Antisemitismus – der ewige Sündenbock Israel

Tilman Tarach: Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die „Protokolle der Weisen von Zion“ und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt. Edition Telok; Kopenhagen, Freiburg, Zürich, 3. überarb. Auflage 2010; 304 Seiten; 19,80 Euro

Was hat der Freund des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler, der Großmufti von Jerusalem Hajj Muhammad Amin el-Husseini, mit dem heutigen Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis zu tun? Nun, Husseini hatte sich nicht nur von 1941 bis Kriegsende als persönlicher Gast Adolf Hitlers in Berlin aufgehalten und die Bildung muslimischer SS-Divisionen auf dem Balkan initiiert.

Er hielt nicht nur Ansprachen an die Imame der muslimischen SS-Divisionen, in denen er 1944 die gemeinsamen „geistigen und materiellen Interessen“ des Islam – zumindest des Islam in seinem Verständnis – und der NS-Ideologie betonte: das Führerprinzip, die Gehorsamspflicht, das Prinzip von Blut und Ehre, die Verherrlichung der Gemeinschaft und der Arbeit, den Kult um Mutterschaft und Familie und nicht zuletzt die Bekämpfung der „jüdischen Gefahr“. Der Großmufti von Jerusalem war auch der oberste islamische Rechtsgelehrte in der gesamten Region Palästina und fungierte als geistiger Kopf und späterer Mentor der „Palästinensischen Befreiungsorganisation“. Den UN-Teilungsplan vom 29. November 1947 (UN-Resolution 181), welcher die Gründung eines jüdischen und eines palästinensischen Staates vorsah, lehnte er ab und trägt deshalb die Mitverantwortung dafür, dass es 1947/48 nicht zur Gründung eines palästinensischen Staates kam – mit den bekannten Folgen Krieg, Flucht und Dauerkonflikt bis heute.

Doch noch 2002 bezeichnete Palästinenser-Führer Jassir Arafat, der bis heute von großen Teilen nicht nur der politischen Linken verehrt wird, den verstorbenen Großmufti als „unseren Helden“. Bis dato verströmt die Charta der PLO den Geist des Großmuftis und propagiert die palästinensische Nationalhymne das „Verlangen meines Blutes nach meinem Land und Heim“, keine nur romantisierende arglose Liedzeile, sondern durch die Verfünffachung der Zahl der palästinensischen Flüchtlinge im letzten halben Jahrhundert und dem Beharren auf dem uneingeschränkten „Rückkehrrecht“ eine Forderung mit enormer politischer Sprengkraft. Verfünffachung der Flüchtlingszahl seit 1949 deshalb, weil die UN etwas möglich machte, was in der Welt einzigartig ist: die Erblichkeit des Flüchtlingsstatus durch Kinder, Enkel und Urenkel. Bis heute unternehmen arabische Länder wie Jordanien, Syrien oder der Libanon keine Anstrengungen, palästinensische Flüchtlinge zu integrieren.

Der Autor Tilman Tarach, promovierter Jurist, legt eine faktenreiche dezidiert belegte und gut geschriebene Studie vor, die aufräumt mit den romantisierenden Klischees von palästinensischen Opfern und deren Befreiungskampf auf der einen – der guten – und den israelischen Unterdrückern, ja Tätern, auf der anderen – der bösen – Seite. Nicht die USA, wie immer wieder behauptet wird, beförderten die Gründung Israels und lieferten ihm Waffen, als es gleich nach seiner Staatsgründung 1948 von arabischen Nachbarstaaten überfallen wurde, sondern die Sowjetunion. Und die USA pflegen nicht nur zum israelischen Staat gute Beziehungen, sondern ebenso zur PLO, deren Sicherheitskräfte auch vom amerikanischen Geheimdienst CIA geschult wurden.

Tarach führt aus, wie das Bild vom unverhältnismäßig aggressiven Okkupanten Israel in unseren Medien geschürt wird. Da werden schon mal Bilder angeblicher palästinensischer Opfer israelischer Sicherheitskräfte millionenfach verbreitet, bei denen es sich wie beim Fall des amerikanisch-jüdischen Studenten Tuvia Grossmann um einen vom palästinensischen Mob halb zu Tode geprügelten jüdischen Menschen handelt, der im letzten Moment von einem israelischen Polizisten gerettet wird, der den Peinigern, von denen auf dem Foto keiner gezeigt wird, mit Prügel droht. Die Raketenangriffe auf jüdische Siedlungen werden tendenziell als nicht ernst zu nehmende Attacken mit selbst gebastelten Flugkörpern verharmlost, die Attentate palästinensischer Selbstmordkommandos als individuelle Verzweiflungstaten charakterisiert. Nicht ins Bild vom unverhältnismäßig aggressiven Besatzer Israel passende Informationen werden verschwiegen, so die Tatsache, dass sich die Zahl der ermordeter israelischer Juden während der Hochphase der Friedensverhandlungen in den 1990er Jahren erhöhte und nach dem Ende der Regierungszeit Rabin/Peres wieder sank. Der Rückzug der Israelis aus dem Libanon im Mai 2000 wurde von palästinensischen Fanatikern als Schwäche ausgelegt. Es folgte die „Al-Aksa-Intifada“, in welcher über 1.000 Israelis durch Anschläge getötet und mehr als 7.000 verletzt wurden. Und nach dem Abzug Israels aus dem Gaza-Streifen im Sommer 2005 schlugen alleine in die israelische Kleinstadt Sderot bis Herbst 2008 zweitausend Raketen ein, die zwar „nur“ ein Dutzend Menschen tötete, aber Hunderte verletzte, darunter viele durch abgerissene Beine und Arme verkrüppelte.

Der Autor betont, dass die in der deutschen Öffentlichkeit zu Recht gezeigte Abscheu gegenüber dem Holocaust grenzenlos und die Solidarität mit den unter Hitler getöteten Juden unübertrefflich erscheinen, dass jede Schmiererei an einem jüdischen Grabstein auf das Schärfste geächtet wird, die Haltung gegenüber den lebenden Juden im Staat Israel aber sehr viel anders aussieht. Dem Zionismus als Bestreben, einen wehrhaften jüdischen Staat zu gründen und zu bewahren, wird mit Misstrauen begegnet. Dabei geht es nicht um sachliche und legitime Kritik an israelischen Besatzungs- oder Militärmaßnahmen. Vielmehr gehe es darum, dass das Recht auf einen jüdischen Staat bestritten und diesem das Modell eines arabisch-jüdischen Staates Israel entgegengestellt werde, ohne zu thematisieren, dass schon heute 20 Prozent der israelischen Staatsbürger Araber sind und dass die „Rückkehr“ von Millionen palästinensischer Flüchtlinge im Kontext feindlich gesonnener Nachbarn den Staat Israel zur Implosion bringen könnte. Tarach wendet sich nicht gegen die Zweistaatenlösung, sondern kritisiert die Forderung der mit Hamas und Hisbollah verbündeten Teile der Linken nach einem „uneingeschränkten Rückkehrrecht“ der palästinensischen Flüchtlinge, was in der Konsequenz einen palästinensischen Staat ohne Juden und einen israelischen Staat mit lediglich einer jüdischen Minderheit bedeuten würde.

Wie feindselig die Stimmungsmache im arabisch-palästinensischen Umfeld gegen Israel ist, zeigt die gegenwärtige Propaganda mit den so genannten „Protokollen der Weisen von Zion“, einer vom zaristischen Geheimdienst Ende des 19. Jahrhunderts fabrizierten plumpen Fälschung, die sich als Dokument eines angeblichen jüdischen Geheimplans zur Erlangung der Weltherrschaft präsentiert. Nicht nur, dass die Charta der Hamas heute in ihrem Artikel 32 behauptet: „Der zionistische Plan ist grenzenlos (…) Ihr Plan ist in den ‚Protokollen der Weisen von Zion’ verankert.“ Das Mitglied des palästinensischen Exekutivrates Sheik Dr. Ahmad Bahar verkündete am 4. August 2006 im palästinensischen Fernsehen: „Die Protokolle der Weisen von Zion rufen zur Ermordung von Kindern, Frauen und Männern auf.“ Und eine populäre 20teilige in Syrien produzierte und in den letzten Jahren in vielen Ländern des Nahen Ostens ausgestrahlte Fernsehserie präsentiert die angeblichen „Protokolle“ in Gestalt klassischer antisemitischer Ritualmordlegenden, nach der Juden moslemische und christliche Kinder töten, um deren Blut für das Pessachfest zu genießen.

Das Buch stellt ein wichtiges Korrektiv gegen gängige Klischees, Vorurteile und Stereotypen zur Beurteilung des israelisch-palästinensischen Konflikts dar – seine Lektüre ist unbedingt zu empfehlen.

Tilman Tarach: Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die „Protokolle der Weisen von Zion“ und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt. Edition Telok; Kopenhagen, Freiburg, Zürich, 3. überarb. Auflage 2010; 304 Seiten; 19,80 Euro

Quelle: ZivilCourage. Das Magazin für Pazifismus und Antimilitarismus der DFG-VK. Heft Nr. 2 – Mai 2010, S. 18 f.


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