer Interessen denn an menschenrechtlichen Erwägungen orientiert waren. Zivile Konfliktlösungsmuster wurden kaum und eine pazifistische Politik zur Verhinderung oder Eindämmung des Faschismus gar nicht entwickelt.
Dass es im Wesentlichen spontan, vereinzelt und insgesamt unkoordiniert zivilen Widerstand gegen das NS-Regime und seine genozidale Politik gab, zeigen die Beiträge von Christoph Besemer, Dietmar Böhm, Thomas Seiterich und Renate Wanie. Dieser zivile Widerstand gegen die NS-Gewaltherrschaft war sogar sehr erfolgreich. Die Autoren beleuchten folgende Beispiele:
Die norwegische Bevölkerung wehrte sich gegen die Gleichschaltung durch die Besatzer, indem sich 90 Prozent der 14 000 Lehrer weigerten, der Pflicht zum Beitritt in den NS-Lehrerverband nachzukommen. Auch die Inhaftierung von 1000 Lehrern konnte den Widerstand nicht brechen, und das NS-Marionettenregime in Norwegen musste nachgeben.
Die Solidarität der dänischen Bevölkerung rettete ihren 7000 jüdischen Mitbürgern das Leben. Praktisch sah dies so aus, dass die Deportationsbefehle durch Verstecken von Juden und Evakuierung auf Fischerbooten nach Schweden undurchführbar wurden.
Ähnliches gilt für die Rettung bulgarischer Juden durch das entschlossene gewaltfreie Handeln der überwiegenden Mehrheit der bulgarischen Bevölkerung. Dabei wurde der Protest gegen das Tragen des gelben Sterns 1942 massenhaft öffentlich artikuliert.
Und mitten im Herzen des NS-Staates, in der Berliner Rosenstraße, demonstrierten im März 1943 Frauen gegen die Inhaftierung ihrer in “Mischehe” mit ihnen lebenden jüdischen Männer und erreichten deren Freilassung.
Diese und andere Fakten bestätigen die These der Philosophin Hannah Arendt, die schon 1964 in ihrer Studie über Adolf Eichmann feststellte: “Gerade bei den Leuten in Gestapo und SS paarte sich Rücksichtslosigkeit keineswegs mit Härte; auch die Rücksichtslosesten unter ihnen zeigten eine erstaunliche Neigung, umzufallen, sobald sie mit entschlossenem Widerstand konfrontiert waren.” Unter “entschlossenem Widerstand” verstand Hannah Arendt zivilen, gewaltfreien und offenen Widerstand.
Das Dogma von der Aussichtslosigkeit gewaltfreien Widerstandes, so weisen die Beiträge eindrucksvoll nach, ist ein in Unkenntnis historischer Sachverhalte begründetes Fehlurteil. Tatsächlich wurden auf diese Weise viele tausend Menschenleben gerettet, zum anderen Potentiale am Leben erhalten, die helfen können, die waffenstarrende Welt dem friedlichen statt einer immer wieder militärischen Austragung von Konflikten näher zu bringen. WIGBERT BENZ
WERKSTATT FÜR GEWALTFREIE AKTION, BADEN (Hrsg.): Gewaltfrei gegen Hitler? Gewaltloser Widerstand gegen den Nationalsozialismus und seine Bedeutung für heute. Gewaltfrei Leben Lernen, Karlsruhe 2007. 117 S., 9 Euro.
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4. Süddeutsche Zeitung Nr.251 vom 28. Oktober 2008 , Seite 10: DAS POLITISCHE BUCH
Mörderische Diplomaten
Das Auswärtige Amt war aktiv am Holocaust beteiligt
“Nach meiner Auffassung wird sich schwerlich ein lebender Mensch finden lassen, der so viele Menschen vor einem entsetzlichen Schicksal bewahrt hat, wie ich es getan habe oder es zumindest versucht habe”, schrieb Horst Wagner am 22. Oktober 1953 an den Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers. Der Diplomat und SS-Standartenführer Wagner war Verbindungsmann von Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop zum Reichsführer SS, Heinrich Himmler. Er befürchtete, in ein Land abgeschoben zu werden, aus dem er die Deportationen der Juden unterstützt hatte. Ein Gerichtsverfahren in Osteuropa hätte wohl eine lange Haftstrafe oder ein Todesurteil bedeutet.
Christopher Browning hat in seiner Studie “The Final Solution and the German Foreign Office” 1978 den Anteil des Auswärtigen Amtes (AA) und insbesondere dessen Deutschland-Abteilung unter Leitung des Unterstaatssekretärs Martin Luther an der “Endlösung” untersucht und ein reibungsloses Zusammenwirken mit der SS festgestellt. Im Fokus der quellenfundierten und gut lesbaren Dissertation Sebastian Weitkamps steht nun die Nachfolgeinstitution der Deutschland-Abteilung. Die Gruppe Inland II unter Führung Wagners sowie seines Stellvertreters und Judenreferenten des AA, Eberhard von Thadden, übernahm nach der fehlgeschlagenen Intrige Luthers gegen Ribbentrop im Frühjahr 1943 die “Verbindung zum Reichsführer SS” sowie die Behandlung der “Judenfragen”. Dazu gehörte die “Gesamtabschirmung der deutschen Judenmaßnahmen gegenüber Einsprüchen und Interventionen ausländischer Staaten”.
Fälle einer milden Behandlung einzelner Juden gab es nur, um von der geplanten “Endlösung” abzulenken. Rettungsbemühungen ausländischer Regierungen wurden meist als feindliche Gräuelpropaganda denunziert. Als der Schweizer Gesandte Peter Anton Feldscher im Auftrag der britischen Regierung im Mai 1943 die Ausreise von 5000 Juden, vorwiegend Kindern, nach Palästina erbat, interessierte Wagner und Thadden nicht deren Schicksal, sondern die propagandistische Zurückweisung der Forderung. 1944 organisierte die Abteilung Inland II im AA die Deportation Hunderttausender Juden aus Ungarn. Wagner und Himmler besprachen bei mindestens 16 Treffen dieses Thema. Thadden fuhr im Mai 1944 nach Budapest, um sich mit dem Judenreferenten des Reichssicherheitshauptamtes, Adolf Eichmann, zu verständigen.
Thadden war ein Jurist, der im Februar 1933 in die NSDAP eingetreten war und in seiner Dissertation die “Judenfrage” aufgegriffen hatte. Sein Vorgesetzter Horst Wagner agierte ohne abgeschlossenes Studium auf der Basis der Protektion Ribbentrops als Karrierist – zwei unterschiedliche Tätertypen, die als Funktionäre der “Endlösung” höchst effektiv zusammenfanden. Wagner war der Initiator der Krummhübler Tagung im April 1944, die der Kooperation von AA und SS bei der propagandistischen Absicherung der Judenmorde galt. Zwei Wochen nach der Besetzung Ungarns am 19. März referierte Thadden über “den Stand der antijüdischen Exekutiv-Maßnahmen” und Franz Alfred Six, vormals Amtschef im Reichssicherheitshauptamt und jetzt Leiter der kulturpolitischen Abteilung des AA, sprach direkt von der “physischen Beseitigung des Ostjudentums”.
Alle Ermittlungsverfahren gegen Thadden und Wagner verliefen nach dem Krieg im Sande. Traten beide noch im Nürnberger “Wilhelmstraßen-Prozess” als Zeugen der Anklage auf, so drohte ihnen bald aufgrund der erdrückenden Aktenlage selbst eine Anklage wegen Beihilfe zum Mord. Wagner flüchtete nach Südamerika. Nach seiner Rückkehr behauptete er, er habe niemandem geschadet, sondern viele Menschenleben gerettet. Als der Prozess wegen Beihilfe zum Mord an mehr als 300 000 Menschen in Essen 1972 endlich eröffnet wurde, hielt Wagner das Gericht weitere fünf Jahre hin, bis er 1977 starb. Thadden, der nach dem Krieg als Geschäftsmann reüssierte, wurde 1964 durch einen tödlichen Autounfall aus seiner geglückten Nachkriegskarriere gerissen. Er habe zwar von den Deportationen
gewusst, hatte er gegenüber den Ermittlern eingeräumt, diese aber als kriegswichtige Maßnahme, als Internierung potentieller Feinde, angesehen. Keinesfalls habe er Kenntnis von einer systematischen physischen Vernichtung der Juden gehabt. WIGBERT BENZ
SEBASTIAN WEITKAMP: Braune Diplomaten. Horst Wagner und Eberhard von Thadden als Funktionäre der Endlösung. Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2008. 491 Seiten, 48 Euro.
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5. Süddeutsche Zeitung Nr.26 vom 2. Februar 2009 , Seite 16: DAS POLITISCHE BUCH
Erschlagen und verbrannt
Eine umfassende Darstellung des Holocaust in der UdSSR
Mehr als zwanzig Millionen Sowjetbürger starben während des deutschen Russlandfeldzuges 1941-1945; die Hälfte waren Zivilisten und Kriegsgefangene. “Zig Millionen Menschen werden verhungern, wenn das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird”, wurde am 2. Mai 1941, sechs Wochen vor dem Überfall, in der Aktennotiz einer Besprechung der Staatssekretäre der kriegswichtigen Ressorts mit Wehrwirtschaftsgeneral Georg Thomas festgehalten. Ökonomisches Kalkül zur Eroberung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen sowie ideologische Ressentiments gegen den “jüdischen Bolschewismus” und die laut NS-Propaganda “slawischen Untermenschen” im Osten führten zu einem monströsen Vernichtungskrieg. Dass nicht noch mehr verhungerten, lag am Scheitern des Feldzuges. In die Tat umgesetzt aber wurde der Holocaust auf dem Gebiet der UdSSR, bildeten die Juden doch die verhasste, angeblich biologische Grundlage der bolschewistischen Herrschaft. Von den 2,9 Millionen den Besatzern in die Hände gefallenen sowjetischen Juden überlebten nur etwa 100 000.
Der russische Historiker Ilja Altman, Vizepräsident des Moskauer Holocaust-Zentrums für Forschung und Bildung, legt eine auf beeindruckende Materialdichte gründende und auf eine umfassende Auswertung russischer Archive gestützte Gesamtdarstellung des Judenmords in der ehemaligen UdSSR vor. Dabei belegt er nicht nur, dass die sowjetischen Juden die ersten Opfer der Massenvernichtung in Europa waren, sondern diese Praxis des Völkermords dann auf andere Länder und weitere Menschen ausgeweitet wurde. Außer den Juden teilten auch Millionen “minderwertige Slawen” ihr Schicksal.
6000 von den Besatzern geförderte antisemitische Propagandaschriften konnte Altman ermitteln, mehr als 800 Ghettos zählte er auf dem besetzten Gebiet. Nach der Ausgrenzung steht die physische Vernichtung der Juden im Fokus seiner Untersuchung. Die Ermordung von 2,8 Millionen jüdischen Menschen erfolgte nicht in “Vernichtungs-KZs” wie Auschwitz, Majdanek, Sobibor oder Treblinka, sondern durch Massenerschießungen und eher atavistische Methoden wie Erschlagen und Verbrennen oder aktiv herbeigeführten Hungertod. Altman legt eine präzise Opferstatistik vor. Die Hälfte der auf sowjetischem Gebiet ermordeten Juden starb in der Ukraine, 800 000 verloren in Weißrussland ihr Leben. Jeder vierte Einwohner wurde dort von den Besatzern getötet, jeder dritte Ermordete war ein Jude.
Die Unterstützung der Besatzer durch einheimische Kollaborateure war insbesondere in der Ukraine und den baltischen Ländern erheblich. Den jüdischen Widerstand kann Altman deutlich stärker zeigen als bisher üblich. In den Archiven fand er zahlreiche Belege für – zuweilen sogar gelungene – Versuche, den Henkern ihre Waffen zu entreißen, sich mit Messer, Axt oder Schaufel, ja sogar den bloßen Händen zu wehren. Die Teilnahme an der Partisanenbewegung war bedeutend und oft die einzige Überlebenschance für Juden.
Die – vielleicht einzige – Schwäche des Buches ist das Ausklammern der erschossenen jüdischen Kriegsgefangenen in der detaillierten Opferstatistik. Damit nähert sich Altman, sicher ungewollt, der Tabuisierung dieses Themas in der sowjetischen Historiographie und Publizistik. Erhellend hingegen seine Erörterung des Umgangs der sowjetischen Politik und Gesellschaft mit dem Holocaust. Im Krieg vermied die sowjetische Führung Aufrufe zur Rettung der Juden und gab keine konkreten Informationen über den Judenmord. Dieser wurde unter getöteten “friedlichen Sowjetbürgern” subsummiert und nicht eigens thematisiert.
Nach dem Krieg kam es zu einem regelrechten Verbot des öffentlichen Erinnerns an den Holocaust. Die Publikation eines “Schwarzbuches” zu den jüdischen Opfern wurde verhindert. Viele Todes- und Gulag-Urteile, die 1949 bis 1952 im Prozess gegen das jüdische antifaschistische Komitee der UdSSR gefällt wurden, erwähnen die Beteiligung am Projekt “Schwarzbuch” und qualifizieren diese als Beispiel für verachtenswerten “bürgerlichen Nationalismus”. Denkmälern wurde die Genehmigung verweigert und die Erörterung des Genozids an den Juden in Publizistik und Wissenschaft unterbunden. Zu groß war die Sorge Stalins und seiner Epigonen, der Mythos des “Großen Vaterländischen Krieges” könne durch ein gesondertes Gedenken an die am stärksten der Vernichtung ausgelieferte Menschengruppe an gesellschaftlicher Integrationskraft und damit herrschaftsstabilisierender Wirkung verlieren. WIGBERT BENZ
ILJA ALTMAN: Opfer des Hasses. Der Holocaust in der UdSSR 1941-1945. Mit einem Vorwort von Hans-Heinrich Nolte. Muster-Schmidt Verlag, Gleichen/Zürich 2008. 588 Seiten, 58 Euro.
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6. Süddeutsche Zeitung Nr.50 vom 2. März 2009 , Seite 16: DAS POLITISCHE BUCH
Atombombe im Rucksack
Die aberwitzigen nuklearen Pläne der Bundeswehr in den 60er Jahren
Atomwaffen seien lediglich die Weiterentwicklung der Artillerie. Diese verharmlosende Charakterisierung durch Konrad Adenauer ist bekannt. Und auch die scheinbare Sensationsmeldung des Nachrichtenmagazins Focus, der Historiker Detlef Bald habe herausgefunden, dass in der Bundesrepublik “ab Mitte der 60er Jahre Atombomben lagerten”, ist so neu nicht. Bei Bundeswehrsoldaten galt damals ein Atomminengürtel an der “Zonengrenze” als offenes Geheimnis. Die Pläne des ersten Generalinspekteurs der Bundeswehr, Heinz Trettner, der 1964 auf einer Nato-Tagung in Paris einen Sperrgürtel von “Atomic Demolition Munition” (ADM) in “geringer Entfernung von der Zonengrenze” gefordert hat, seien allerdings nach Protesten der betroffenen Bundesländer vom Tisch gewesen, so Der Spiegel noch 20 Jahre später, am 27. August 1984.
Das Neue und Spannende an Balds Studie ist nun der Nachweis, dass der Minengürtel keinesfalls nur ein Phänomen des Jahres 1964 war. Bald belegt dies durch Zeitzeugenbefragungen und erstmals einsehbare, aber nur teilweise zitierbare Akten im “Bundesarchiv-Militärarchiv”. Der Einsatz von ADM-Waffen war Kernbestandteil der Bundeswehr-Planungen bis in die 70er Jahre. Dabei ging es nicht in erster Linie um den medienwirksamen “Minengürtel”. ADM-Waffen sollten mit kleinen Fahrzeugen, Hubschraubern oder Personen zum Einsatzort transportiert werden. Sie entsprachen der erwünschten multifunktionalen Mobilität, kaum 40 Kilogramm schwer, konnten sie sogar von einem Soldaten im Rucksack transportiert werden.
Am Kartentisch von Hitler
Unter den christdemokratischen Kanzlern Adenauer, Erhard und Kiesinger hatte die Bundeswehr das Recht, im Ernstfall taktische Atomwaffen direkt beim europäischen Nato-Hauptquartier anzufordern und einzusetzen. Zudem war eine entsprechende Dislozierung atomarer Landminen an der “Zonengrenze” bereits erfolgt. Dies war die Situation, die Helmut Schmidt beim Amtsantritt als Verteidigungsminister 1969 vorfand. Noch am 18. September 1968 hatten US-Präsident Johnson und Kiesinger ein entsprechendes Geheimabkommen unterschrieben. Der US-Präsident war befugt, an den Befehlshaber des Nato-Hauptquartiers die Kompetenz abzutreten, taktische Atomwaffen einzusetzen. Deutsche Korpskommandeure konnten die Freigabe der Atomwaffen anfordern, ohne dass die deutsche Regierung informiert werden musste. Die Initiative zu dieser Atomoption ging von ehemaligen Wehrmachtsgenerälen wie Hans Speidel, Heinz Trettner und Adolf Heusinger aus. Letzterer hatte schon den Ostfeldzug Hitlers als Chef der Operationsabteilung im Oberkommando des Heeres mit geplant. Eine niedere Schwelle zum Ersteinsatz taktischer Atomwaffen unter Inkaufnahme von Millionen Opfern auf deutschem Territorium sollte die Sowjetunion von einem Krieg abhalten. Helmut Schmidt brachte dieses Denken bei der Befragung durch den Autor auf die Formel, die Generale der Bundeswehr “standen am Kartentisch von Adolf Nazi, dem Führer”.
Als Verteidigungsminister verwarf Schmidt, unterstützt von Generalinspekteur Ulrich de Maizière, das Konzept der Bundeswehr, die politische Beratung auf die Zeit vor der Krise zu beschränken. Schmidt veranlasste eine Reform mit obligatorischem Universitätsstudium für Offiziere und versetzte eine Reihe von Generalen in den Ruhestand. In Kooperation mit US-Verteidigungsminister Melvin Laird erreichte er die Beseitigung der atomaren Landminen und sorgte in den Nato-Gremien dafür, dass kein Einsatz atomarer Waffen ohne Zustimmung der Regierungen erfolgen konnte.
“Jeder atomare Krieg”, betont Schmidt in seinem Vorwort, “hätte große Teile des deutschen Volkes ausgelöscht.” Am 23. Oktober 1973 wurden in den “Deutschen Einsatzbeschränkungen für ADM” die “Four German No”s” für die Nato verbindlich eingeführt und in einem vertraulichen Briefwechsel von Bundeskanzler Brandt mit US-Präsident Nixon im April 1974 bestätigt. Die Punkte waren: 1. Kein Atomminen-Gürtel an der Grenze; 2. Keine Vorab-Delegation der politischen Entscheidungsgewalt zum Atomwaffeneinsatz an eine militärische Kommandobehörde; 3. Keine militärischen Planungen ohne Schutz der Zivilbevölkerung; 4. Keine Vorbereitung von Sprengkammern oder -schächten in Friedenszeiten. Wie wichtig diese Festlegungen waren, zeigt, dass noch 1970 bei einer neuen Rheinbrücke in Düsseldorf, der “Kniebrücke”, Kammern für nukleare Sprengladungen angebracht werden sollten. In Düsseldorf entstand dann, so de Maizière, “die erste Rheinbrücke ohne Sprengkammern”. WIGBERT BENZ
DETLEF BALD: Politik der Verantwortung. Das Beispiel Helmut Schmidt. Das Primat des Politischen über das Militärische 1965-1975. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt. Berlin, Aufbau Verlag 2008. 288 Seiten, 22,95 Euro.
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7. Süddeutsche Zeitung Nr.176 vom 3. August 2009 , Seite 16: DAS POLITISCHE BUCH
Militärische Illusionen
Die problematischen Auslandseinsätze der Bundeswehr
Noch Anfang der 90er Jahre war klar: Deutsche Soldaten gehören in die Kasernen und dienen der Landesverteidigung. 1992 wurden erstmals ein paar Sanitäter nach Kambodscha entsandt. Es folgte eine kleine Truppe in Somalia. Die Einsätze waren ohne großes Risiko. Präsentiert wurde die Bundeswehr als Truppe leicht bewaffneter Rotkreuzhelfer in Uniform. Heute agieren etwa 7300 Bundeswehrsoldaten auf drei Kontinenten, davon 2140 im Kosovo und 4150 in Afghanistan. Künftig sind noch stärkere Beteiligungen an Interventionen in allen Teilen der Welt geplant. Im “Weißbuch” des Verteidigungsministeriums alarmiert ein eindrucksvoller Bedrohungskatalog: Pandemien, Seuchen, Waffenhandel, Migration, Globalisierung, zerfallende Staaten, Proliferation, Terrorismus, Energieversorgung, Ressourcenverknappung – alles bedroht die Sicherheit und kann Auslandseinsätze erforderlich machen.
Der Autor, ein zum Thema Nuklearrüstung und militärische Interventionen promovierter Politologe, der heute als freier Journalist arbeitet, problematisiert nicht nur die Fragwürdigkeit moralisch aufgeladener Rechtfertigungen für Auslandseinsätze und einen überzogenen Sicherheitsbegriff. Er analysiert die Illusionen, ja auch Unehrlichkeiten, welche die deutsche Militärpolitik inzwischen prägen, und plädiert für eine öffentliche Debatte. Er macht es weder Befürwortern noch Gegnern von Militäreinsätzen leicht. Während er bei den Politikern die überzogene Erwartung kritisiert, eine Art weltweite Kontrollfähigkeit durch den Einsatz militärischer Macht erlangen zu können, unterliegen seiner Ansicht nach auch Gegner der Militäreinsätze dieser Machbarkeitsillusion. Indem sie bei jedem Einsatz vor imperialen Ansprüchen einer vermeintlichen Großmacht Deutschland warnen, tragen sie ebenso zu einer maßlosen Überschätzung der Bundeswehr bei und verkennen, dass selbst die Militärmacht USA eine neue Politik zur Schadensbegrenzung ihrer wenig erfolgreichen Interventionen in Betracht zieht.
Illusionen und Unehrlichkeiten untersucht Chauvistré vor allem an den beiden größten Militärmissionen der Bundeswehr, im Kosovo und in Afghanistan. Beim ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr im Kosovokrieg wurde das erklärte Ziel, die ethnischen Säuberungen zu beenden, notfalls die Beachtung von Menschenrechten herbeizubomben und dann mit massiver Militärpräsenz eine demokratische, multiethnische Gesellschaft zu erzwingen, verfehlt. Die Bundeswehr und ihre Verbündeten konnten nicht verhindern, dass viele tausend Serben und Roma vertrieben wurden. Das friedliche Zusammenleben von Albanern und Serben scheint vorläufig nicht realisierbar. Mit der Dämonisierung des Gegners – der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer nannte den jugoslawischen Ministerpräsidenten Milosevic einen neuen Hitler und verglich die Verbrechen im Kosovo mit Auschwitz – wurde 1999 ein Krieg als moralisch gut erklärt, der in eine nun zehn Jahre andauernde Militärpräsenz mündete, ohne dass ein Erreichen der Ziele in Sicht wäre.
Noch weitaus problematischer ist der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Sie beteiligt sich dort seit Anfang 2002 an der vom UN-Sicherheitsrat beschlossenen International Security Assistance Force (Isaf). Ihr ursprünglich bescheidener Auftrag sah vor, Gebäude und Personal der UN, internationaler Hilfsorganisationen und der afghanischen Regierung in Kabul zu schützen. Dieser Einsatz wurde inzwischen viele Male verlängert, personell verdreifacht, räumlich ausgedehnt und der ursprüngliche Auftrag uminterpretiert. Nun gilt es, der afghanischen Regierung die Kontrolle über das ganze Land zu erkämpfen.
Chauvistré recherchierte, wie dieser Einsatz in der Praxis aussieht: Die Bundeswehr schützt vor allem sich selbst, die Hälfte der Soldaten verlässt bei ihrem viermonatigen Aufenthalt das Lager nicht. Trainiert wird, wie man selbstgebaute Sprengkörper erkennt. Schafft es eine Handvoll Soldaten, heil von einem Lager zum anderen zu kommen, ist das ein Erfolg. Kontakt zur afghanischen Bevölkerung besteht kaum, humanitäre Hilfeleistungen sind entsprechend selten. Dass der Isaf-Einsatz organisatorisch und logistisch vielfach mit dem “Operation Enduring Freedom” (OEF) genannten Kriegseinsatz verwoben ist, thematisiert die Regierung ungern. Mit den menschlichen Kollateralschäden des Krieges, Tausenden getöteten afghanischen Zivilisten und drei Millionen Flüchtlingen, will die Bundeswehr nichts zu tun haben.
“Ohne die Bundeswehr im Ausland wird die Welt nicht zwangsläufig besser”, resümiert Chauvistré, “aber mit ihr eben auch nicht.” WIGBERT BENZ
ERIC CHAUVISTRÉ: Wir Gutkrieger. Warum die Bundeswehr im Ausland scheitern wird. Frankfurt/New York, Campus Verlag 2009. 188 S., 17,90 Euro.
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8. Süddeutsche Zeitung Nr.187 vom 17. August 2009 , Seite 13: DAS POLITISCHE BUCH
Ein bisschen Folter
Das weltweite Verbot darf nicht relativiert werden
Die Folterkeller der Diktaturen blendet der Heilbronner Historiker Alexander Bahar aus. Seine Darstellung fokussiert die Degeneration der ältesten Demokratie zum Folterstaat. Sie beschreibt, wie die USA unter Bush, Cheney und Rumsfeld die Folterpraktiken in Bagram, Abu Ghraib, Guantanamo und vielen anderen global verteilten Geheimgefängnissen der CIA auslösten. Bilder von misshandelten Gefangenen, die weltweit Entsetzen auslösten und Verbrechen, für die bislang nur sieben Soldaten niederer Ränge bis maximal zum Oberfeldwebel verurteilt wurden, prägten die öffentliche Wahrnehmung der Bush-Regierung. Dessen Nachfolger Barack Obama tut sich schwer mit der Aufarbeitung der Verbrechen. Er will Guantanamo schließen, aber die rechtlich fragwürdigen Militärtribunale beibehalten. Er will aufklären, aber die Publikation von Folterfotos verhindern und den politisch und juristisch Verantwortlichen Straffreiheit zusichern.
In einer einführenden komprimierten kurzen Geschichte der Folter legt Bahar dar, dass deren Abschaffung eine Errungenschaft der Aufklärung war. Rückschläge und vor allem die verheerenden Erfahrungen mit der Nazi-Diktatur rückten die Forderungen nach einem wirksamen Schutz der Menschenrechte wieder in den Mittelpunkt internationaler Bemühungen. Gegenwärtig ist Folter nicht nur in Konventionen geächtet, sondern in nahezu allen zur westlichen Kultur gehörenden Staaten unter Strafandrohung verboten. Die Würde des Menschen ist unantastbar, und wenn ein Verfassungsstaat Folter in eng umgrenzten Fällen zulässt, etwa um ein Attentat zu verhindern, wird er “bald auch Menschen foltern” – so die ehemalige Generalsekretärin von Amnesty International, Barbara Lochbihler, in ihrem Vorwort, “die ein Bombenattentat planen könnten oder die jemanden kennen, der ein Bombenattentat plant”.
Gefährdung der Demokratie
Demgegenüber lautete die Prämisse der Bush-Regierung nach dem 11. September 2001, dass der Zweck, den Terrorismus zu bekämpfen, die gewählten Mittel heilige. Unterlagen solche Mittel wie das “Waterboarding”, das simulierte Ertränken von Gefangenen, deren Fesselung in “Stress-Positionen” oder sexuelle Demütigungen einer rechtlichen Beschränkung, musste diese beseitigt werden. So verkündete die Bush-Regierung, gestützt auf die Rechtsgutachten ihrer Juristen, die “verschärften Verhörmethoden” seien Menschenrechtsmaßnahmen zum Schutz vor Unmenschen und ihrem Terror. Tatsächlich führten die propagandistische Verteufelung und Entmenschlichung des Gegners und die Abwertung der Errungenschaften der Aufklärung zu einem Verständnis der Menschenrechte, das diese tatsächlich nur noch als Mittel zum Zweck ansieht und so den Verlust moralischer Hemmungen befördert. Es ist eine Stärke von Bahars Studie, dass sie diesen Widersinn als Indikator für die Gefährdung der Demokratie im globalisierten Kapitalismus analysiert. Sie sieht den Versuch, durch grausame, erniedrigende Behandlung von Menschen Informationen zu erpressen, im Zusammenhang mit der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich und dem zunehmenden Abbau von Menschen- und Bürgerrechten, wie er unter dem Vorwand des “Kampfes gegen den Terror” betrieben wird.
Den problematischen Umgang deutscher Politiker mit dem Folterverbot zeigt Bahar am Fall des von der CIA entführten und misshandelten Deutsch-Türken Murat Kurnaz, dessen Rückkehr nach Deutschland lange Zeit hintertrieben wurde, sowie an den anhaltenden Bemühungen von Politikern wie Bundesinnenminister Schäuble, unter Folter erzwungene Aussagen nutzen zu können. Die Verwertung von Aussagen, die wie in Guantanamo unter Folter zustande gekommen sind, unterläuft das Folterverbot der internationalen Menschenrechtskonventionen. Gleiches gilt für Bestrebungen deutscher Juristen, das Folterverbot aufzuweichen, indem die Menschenwürde nicht mehr zu den bedingungslos zu schützenden Rechtsgütern zählen, sondern mit anderen Rechtsgütern abgewogen werden soll. Bahar zitiert den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Winfried Hassemer: “Der Gefolterte ist nicht mehr als Person da, sondern als Bündel von Schmerzen. Die Menschenwürde ist so etwas wie das Grund-Grundrecht.” WIGBERT BENZ
ALEXANDER BAHAR: Folter im 21. Jahrhundert. Auf dem Weg in ein neues Mittelalter? München, dtv Verlag 2009. 300 Seiten, 16,90 Euro.
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9. Süddeutsche Zeitung Nr.252 vom 2. November 2009 , S. 16: DAS POLITISCHE BUCH
Weltweiter Egoismus
Das 20. Jahrhundert verstärkte die Hierarchien der Staaten
Hans-Heinrich Nolte, Herausgeber der Zeitschrift für Weltgeschichte, gilt als Wegbereiter einer Betrachtung der Geschichte unter dem Aspekt globaler Prozesse und Abhängigkeiten. Nach seiner Studie zu den weltgeschichtlichen Zusammenhängen der Imperien, Religionen und Systeme des 15. bis 19. Jahrhunderts legt er nun eine Analyse der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts vor. Dieses beginnt mit der Unfähigkeit der europäischen Mächte, das Ende ihrer Expansionsmöglichkeiten zu akzeptieren. Als Folge der Aggressionen Deutschlands und Japans gegen ihre Nachbarn wird nach 1945 die politische und ökonomische Vorherrschaft der USA gefestigt.
Der Kalte Krieg zwischen den Staaten der Nato und des Warschauer Paktes verschlingt nicht nur unglaubliche Ressourcen, die für die Überwindung weltweiter Not und die globale Durchsetzung zivilgesellschaftlicher Standards fehlen, sondern gefährdet die gesamte Menschheit. Die Vorstellung, mit dem Sozialismus ein rationaleres und mehr Gleichheit verwirklichendes Gegenmodell zum Kapitalismus zu entwickeln, überwindet nie seinen Geburtsfehler als Diktatur einer Partei, für die der Zweck die Mittel heiligt, und bricht schließlich 1990 in sich zusammen. Wurde das 19. Jahrhundert durch Aufstieg und Expansion Europas bestimmt, prägen die Hegemonie der USA das 20. Jahrhundert, die allerdings an der Jahrtausendschwelle durch China, Indien, Japan und andere asiatische Gesellschaften in Frage gestellt wird.
Mit einer Fülle von Beispielen charakterisiert Nolte das 20. Jahrhundert als Prozess sich verschärfender Widersprüche. Auf der einen Seite beeindrucken vielfältige Emanzipationen, wissenschaftlich-technische Innovationen und eine rasante Globalisierung. Immer stärker sind selbst geographisch entfernte Gesellschaften durch Interaktionen verbunden. Es erschrecken aber wachsende Ungleichheit, Genozide und Vertreibungen, Terrorismus und eine hemmungslose Ausbeutung der Umwelt. Die Unterschiede nehmen zu – zwischen Kulturlandschaft und Versteppung, zwischen Zentren, Slumvierteln und Vorstädten, manchmal im selben Häuserblock zwischen Arm und Reich. Mauern und Wachpersonal sorgen für die Einhaltung der Distanzen. Luftverkehr, Internet und Forschung schaffen Aktionsfelder, die globale Subsysteme mit Auswirkungen bis in den Alltag bilden. Nolte nennt als Beispiel für die Widersprüche den Schlaganfallmediziner in Berlin, der zwar seinen Kollegen in Harvard kennt, nicht aber den Urologen seiner Klinik oder den Mieter der Etage über ihm.
Analytisch und methodisch knüpft Nolte an Immanuel Wallersteins Konzept des Weltsystems an. Dieses ist durch eine Hierarchie der Räume gekennzeichnet, die wachsende Ungleichheit befördert. Die hierarchischen Zentren bilden Europa, die USA und Japan, während große Teile Afrikas sowie Lateinamerika der Peripherie zugeordnet sind, China und Indien in die Halbperipherie aufsteigen. Dieses System ist durch ein kompliziertes Zusammenspiel von Konkurrenz, Kompetenzakkumulation und Expansionen gekennzeichnet, die die Länder des Zentrums begünstigen. Es fehlt ein ausreichender Fundus gemeinsamer politischer, ökonomischer und ethischer Normen.
An verschiedenen Stellen seines Buches zeigt Nolte auf, wie diese Dynamik des Weltsystems trotz aller auch vorhandener Fortschritte im Kern zu immer größeren Gegensätzen zwischen den Staaten des Zentrums und der Peripherie führen. Lagen die Unterschiede des Durchschnittseinkommens zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern zu Beginn der Industrialisierung 1820 bei 3:1, so betrugen sie 1913 schon 11:1, wuchsen 1950 auf 35:1 und 1973 auf 44:1 – Tendenz steigend. Diesen Strukturproblemen des Weltsystems entspricht eine eklatante Schwäche der UN, die zwar einen wichtigen Schub zur Anerkennung universeller Menschenrechte gab, aber letztlich keine den Problemen der Weltbevölkerung angemessene Institution darstellt und in ihrer Entwicklung stagniert.
Nolte plädiert für eine den globalen Bedürfnissen angemessene Ethik der Staaten, die er nach wie vor als die wichtigsten Akteure des weltweiten Konkurrenzsystems ansieht. Diese achteten zwar auf die Moral ihrer Untertanen, verfolgten selbst aber ein als Staatsräson legitimiertes egoistisches Interesse, ohne die verheerenden weltweiten Folgen ihres Handelns zu bedenken. WIGBERT BENZ
HANS-HEINRICH NOLTE: Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2009. 444 Seiten, 29,90 Euro.
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10. Süddeutsche Zeitung Nr. 73 vom 29. März 2010, S. 16: DAS POLITISCHE BUCH
Der Propagandist
Christian Plöger schildert die erstaunliche Karriere des Nazis und Bestsellerautors Paul Carell
Paul Karl Schmidt alias Paul Carell war ein Mann der zwei Karrieren. Mit knapp 29 Jahren avancierte der promovierte Psychologe 1940 als Pressechef des Auswärtigen Amtes zum jüngsten Ministerialdirigenten und Gesandten I. Klasse des NS-Regimes. Zur selben Zeit wurde er SS-Obersturmbannführer. Nach dem Krieg schrieb er geschichtspolitische Artikel, unter anderem in der Zeit, im Spiegel sowie in Springers Kristall und Welt, wobei es immer um den Nationalsozialismus und den Weltkrieg ging. Mit drei Millionen verkauften Büchern prägte der Bestsellerautor das Bild von der deutschen Kriegführung als sauberem, anständigem und heldenhaftem Kampf.
Der Journalist Christian Plöger legt mit seiner Dissertation die erste umfassende Biographie dieses NS-Karrieristen vor. Für den Zeitraum von 1931 bis 1945 hat Plöger rund 25 000 Dokumente ausgewertet. Seine Geschichte von Schmidts Werdegang vom Pressesprecher Ribbentrops bis zum Autor, Sicherheitschef und engen Berater Axel Springers ist spannend und gut geschrieben. Den Schwerpunkt seiner Darstellung legt der Autor auf die Zeit vor 1945.
In einfachen Verhältnissen aufgewachsen und schon als Schüler in die NSDAP eingetreten, amtierte Schmidt im Februar 1933 als Vorsitzender der Kieler Studentenschaft, wurde 1935 stellvertretender NS-Gaustudentenbundsführer und promovierte 1936 mit Bestnote im Fach Psychologie. In einem Bericht Schmidts über ein einwöchiges Schulungslager im Oktober 1933 unter Leitung des Philosophen Martin Heidegger akklamiert er Heideggers Definition des Nationalismus als eines “heldischen Führertums” und des Sozialismus als einer “auf unbedingte Gefolgschaft gegründeten Gemeinschaft eines Volkes”.
Bis zu seinem Wechsel 1937 von der Universität Kiel in die “Dienststelle Ribbentrop” hatte Schmidt als Uni-Assistent und Leiter der “Sektion Zeitungswissenschaft und Meinungsforschung” bereits Erfahrungen mit Pressearbeit gesammelt. Nachdem Ribbentrop das Außenministerium übernommen hatte, wurde er bald dessen Pressechef. Er leitete die täglichen Pressekonferenzen, gab Sprachregelungen für die Auslandsberichterstattung aus und wirkte mit Hilfe zahlreicher Zeitschriften als einer der führenden Auslandspropagandisten des Regimes. Schmidt nahm maßgeblichen Einfluss auf die in Millionenauflage erschienene Auslandsillustrierte Signal, die den Kreuzzug gegen den Bolschewismus propagierte und den Überfall Deutschlands auf die UdSSR als Präventivkrieg rechtfertigte – eine These, die Schmidt auch nach 1945 vertrat.
Freund von Präventivkriegen
In einem Schreiben an Unterstaatssekretär Luther im Dezember 1941 fordert Schmidt, “eine Judenwohnung zugeteilt zu bekommen”, konkret die “Zuweisung einer 9 bis 10 Zimmerwohnung”. Sein Antisemitismus und Karrierestreben gaben Schmidt im Mai 1944 die Idee ein, man möge zur Vorbereitung der Deportation der Budapester Juden diesen Menschen Sprengstoffe und Waffen unterschieben und dann umgehend eine Razzia durchführen, um die Opfer als kriminelle Täter präsentieren zu können.
Nach dem Krieg wurde Schmidt im Wilhelmstraßen-Prozess gegen das Auswärtige Amt kurioserweise zum Zeugen der Anklage. Schon 1949 verfasste er vom CIA finanzierte Propagandaschriften für den Marshallplan, ehe er als P. C. Holm für die Zeit 1954 die deutsche Verantwortung am Weltkrieg herunterspielen durfte. 1957 lancierte er im Spiegel die These vom Alleintäter van der Lubbe beim Reichstagsbrand. Ende der 50er Jahre verstärkte Schmidt sein publizistisches Engagement in der Zeitschrift Kristall, in der er in etlichen Serien den tapferen deutschen Soldaten huldigte.
Mit seinen Bestsellern über das “Unternehmen Barbarossa” stand er dann auf dem Zenit seines publizistischen Erfolgs und überstand auch unbeschadet ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Judenmord 1944. Springer diente er bis zu dessen Tod 1985 nicht nur als Autor, Berater und Redenschreiber, sondern auch als persönlicher Sicherheitschef. Beide verband ein bedingungsloser Antikommunismus. So fand Schmidt in der Welt ein publizistisches Forum. Kurz vor dem Nato-Doppelbeschluss vom Dezember 1979, der neue atomare Mittelstreckenraketen vorsah, propagierte er den notfalls präventiven Einsatz von Bundeswehr und Nato gegen die Rote Armee. Seine “Weltanschauung veränderte er in ihren Grundfesten nicht”, resümiert Plöger Schmidts Wirken nach dem Ende des Nationalsozialismus, “sondern variierte sie lediglich bei Bedarf”. WIGBERT BENZ
CHRISTIAN PLÖGER: Von Ribbentrop zu Springer. Zu Leben und Wirken von Paul Karl Schmidt alias Paul Carell. Tectum-Verlag, Marburg 2009. 475 Seiten, 34,90 Euro.
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11. Süddeutsche Zeitung Nr. 78 vom 4. April 2011, S. 16: DAS POLITISCHE BUCH
Mord nach QuoteWie pflichtbewusste Funktionäre im Machbarkeitswahn sich unter Stalin beliebt zu machen suchten
Unser Bild vom Großen Terror der stalinistischen Sowjetunion ist geprägt von den Schauprozessen der dreißiger Jahre gegen die alten Bolschewiki und die neuen Eliten des Sowjetstaates. Weniger bekannt ist, dass 1937 und 1938 abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit rund 800.000 wenig prominente Sowjetbürger, meist einfache Leute, die aus der Bahn geworfen worden waren, verhaftet und zum Tod oder zu Lagerhaft verurteilt wurden.
Das Deutsche Historische Institut Moskau beleuchtet nun erstmals in zwei Bänden mit Beiträgen russischer, ukrainischer und deutscher Autoren den Vorgang dieser Vernichtungsaktion. Deren Grundlage bildete der „Operative Befehl” Nummer 00447: „Über die Operation zur Verfolgung ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer antisowjetischer Elemente”, der am 31. Juli 1937 vom sowjetischen Politbüro abgesegnet wurde. Die Herausgeber betonen, dass über „keine andere Verfolgungsmaßnahme dieser Größenordnung so viele dokumentarische Belege vorliegen”, auch deswegen, weil über jeden Verfolgten eine Einzelakte angelegt wurde. Vom Befehl selbst erfuhr Russland 1992, der Großteil der Dokumente liegt nun in deutscher Sprache vor. Dabei wird jedem einzelnen Kapitel des Quellenbandes eine ausführliche Einleitung und Kommentierung vorangestellt.
Zu den Zielgruppen des im NKWD-Jargon „ Kulakenoperation” genannten Massenterrors zählten zum einen aus der Verbannung nach Fristablauf zurückgekehrte oder geflohene ehemalige Kulaken und Mitglieder früherer Aufstandsorganisationen, zum anderen „sozial schädliche Elemente”, die als Obdachlose, „Arbeitsscheue” oder „Verbrecher” (zumeist kleine Diebe) aufgefallen waren.
Im ganzen Land wurden sogenannte Troikas gebildet, die ihre Urteile in Schnellverfahren fällten. Ihnen gehörten in der Regel der Leiter des NKWD, der Parteisekretär und der Staatsanwalt des jeweiligen Gebiets an. Für jede der territorialen Einheiten bestimmte der Befehl genaue Opferquoten. Danach sollten zunächst 75.950 Personen als Angehörige
der besonders belasteten „Kategorie 1″ erschossen und weitere 193.000 „Elemente” der weniger belasteten „Kategorie 2″ zu einer mindestens achtjährigen Lagerhaft verurteilt werden. Es gehört zu den verstörendsten Befunden der Dokumentation, dass sich diese vorgesehene Opferzahl mehr als verdreifachte weil die lokalen Partei- und NKWD-Führer die Moskauer Zentrale immer wieder um die Erhöhung der Quoten ersuchten.
Ursachen und Motive für den Beginn des Großen Terrors sehen die Herausgeber in der Stärkung der persönlichen Machtstellung Stalins, dem Bestreben, angesichts der bestehenden Kriegsgefahr eine potentielle fünfte Kolonne präventiv zu vernichten, und der schnell gefundenen Antwort auf die Frage, wie mit ehemaligen aus den Verbannungsgebieten zurückgekehrten „Kulaken” zu verfahren sei. Letztlich aber, schreiben sie, sei die Anwendung hemmungsloser Gewalt zum Selbstzweck geworden. Zudem habe der Machbarkeitswahn, die Idee von einer gewaltsamen Befreiung der Gesellschaft von sozialen Problemen und Konflikten, eine wichtige Rolle gespielt.
Dieses Konglomerat an, zur Vernichtung führenden ideologischen und sozialen Sprengsätzen zeigen die Autoren anhand der Akte des zum Tod durch Erschießen verurteilten Schmieds Pavel Ivanovic C. aus dem Ort Paniklja im Kaliningrader Gebiet, der in seiner Kolchose eine lasche Arbeitshaltung an den Tag legte und unter Alkoholeinfluss Drohungen gegen die Sowjetführung ausstieß.
Zunächst machte ein Gutachten des Dorfsowjets den Schmied zum „Kulaken”, da er früher Land besessen und zeitweilig Lohnarbeiter beschäftigt habe. Fünf Zeugen sagten gegen ihn aus. Der erste, ein örtlich leitendes Parteimitglied, behauptete die Gegnerschaft des Beschuldigten zur Sowjetmacht bestehe seit 1918 und dauere an.
Der zweite, der Kolchosvorsitzende des. Schmieds, wollte einen ungeliebten Mitarbeiter loswerden: C. habe die Arbeitsdisziplin verletzt sowie systematisch und öffentlich auf die Sowjetmacht geschimpft. Der dritte, ein Lagerarbeiter und Kollege, wusste, zu berichten, C. sei eigentlich schon 1918 als Rädelsführer eines Aufstandes zur Erschießung vorgesehen gewesen. Der vierte, ebenfalls ein Arbeitskollege, führte aus, der Schmied habe die Reparatur von Traktoren sabotiert und danach getrachtet, die Ernte zu verhindern. Und der letzte Zeuge, der Priester von Paniklja, gab an, der Beschuldigte habe geäußert, eigenhändig Stalin erschießen zu wollen.
So kam es, dass Pavel Ivanovic C. selbst erschossen wurde. Erst nach mehr als fünfzig Jahren wurde er formal rehabilitiert. Die Staatsanwaltschaft erklärte lapidar, sie habe „keine rechtskonformen Verurteilungsgründe“ finden können. WIGBERT BENZ
ROLF BINNER, BERND BONWETSCH, MARC JUNGE (Hrsg.): Massenmord und Lagerhaft. Die andere Geschichte des Großen Terrors. 821 S., 39,80 Euro. Und: Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937-1938. 729 S., 39,80 Euro. Akademie Verlag, Berlin 2009 und 2010.
Wigbert Benz’ Buch „Der Hungerplan im Unternehmen Barbarossa 1941“ erscheint im Mai beim Verlag wvb.